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03/01/2018 13:56 CET | Aktualisiert 07/02/2018 15:58 CET

Ihr fragt euch, warum sich eure Kinder beim Essen nicht benehmen? Hier ist die Antwort

"Nach meiner Erfahrung zeigen einige Eltern von Kleinkindern etwas zu wenig Geduld."

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Es ist wichtig, dass die Eltern den Grundtenor am Familientisch vorgeben, weniger in Form von Instruktionen oder Regeln, sondern indem sie mit gutem Beispiel vorangehen.

Besonders bei gemeinsamen Mahlzeiten kommt unser eigenes nicht sachbezogenes Verhalten auf ganz anderen Gebieten und zu ganz anderen Zeiten wie ein Bumerang zu uns zurück.

In der modernen Familie, in der Respekt vor dem Einzelnen große Priorität genießt, erreicht man nichts, wenn man über gute Tischmanieren bei den Mahlzeiten doziert.

Der respektvolle Umgang miteinander sollte sich wie ein roter Faden durch alle Formen des Zusammenseins ziehen, damit es im Einzelfall funktionieren kann.

Da macht es dann keinen großen Unterschied, ob sich das Kind morgens anziehen soll, ob man es zum Hausaufgabenmachen ermuntert, ob ihm erklärt wird, warum es kein Handy bekommt, oder ob es ordentlich am Tisch sitzen soll.

“Wir haben es doch schon so oft gesagt!”

Einst gestaltete sich das Leben um die Mahlzeiten viel einfacher.

Die Erwachsenen wussten, was richtig war. Danach hatten sich die Kinder zu richten, und damit basta! Damals bestand die wichtigste Aufgabe der Kinder darin, sich anzupassen, und der Auftrag der Erwachsenen war, sie dazu zu veranlassen.

Für Kinder war es oft ein schmerzliches, unverständliches und widersprüchliches Fahrwasser, in dem sie zu manövrieren hatten.

Die Erwachsenen forderten Respekt und erzwangen ihn, indem sie die Kinder respektlos behandelten. Die Kinder mussten sich anständig und höflich ausdrücken, während die Erwachsenen kritisieren, ausschelten, demütigen, fluchen und drohen durften.

Mehr zum Thema: 5 Worte, mit denen der Essenskampf mit Ihrem Kind endlich ein Ende hat

Nach meiner Erfahrung zeigen einige Eltern von Kleinkindern etwas zu wenig Geduld, wenn die Kinder lernen sollen, auf dem Stuhl “anständig zu sitzen” oder nicht mit dem Essen zu “spielen”, und die Eltern deshalb drohen, dem Kind das Essen oder den Platz am Tisch bei der Mahlzeit zu verweigern. “Wir haben es doch schon so oft gesagt!”, berichten sie mir.

Doch Kinder unter vier oder fünf Jahren müssen diese Worte viele Male hören, ehe sie zu einem natürlichen Bestandteil ihres Verhaltens werden. Man kann Kinder so weit trainieren, dass sie beim Anblick eines erhobenen Zeigefingers, einer tief gerunzelten Stirn, eines wütenden Blickes gehorchen oder wenn sie hören, dass der Vater sich räuspert oder die Mutter “Pfui!” sagt.

Tischmanieren für Eltern

Ich bezweifle jedoch, ob man einerseits auf lange Sicht so die Anzahl von Konflikten um das Essen und die Mahlzeiten reduziert und ob die Eltern sich andererseits wirklich Kinder wünschen, die gehorchen; anstelle von Kindern, die mit ihnen kooperieren.

Heute wissen wir mehr über Kinder und sehen vieles in einem anderen Licht.

Deshalb halte ich es für sinnvoll, zu skizzieren, was wir “Tischmanieren für Eltern” nennen können.

Tischmanieren für Eltern: 

  • Sind sich die Eltern nicht einig, inwieweit sie in das Verhalten des Kindes eingreifen sollen oder in welcher Form dies geschehen soll, sollten sie darüber nicht bei den Mahlzeiten streiten. Die Stimmung wird getrübt, und das Kind gerät zwischen die Fronten der Eltern oder fühlt sich vollkommen ausgeschlossen. Diskutieren Sie das Problem zu einem späteren Zeitpunkt, wenn der Konflikt und die daran beteiligten Parteien sich ein wenig beruhigt haben.

  • “Erziehung” in Form von Kritik, Korrektur, Lächerlichmachen, Anpöbeln und belehrenden Vorträgen – besonders gegen das Betragen des Kindes bei den Mahlzeiten gerichtet – sind nicht angebracht. All diese Maßnahmen wirken sich auf die wichtigsten Elemente der Mahlzeit störend aus: auf Ernährung, Genuss und Gemeinschaft, und sie mindern die Lust beider Seiten am Zusammensein. Persönliche Wünsche und ernste Gespräche sind wichtige Aspekte der Gemeinschaft und darum zu begrüßen.

  • Starren Sie die Kinder nicht an und verfolgen Sie nicht alle ihre Bewegungen und Unternehmungen. Das ist unangenehm (auch für Erwachsene) und man verliert den Appetit. Das trifft auch auf liebevolle Beobachtung und Kontrolle zu. Der Kinderstuhl ist einer von mehreren Stühlen am Tisch – kein Thron.

  • Eltern können so sehr in der Sorge um die Gesundheit aller am Tisch Sitzenden aufgehen, dass die Stimmung ungesund wird.

  • Trinken Sie nur wenig Alkohol. Betrunkene Erwachsene verunsichern die Kinder und machen ihnen Angst. Nach zwei Bier oder Wein sind wir nicht mehr offen für Präsenz und Kontakt mit unseren Kindern.

Smartphone und Tablet zerstören Beziehungen

Ein Rat zu den Rahmenbedingungen: Schalten Sie den Fernseher ab, schalten Sie die Musik und das Mobiltelefon aus.

Wir Menschen können uns antrainieren, unsere Aufmerksamkeit auf viele unterschiedliche Dinge zur gleichen Zeit zu verteilen – zu dem Preis, dass kein echter Kontakt stattfindet, wenn wir dies tun.

Smartphones und Tablets sind nützliche Hilfsmittel, aber im Übermaß benutzt zerstören sie Beziehungen.

Oder anders ausgedrückt: Eltern haben das angestrebte Ziel schon halb erreicht. Sie müssen sich nur ordentlich benehmen!

Der Beitrag ist ein Auszug aus Jesper Juuls Buch “Essen kommen”. 

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