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03/07/2018 14:26 CEST | Aktualisiert 03/07/2018 19:43 CEST

Es verlängert unser Leben – aber kaum ein Arzt verschreibt das Wundermittel

Bewegung ist der wirksamste Weg, um Lebensqualität und -länge zu verbessern.

K.C. Alfred via Getty Images

Mit zittrigen Knien sitze ich im Wartezimmer. “Frau Urner, bitte.” In meinem Kopf wummert der Schmerz; als ich mich erhebe, muss ich mich am Blumentopf neben mir festhalten. Ich bin müde und ausgelaugt, doch mein Körper scheint mir den Schlaf in letzter Zeit nicht zu gönnen.

7 Minuten später verlasse ich die Praxis mit einem Stück Papier, auf dem Medikamentennamen und das Wort “Ruhe” gekritzelt sind. Ich bin verwirrt und verzweifelt.

Schon lange wissen wir, dass Bewegung gesund ist – daran bestehen keine wissenschaftlichen Zweifel. Doch laut ärztlicher Empfehlung soll ich jetzt die Beine hochlegen, um wieder gesund zu werden? Und das, obwohl mittlerweile auch bekannt ist, dass

1. regelmäßige Bewegung als Universalmittel sämtliche Aspekte unserer Gesundheit positiv beeinflussen kann und
2. schon sehr wenig Großes bewirken kann. Für Jung und Alt, für Gesunde und Schwerkranke.

Diese Erkenntnisse haben wir einem Wandel in der Wissenschaft zu verdanken. Lange Zeit galt: Die Wirkung von Bewegung zu untersuchen, ist Zeitverschwendung! Viel zu komplex! Aber eine Studie nach der anderen zeigt, dass Bewegung tatsächlich der wirksamste Weg ist, um Lebensqualität und -länge zu verbessern.

Bewegungsmangel ist global einer der wichtigsten Gründe für schlechte Gesundheit. Das proklamiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit Jahren.

Gäbe es ein Medikament, das die gleiche Wirkung auf die menschliche Gesundheit hätte wie Bewegung, wäre es mit Sicherheit das wertvollste Arzneimittel aller Zeiten. Mark Tarnopolsky (Neurowissenschaftler)

Wieso verschreibt mir der Arzt also noch immer Tabletten statt Bewegung? Und wie können wir das ändern? Es ist an der Zeit, »Bewegung auf Rezept« einzuführen! Gilt dabei auch: “Mit Risiken und Nebenwirkungen”? Um die Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die Packungsbeilage des Wundermittels “Bewegung”.

Bevor du die die einzelnen Abschnitte der Packungsbeilage lesen kannst, folgt jeweils eine kleine Übung. Die 1. lautet:

Stehe auf und laufe einmal durchs Büro, die Treppe hoch und runter, die Straße entlang etc.

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Die Dosierung und Darreichungsform

Tatsächlich empfehlen Mediziner und Gelehrte bereits seit Jahrtausenden Kranken und Gesunden vor allem eins: Bewegung. Auch ohne die wissenschaftliche Basis war ihnen die scheinbar wundersame Wirkung von Bewegung bewusst. Mittlerweile müssen wir nicht mehr an Wunder glauben: Die umfassende Wirkung ist nachgewiesen.

Bewegungsmangel zerstört die gute Verfassung eines jeden Menschen, während Bewegung und methodische Leibesübungen diese erhalten. Plato

Während ich mit hängendem Kopf die Arztpraxis verlasse, mache ich mich auf den Heimweg. 25 Minuten Fußweg liegen vor mir und ich frage mich: Was genau zählt eigentlich als Bewegung? Zählt mein Spaziergang als körperliche Aktivität? Wo hört Bewegung auf und wann fängt Sport an?

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Häufig werden “Bewegung” und “körperliche Aktivität”, so wie hier, synonym verwendet. Technisch gesehen sind wir körperlich aktiv, wenn wir uns so bewegen, dass der Energieverbrauch den Grundumsatz übersteigt – egal ob bei der Gartenarbeit, im Fitnessstudio oder auf dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit.

