POLITIK
16/07/2018 15:46 CEST | Aktualisiert 17/07/2018 15:54 CEST

Es ist eine Schande, wie mies wir Menschen bezahlen, die sich um andere kümmern

Hier muss die Politik dringend handeln.

Niedring/Drentwett via Getty Images
Oftmals mies bezahlt: Krankenpfleger.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) löst ein Wahlkampfversprechen ein: In Paderborn wird sie am Montagnachmittag den Altenpfleger Ferdi Cebi besuchen, um ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.

Beide haben sich in einer Fernsehshow getroffen, in der es auch um die wohl größte Ungerechtigkeit geht, die es am deutschen Arbeitsmarkt gibt: die Benachteiligung jener, die in sozialen Berufen tätig sind.

► Wer Zinsen berechnet oder Mahnbescheide verschickt, hat hierzulande bessere Gehaltsaussichten als jemand, der sich um pflegebedürftige Senioren kümmert.

Cebi ist in einem Beruf tätig, der für die Zukunft Deutschland enorm wichtig ist. Und genau deshalb besteht hier dringender Handlungsbedarf von Seiten der Politik.

533 Euro weniger im Monat

Über vier Millionen Menschen arbeiten deutschlandweit in “sozialen Berufen”, sie kümmern sich also um hilfsbedürftige Menschen, zum Beispiel um Kleinkinder, Kranke oder Senioren. Zehn Prozent der deutschen Arbeitnehmer sind in solchen Jobs tätig, Tendenz steigend. Denn insbesondere in der Altenpflege gibt es aufgrund der alternden Bevölkerung und einer stetig steigenden Lebenserwartung wachsenden Bedarf.

► Die Wirtschaftswissenschaftler Elisabeth Bublitz und Tobias Regner stellten 2016 fest, dass Menschen in sozialen Berufen mit deutlichen Einkommensnachteilen rechnen müssen. Den Unterschied zu anderen Berufen mit vergleichbaren Qualifikationen bezifferten sie mit 533 Euro im Monat.

Bei Männern liegt diese Differenz sogar noch höher. Dafür sind Frauen häufiger betroffen, weil sie 85 Prozent aller Beschäftigten in den sozialen Berufen ausmachen.

Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung sahen in einer 2016 veröffentlichten Studie einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem hohen Frauenanteil in den sozialen Berufen und der schlechten Bezahlung.

Als einzige Erklärung reicht das jedoch nicht. Das zeigt sich zum Beispiel im Bereich Bildung.

Die reichen Lehrer und die benachteiligten Kindergärtner

Stellen wir uns ein sechsjähriges Kind vor, das bald den ersten Schultag hat. In Sachen Betreuung wird es – womöglich unbemerkt – in eine andere soziale Welt wechseln.

Erzieherinnen verdienen durchschnittlich etwa 2.700 Euro – und das trotz einer sehr langen und intensiven Ausbildung. Oft haben “Kindergärtnerinnen” mittlerweile sogar einen Studienabschluss

Grundschullehrerinnen hingegen sind oft verbeamtet, genießen die Vorzüge staatlicher Gleichstellungs- und Besoldungspolitik und verdienen gut tausend Euro mehr.

Woher die Einkommensunterschiede kommen

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, hat 2014 im “Hamburger Abendblatt” die These aufgestellt, dass die späte Professionalisierung der sozialen Berufe maßgeblich für die schlechte Bezahlung verantwortlich sei.

► Erziehung, Betreuung und Pflege seien lange Zeit als Privatsache betrachtet worden, während Handwerksberufe beispielsweise schon über Jahrhunderte existierten. Erst seit den 1970er-Jahren gebe es in vielen sozialen Bereichen ein differenziertes Berufsbild.

► Ein weiterer Grund für die schlechte Bezahlung ist möglicherweise, dass viele soziale Jobs direkt oder indirekt von staatlichen Leistungen abhängen. In privatwirtschaftlich organisierten Betrieben haben Unternehmer Spielraum, sobald der Gewinn wächst. Und den müssen sie auch nutzen, denn sonst könnten Konkurrenten die eigenen Mitarbeiter abwerben.

Staatliche Leistungen dagegen sind gedeckelt, sie werden nicht am Markt ausgehandelt. Wenn es mehr Arbeit gibt, heißt das nicht automatisch, dass auch der Gewinn des Arbeitgebers steigt. Erst wenn der Staat mehr Geld gibt, besteht Spielraum.

Andererseits wäre es auch falsch zu behaupten, dass soziale Berufe nur etwas für Idealisten wären.

Als schlecht bezahlt gelten in Deutschland zum Beispiel auch die Pflegeberufe. Aber so pauschal stimmt das nicht.

Nicht alle Pfleger sind gleich

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das der Bundesagentur für Arbeit untersteht, zeichnete im Januar 2018 ein differenziertes Bild.

► Demnach verdienen Fachkräfte in der Krankenpflege im Mittel 3.239 Euro brutto im Monat.

► Zum Vergleich: Der deutsche Medianlohn – 50 Prozent der Löhne liegen oberhalb dieses Wertes, 50 Prozent darunter – liegt bei 3.133 Euro.

► Anders sieht es in der Altenpflege aus: Hier liegt der Medianlohn für Fachkräfte bei 2.621 Euro.

► In den Hilfsberufen ist die Situation sowohl bei den Krankenpflegern (2.478 Euro) als auch in der Altenpflege (1.870 Euro) noch einmal deutlich schlechter. Allerdings braucht man für einen Job als Pflegehilfskraft auch keine mehrjährige Ausbildung in einem Pflegeberuf oder in der Medizin.

Unterschiede ergeben sich auch regional, da in Ostdeutschland die Löhne in der Pflege um gut ein Viertel niedriger sind. Eine Fachkraft in der Krankenpflege verdient im Saarland 3.476 Euro. Eine Fachkraft in der Altenpflege hingegen kann in Sachsen-Anhalt nur mit 1.985 Euro rechnen – brutto, wohlgemerkt.

Das Wissenschaftszentrum Berlin kam im Jahr 2016 zu dem Ergebnis, dass Pflegekräfte in anderen Ländern oft besser bezahlt werden. In den USA, Frankreich, Italien und Spanien liegen Pflegefachkräfte im oberen Drittel der Einkommensskala.

Was die Pflege als Job noch anstrengender macht

Und ein Faktor, der Pflegern besonders zu schaffen macht, lässt sich durch das Einkommen nicht abbilden: der Personalnotstand. Insgesamt fehlen laut einer parlamentarischen Anfrage der Grünen vom April 2018 derzeit 25.000 Fachstellen in den Pflegeberufen. 

Die daraus resultierenden Überstunden und Sonderschichten machen die Pflege zu einem besonders anstrengenden Job. Und sie schaden auch dem Image des Berufs. Es ist also dringend Zeit für die Politik, auch hier etwas zu verändern.

Denn ohne soziale Berufe wird unsere Gesellschaft die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte nicht meistern können.