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Nicht jede Bewegung ist Sport, aber jeder Sport ist Bewegung

Sport – oder sportliche Aktivität – ist eine Untergruppe von körperlicher Aktivität. Geprägt durch unsere Geschichte und Kultur geht es dabei vor allem um Spaß an der Bewegung, aber auch um Leistung und Wettkämpfe.

Nicht jede Bewegung ist Sport, aber jeder Sport ist Bewegung – ausgenommen Denksportarten wie Schach.

Essen allein erhält den Menschen nicht. Er muss sich auch körperlich betätigen. Hippocrates ("Vater der Medizin")

Bestimmt fallen dir jetzt 1001 Möglichkeiten ein, bei denen du ins Schwitzen kommst. Alle diese Aktivitäten lassen sich in genau zwei Kategorien einteilen: aerob und anaerob.

Aerobe Aktivität ist das, was wir meist als Ausdauersport bezeichnen: Laufen, Schwimmen, Radfahren, Wandern. Zu den anaeroben Aktivitäten gehören Krafttraining, aber auch Sprints und Intervalltraining mit Wiederholungen, die nicht länger als 2 Minuten dauern.

Die beiden Arten unterscheiden sich vor allem darin, wie die nötige Energie gewonnen wird und welche Muskeln diese bereitstellen.

Perspective Daily / WHO
Wie viele Menschen bewegen sich zu wenig?

Viele Menschen bewegen sich zu wenig – aber: Wie viel ist eigentlich “genug”? Die Empfehlung der WHO lautet: 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive körperliche Aktivität, plus 2 Mal Kräftigungsübungen. Nicht pro Tag, sondern pro Woche! Aufgeteilt in Einheiten von mindestens 10 Minuten.

Und die Darreichungsform?

Die Bewegung kann entweder während der Arbeit, beim Transport oder in der Freizeit stattfinden. Heute schon Wäsche gewaschen oder das Bad geputzt? In der Mittagspause zum Bäcker gegangen – also nicht motorisiert? Am Abend mit einem Kind gekabbelt? All das zählt als Bewegung. Anstrengende Gartenarbeiten wie Harken und Graben gehen sogar als “starke körperliche Aktivität” durch.

Bereits zehn Minuten sehr intensives Training haben einen starken Effekt auf Herz und Blutzucker

Und für ganz Hartgesottene gilt die alte Weisheit “Kleinvieh macht auch Mist”. Wer mehr steht und weniger sitzt, verringert sein Risiko, an Krebs oder Diabetes zu erkranken und frühzeitig zu sterben. Wer öfter mal auf dem Bürostuhl hin und her wackelt, beschert sich dadurch einen messbaren, positiven Effekt auf die eigene Gesundheit.

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Das letzte Wort zur Frage, wie viel Bewegung von welcher Art optimal ist, steht noch aus. Einige Wissenschaftler erforschen aktuell die bestmögliche Dosierung und untersuchen, ab welcher Dauer gesundheitsfördernde Wirkungen messbar sind. Die vorläufige Antwort lautet: Ab einer ziemlich kurzen Dauer!

Damit ist auch das häufigste Argument von Bewegungsmuffeln unwirksam: “Keine Zeit!” Hoch intensives Intervalltraining (also High-Intensity Interval Training, HIIT) ist der neueste Schrei: 10 Minuten sehr intensives Training haben den gleichen Effekt auf unser Herz und unsere Blutzuckerwerte wie 50 Minuten moderates Training. Selbst noch kürzere Work-Outs von unter 1 Minute bewirken Erstaunliches in unserem Körper.

Die effektivste Therapie, die meinen Patienten aktuell zur Verfügung steht, ist Bewegung. Mark Tarnopolsky (Neurowissenschaftler)

Es muss also nicht immer gleich der 10-Stunden-Wochen-Trainingsplan, eine Mitgliedschaft im hippen Fitnessstudio der Stadt oder der nächste Ultramarathon sein.

Auch wer auf der Suche nach der maximalen Wirkung ist, findet mittlerweile erste Antworten. Gerade bei den präventiven Effekten durch Bewegung zeigen viele Studien einen linearen Zusammenhang. Sprich: Je mehr Bewegung, desto höher die positiven Wirkungen. Das bedeutet aber nicht: maximaler Effekt bei 24 Stunden Dauerbewegung. Jeder Sportler weiß: Die Regeneration ist die halbe Miete. Eine Meta-Studie aus dem Jahr 2015 mit mehr als 650.000 Amerikanern legt nahe, dass bei drei bis fünffacher Dauer der empfohlenen 150 Minuten pro Woche eine Schwelle erreicht ist. Was darüber hinaus geht, hat keine zusätzlichen Vorteile – schadet aber auch nicht.

Erste Schweißperlen auf meiner Stirn, meine Lunge hat sich geweitet, mein Herz pumpt schnell. Spontan habe ich ein paar Sprints auf dem Heimweg vom Arzt eingebaut. Der Wind bläst mir um den Kopf, als ich mit den Händen in den Hüften am Hafen zum Stehen komme.

Herzschlag, Stoffwechsel, Muskelaufbau – was kann das Wundermittel denn nun genau? Welche Leiden und Beschwerden können wir mit Bewegung tatsächlich vermeiden?

Bevor es weitergeht, hier die nächste Übung: Mache 5 Liegestützen.

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 Die Anwendungsgebiete

“Ruhe”, hatte der Arzt auf mein Rezept geschrieben, um meiner Erschöpfung und den Schlafstörungen beizukommen. Wie altmodisch.

 

Bewegung galt [1950] nicht als Teil der medizinischen Versorgung. Nach einem Herzinfarkt lautete die Empfehlung, die nächsten 6 Wochen im Bett liegend zu verbringen. Kenneth Cooper (Sportmediziner und Erfinder des Aerobic)

Bewegung ist nicht nur für die Gesunden. In der Rehabilitation wird mittlerweile empfohlen: So früh und viel wie möglich bewegen – egal ob Hüft-OP, traumatischer Hirnschaden oder Herzinfarkt. Das gleiche gilt für zahlreiche Krankheiten wie Diabetes Typ 2 und Herzversagen, bei denen Patienten lange Zeit Schonung verordnet wurde – und andere »Umstände« wie Schwangerschaften.

Die folgende Liste konzentriert sich auf erhaltende und präventive Effekte durch Bewegung – und ist natürlich nur ein Ausschnitt.

Mortalität: Selbst wer nicht auf die empfohlenen 150 Minuten pro Woche kommt, kann die lebensverlängernden Effekte regelmäßiger Bewegung nutzen. In einer Meta-Studie mit mehr als 400.000 Taiwanern sorgten 90 Minuten pro Woche – also weniger als 15 Minuten pro Tag – im Durchschnitt für 3 zusätzliche Lebensjahre. Jede zusätzlichen 15 Minuten pro Tag erhöhten die Lebenserwartung weiter.

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Herzkrankheiten: 1953 zeigten britische Wissenschaftler zum ersten Mal einen Zusammenhang zwischen Bewegung am Arbeitsplatz und bestimmten Herzkrankheiten. Londoner Busfahrer, die hauptsächlich sitzend arbeiteten, litten häufiger an Herzstörungen als ihre aktiveren Kollegen, die Tickets abstempelten und Fahrgästen unter die Arme griffen. Heute wissen wir, dass regelmäßige Bewegung uns tatsächlich vor Herzkrankheiten schützt. Dabei helfen schon die kleinsten »Dosen«: Selbst 1 Stunde schnelles Gehen pro Woche hat messbare positive Auswirkungen.

Diabetes Typ 2: Wie bei allen chronischen Krankheiten, ist es auch bei Diabetes Typ 2 schwierig, den genauen Einfluss von Dauer und Intensität eines Bewegungsprogramms zu berechnen. Eine Studie mit knapp 70.000 gesunden Krankenschwestern zeigte, dass jene mit einem »aktiven Lebensstil« ein um 40% geringeres Risiko hatten, an Diabetes Typ 2 zu erkranken. Der »aktive Lebensstil« bestand aus nicht mehr als 2 Zutaten: weniger als 10 Stunden Fernsehen pro Woche und mindestens 30 Minuten schnelles Spazierengehen pro Tag.

Schlaganfall: Hier gilt ähnliches wie bei Herzkrankheiten und Diabetes Typ 2. Menschen, die sich regelmäßig bewegen, haben ein deutlich niedrigeres Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, als Couch-Potatoes – bis zu 68% niedriger, zeigt eine kanadische Meta-Studie.

Darm- und Brustkrebs: Auch für andere Krebsarten besteht ein Zusammenhang; am besten untersucht ist er aber für Darm- und Brustkrebs. Gerade bei älteren Frauen in der Menopause ist der Effekt besonders groß.

Bluthochdruck: Wer sich regelmäßig bewegt, schützt sich vor Bluthochdruck. Aber schon nach einer Trainingseinheit ist unser Blutdruck häufig auch noch Stunden später niedriger – das wirkt sich wahrscheinlich ebenfalls positiv auf unsere Gesundheit aus.

Müdigkeit und Schlafstörungen: Müde und schlapp? Da bleibt nicht viel Energie fürs morgendliche oder abendliche Sportprogramm. Das kam mir bekannt vor. Hilft da Ruhe? Weit gefehlt! Nach einem Arbeitstag im Büro schreit unser Körper regelrecht nach Bewegung. Einmal verstanden, dass die Erschöpfung nach stundenlanger Computerarbeit eine andere ist als nach 1 Stunde Sportprogramm, raffen wir uns auf und es kann losgehen.

Sport kommt einer “drogenfreien”Müdigkeitsbekämpfung gleich. Egal ob für Schwangere, die sich nach einem kleinen Krafttraining weniger schlapp fühlen oder für Büromenschen, die sich nach nur 20 Minuten lockerem Radeln viel energiegeladener fühlen als das Gegenüber, das sitzen geblieben ist.

Auch für Menschen, die unter Chronischer Müdigkeit oder Schlafstörungen leiden und häufig keine Besserung durch Tabletten erfahren, ist Bewegung eine vielversprechende Medikation.

Wenn ich sie dazu bekäme, das regelmäßig zu machen – und wenn es nur ein Spaziergang wäre, etwas, dass ihren Puls ein wenig hochtriebe – würden sich ihre chronischen Krankheiten dramatisch verbessern. Ganz zu schweigen von all den anderen Dingen, wie der Depression, Angstzuständen, Stimmung und Energie. Robert Sallis (Arzt, der seit mehr als 25 Jahren Bewegung verschreibt)

Während die eher klassischen »Fitnesseffekte« auf Herz, Muskeln und Knochen schon viel länger untersucht werden, steht der Zusammenhang zwischen Gehirn und Bewegung erst seit einem guten Jahrzehnt bei Wissenschaftlern hoch im Kurs.

Gedächtnis: Ähnlich wie beim Blutdruck, hilft schon ein einmaliges Training beim Erinnern. So können wir uns Dinge besser merken, wenn wir uns ein paar Stunden nach dem Lernen aufs Rad schwingen.

Stress und Depression: Jeder, der “seinen” persönlichen Sport gefunden hat, kennt das “Abschalten” währenddessen und das wohltuende Gefühl der Erschöpfung danach. Fittere Menschen mit gesundem Herzen und gesunder Lunge leiden seltener an Depressionen. Selbst bei depressiven Patienten, bei denen Medikamente nicht helfen, wirkt sich Bewegung positiv aus. Gleiches gilt für andere psychische Erkrankungen wie Schizophrenie.

Libido: Noch ist nicht eindeutig geklärt, inwieweit Sex die Leistungsfähigkeit von Leistungssportlern beeinflusst und ob es dabei Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. In jedem Fall kann sich zu viel Sport negativ auf die Libido auswirken, vor allem bei Ausdauerathletinnen. Frauen mit geringer Libido hingegen können von körperlicher Aktivität profitieren: Schauen sie erotische Filme, sind sie im Anschluss an eine Laufeinheit erregter als solche, die zuvor nicht auf dem Laufband standen.

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Heißhunger: Auch, wenn mittlerweile klar ist, dass regelmäßige Bewegung nicht der sicherste Weg zum Wunschgewicht ist, leiden fitte Menschen seltener an Übergewicht und Fettleibigkeit als andereSie verbrennen nicht nur mehr Kalorien: Erste Studien zeigen, dass regelmäßige Bewegung im Büroalltag helfen kann, unsere Essgewohnheiten positiv zu beeinflussen. Menschen, die nach getaner Denkarbeit 15 Minuten Intervalltraining absolvieren, essen im Anschluss weniger Pizza, als diejenigen, die die 15 Minuten rumsitzen.

Als ich zu Hause ankomme, pulsiert mein Herz noch immer spürbar in meiner Brust. Ein leicht salziger Geschmack auf den Lippen. All das kann ich zwar fühlen, frage mich aber dennoch: Wie wirkt das Wundermittel Bewegung eigentlich genau?

Bevor es weitergeht, hier die nächste Übung:

Balanciere mit geschlossenen Augen jeweils 10 Sekunden auf einem Bein.

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Die Wirkungsweise

Eines ist sicher: Bewegung setzt nicht nur einen Wirkstoff, sondern eine ganze Reihe von ihnen frei. Sind wir aktiv, steigern wir automatisch den Blutfluss zum Gehirn und stimulieren so das Wachstum neuer Blutgefäße und Hirnzellen.

Um den einzelnen Wirkstoffen auf die Spur zu kommen, entnehmen Forscher während und direkt nach körperlicher Aktivität Blutproben – und sind immer wieder beeindruckt, was sie alles darin finden. Auch der lebenserhaltenden Wirkung sind sie auf der Spur. Ähnlich wie die Zeitlupen-Funktion in Filmen verlangsamt Bewegung die Zellalterung im Körper. Bereits nach 45 Minuten Radfahren schwimmen in unserem Blut mehr Moleküle, die dabei helfen.

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»Es gibt 33 chronische Krankheiten, die durch die Medizin der Bewegung beeinflusst werden. Mobilität als Medizin verändert uns bis hin zu unseren Stammzellen.« – Vonda Wright (Chirurgin, Wissenschaftlerin und Autorin)

Aktuell planen die amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) eine gewaltige Studie: 6 Jahre Forschungsdauer, 170 Millionen US-Dollar, 3.000 Menschen von jung bis alt, die verschiedene Sportprogramme absolvieren, plus Kontrollgruppen und Untersuchungen mit Tieren. Die Ergebnisse sollen zeigen, wie bestimmte körperliche Aktivitäten in unserem Körper im Detail wirken. So soll Ärzten die notwendige Grundlage verschafft werden, um uns konkrete Bewegungsprogramme inklusive Dosierung zu verschreiben.

Die letzte Übung:

Mache 10 breitbeinige Kniebeugen und strecke die Arme dabei nach vorn.

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Das Zulassungsverfahren

Ich bin davon überzeugt, dass es für jeden Menschen eine Art der Bewegung gibt, die gleichzeitig Spaß macht und die positive gesundheitliche Auswirkungen mit sich bringt. 

Ein Spaziergang in der Mittagspause, Treppen statt Fahrstuhl. Du brauchst keine Spezialkleidung, keine Spezialschuhe, keinen bestimmten Ort, um dich zu bewegen, um Bewegung Teil deines Alltags werden zu lassen. Beth Prairie (Gynäkologin)

Das einzige Paradox, mit dem wir als Menschen zu kämpfen haben: Einerseits sind unsere Körper für Bewegung konzipiert, andererseits versuchen sie, möglichst viel Energie zu sparen – für härtere Zeiten.

Nur: Diese härteren Zeiten treten im Alltag des 21. Jahrhunderts immer seltener ein. Wir sind also darauf “programmiert”, den einfachen, bequemen Weg des geringsten Widerstands zu nehmen. Am Fahrstuhl Schlange stehen, statt die Treppen zu nehmen, ins Auto, statt aufs Fahrrad zu steigen. Auch wenn die Bewegung in vielen Fällen am Ende mehr Freude bereitet, kostet es zunächst mehr Kraft, die anfängliche Trägheit zu überwinden und im wahrsten Sinne des Wortes den ersten Schritt zu machen.

Unsere Gewohnheiten stehen uns dabei gern im Weg. Die gute Nachricht: Die können wir ändern. Über die “Macht der Gewohnheiten” und Methoden, wie wir die schlechten brechen können, habe ich bereits geschrieben.

Rahmenbedingungen können dabei helfen. Vor allem solche, die direkte Verbindungen zwischen Bewegung und unserer Gesundheit demonstrieren.

Vage Aussagen und Versprechen wie “Ein bisschen mehr Bewegung würde nicht schaden” oder “Bewegung ist gut fürs Herz” helfen da weniger. Schließlich bekommen wir die Tablettenschachtel ja auch nicht mit den Worten “Nimm davon mal welche” überreicht. 

Dabei ist wichtig, zu wissen, dass wir uns über Belohnungen motivieren lassen: Medikamente sind meist an ein konkretes Versprechen der Besserung gekoppelt. Wenn ich das Wort "Bewegung" nutze, werden die Augen meiner "Patienten" glasig. Sie wollen einen schnelleren Fix. Vonda Wright (Chirurgin, Wissenschaftlerin und Autorin)

Dieses Versprechen allein aktiviert Placebo-Effekte, die die Wirkung erhöhen und teilweise sogar erst ermöglichen. Die Wirkungen körperlicher Aktivität müssen genauso messbar und unmittelbar vom medizinischen Personal beschrieben werden.

Sei es das gute Gefühl nach dem Radfahren oder die unmittelbar messbaren Veränderungen körperlicher Funktionen wie der niedrigere Blutdruck. Dann kann unser Belohnungssystem – getrieben durch unsere intrinsische Motivation, ein bestimmtes Ziel zu erreichen – in Gang gesetzt werden.

Mit anderen Worten: Es ist an der Zeit, “Bewegung auf Rezept” einzuführen! Und zwar inklusive individualisierter Darreichungsform und Dosierung. An einigen Orten und Stellen wird mit dieser Idee bereits fleißig experimentiert:

Neuseeland: “Green Prescription”

Die “Grüne Verordnung” ist mehr als eine Empfehlung oder ein Rezept. Sie richtet sich an Menschen, die sich zu wenig bewegen und bereit sind, dies zu ändern. Der Hausarzt stellt dem Patienten eine “Green Prescription” aus und vermittelt ihn so an einen “Unterstützer”. Dieser telefoniert oder trifft sich monatlich mit dem Patienten, um einen konkreten Bewegungsplan zu erarbeiten und zu verfolgen. Er motiviert, informiert und ermutigt. Nach drei bis 6 Monaten werden die Ergebnisse zum Hausarzt zurückgespielt und abgewogen, ob die “Green Prescription” erfolgreich war. Wenn nein, kann eine weitere Verordnung ausgehändigt werden. Wenn ja, kann der Patient selbst zum “Unterstützer” werden und dem nächsten Patienten unter die Arme greifen.

Das System funktioniert: Mehrere wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die “Grüne Verordnung” in Neuseeland eine kostengünstige Methode ist, um die Lebensqualität und Gesundheit langfristig zu verbessern. Gruppenaktivitäten und die Beratungsgespräche, egal ob telefonisch, per E-Mail oder persönlich, scheinen erfolgreicher als betreute Fitness-Kurse.

Amerika und Europa: “Exercise is Medicine”

Die Initiative “Bewegung ist Medizin” will körperliche Aktivität als Standardmaßnahme im Gesundheitswesen institutionalisieren und so körperliche Aktivität fördern. Um die nötigen Strukturen aufzubauen, müssen Gesundheitssystem, Gesellschaft (“Community”) und Technologie aufeinander abgestimmt werden.

Ziel ist es, dass kein Patient die Arztpraxis ohne die Bewertung seiner körperlichen Aktivitäten verlässt und – wenn nötig – ein Rezept für bestimmte Bewegungsübungen und eine Überweisung für weitere Beratung in den Händen hält. Lokale Einrichtungen und Netzwerke helfen bei der Umsetzung – ähnlich wie in Neuseeland. Um die Ergebnisse zu bewerten, kommt die Technologie zum Einsatz: Computerprogramme und Analysetools helfen dabei.

Wichtig ist den Menschen hinter “Exercise is Medicine”, dass die Maßnahmen tatsächlich Wirkung zeigen und langfristig zu einer gesunderen Gesellschaft führen. Daher schauen sie ganz genau, welche Maßnahmen langfristig erfolgreich sind, und nutzen auch die Erkenntnisse aus Neuseeland. Regionale Unterschiede spielen dabei eine wichtige Rolle, denn mittlerweile ist die Initiative ein globales Netzwerk mit Stationen auf allen 7 Kontinenten. Sitz der Europäischen Initiative ist in Ulm.

Deutschland: “Rezept für Bewegung”

In 12 Bundesländern der Republik können Ärzte ein “Rezept für Bewegung” ausstellen. Es sieht aus wie eine ärztliche Verordnung, kann aber nicht abgerechnet werden. Auf dem Rezept gibt der Arzt eine allgemeine Bewegungsberatung und empfiehlt die Teilnahme an bestimmten Kursen. Zur Auswahl stehen ca. 20.000 Kurse, die mit dem Qualitätssiegel »Sport pro Gesundheit« vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ausgezeichnet sind.

Obwohl das Rezept in einigen Bundesländern bereits seit 12 Jahren verschrieben werden kann, gibt es keine Evaluationen zur Wirksamkeit. Der DOSB konnte mir lediglich kleinere Auswertungen aus 5 Bundesländern weiterleiten. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Das “Rezept für Bewegung” genießt unter Ärzten keine große Bekanntheit Die Wirksamkeit für die Gesundheit wurde noch nicht untersucht.

Ich freue mich auf den Tag, an dem ich das Behandlungszimmer nicht nur mit einem Stück Papier verlasse, auf dem Medikamentennamen und die Empfehlung für eine paar Sportkurse gekritzelt sind. Ungefähr so:

Frau Urner, Sie arbeiten zu viel. [Folgende Informationen sind aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht ausgegraut.] Ich verschreibe Ihnen 2 Mal täglich 20 Minuten Radfahren, 5 wöchentliche Laufeinheiten von mindestens 40 Minuten und 2 Mal pro Woche die Kraftübungen, die Sie in diesem YouTube-Kanal [Link ausgegraut] anschauen können. In 4 Wochen sehen wir uns wieder und werten den Erfolg aus.
Das Wundermittel “Bewegung” ist dann das Normalste der Welt geworden.

PS: Liebe Leser, ihr braucht euch übrigens keine Sorgen um mich zu machen. Meine Arzt-Geschichte ist frei erfunden.

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.