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31/03/2018 19:50 CEST | Aktualisiert 03/04/2018 22:15 CEST

Es gibt kaum noch Schäfer in Deutschland – ein 36-Jähriger will den Beruf retten

Es gibt keinen Weg an der Schäferei vorbei.

Eine Wiese mit saftigem Gras, Schmatzgeräusche, Sonnenschein, hier und da ein leises Mäh, ansonsten Stille. So könnte die Geschichte über eine Schafherde und ihren Schäfer im Allgäu beginnen.

Doch diese Geschichte beginnt anders.

“Wenn ich nicht bald eine Lösung gefunden habe, muss ich meine 550 Mädels zum Schlachter bringen.”

Die Augen von Sven de Vries sind glasig. Sein Blick ist leer. Im vergangenen Sommer hatte er ein Burnout. “Es ging einfach nicht mehr.”

Früher war der 36-jährige gebürtige Niedersachse Grafikdesigner. “Aber da hat mir das Miteinander einfach nicht gefallen. Meine Kollegen und ich haben zwar schon irgendwie zusammengearbeitet, aber trotzdem gab es Konkurrenzdruck. Und auch, dass man immer irgendwie versucht, Menschen etwas zu verkaufen, fand ich einfach nicht gut.”

Die Kräfte schwinden – und das Geld auch 

► Inzwischen ist de Vries seit zehn Jahren Schäfer. Es ist sein Traumberuf, er hat seine Erfüllung gefunden, liebt es, in der Natur zu sein, liebt seine Tiere, die er liebevoll “Mädels” nennt.

HuffPost / Uschi Jonas
Sven de Vries und Schaf Erika.

Doch seine Kräfte schwinden. Und auch das Geld wird knapp.

Ohne Schafe und Schäfer geht es nicht: Schäferei ist eine der letzten weitestgehend artgerechten Nutztierhaltungen in Deutschland. Schafe produzieren ressourcenschonend, artgerecht und regional hochwertige Lebensmittel.

Sie beweiden über 400.000 Hektar Fläche – das sind fast zehn Prozent der Dauergrünflächen.

Es gibt keinen Weg an der Schäferei vorbei.

“Wir weiden an vielen Standorten, die maschinell nicht zu bearbeiten sind, pflegen Biotope. Wenn wir die Artenvielfalt erhalten wollen, gibt es keinen Weg an der Schäferei vorbei”, sagt Sven de Vries. Und um einiges günstiger sei es auch, Flächen mit Schafen anstatt mit Maschinen zu bearbeiten.

Aber es gibt keine 1000 Schäfer mehr in Deutschland. Jedes Jahr werden es weniger. Zwischen 2010 und 2016 mussten 13 Prozent der erwerbsmäßigen Betriebe aufgeben. Auch die Zahl der gehaltenen Mutterschafe und die Größe der bewirtschafteten Fläche der Betriebe hat sich um rund 15 Prozent verringert.

“Es ist schön, die Dankbarkeit seiner Tiere zu spüren. Aber wenn es das einzige ist, was man hat, wird es mühselig nach drei, vier Jahren.” De Vries hatte mal einen Lehrling. Doch der wollte nach Ende der Ausbildung etwas anderes machen. Die Arbeitsbelastung war ihm zu hoch.

Ein Stundenlohn von knapp über 5 Euro

► De Vries ist Wanderschäfer. Das heißt, er muss sich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang um seine Tiere kümmern. Das sind oft 15 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr.

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Jeden Tag zieht Sven de Vries mit seiner Herde weiter.

“Ich hatte in den letzten zehn Jahren kein richtiges Wochenende mehr.” An so etwas wie Urlaub ist nicht zu denken. 

Der 36-Jährige hält noch durch. Noch. Er ist einer der jüngsten Schäfer, doch auch er kommt körperlich und finanziell an seine Grenzen. 

“Seit drei Jahren habe ich eine Freundin. Irgendwie stehe ich immer an dem Punkt, dass ich mich zwischen ihr und meinen Schafen entscheiden muss. Das ist doch absurd.”

► Unter dem Strich liegt sein Stundenlohn knapp über 5 Euro, am Monatsende bleiben dem Schäfer rund 1200 Euro netto. “Und damit stehe ich im Vergleich zu anderen noch gut da.”

Aber natürlich reicht es nicht, um jemanden einzustellen, der ihm hilft. Und so geht es den meisten Schäfern. Er erzählt von einer Bekannten, die wochenweise sogar ihre Kinder einspannen muss, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Sie sind wie eine große Gemeinschaft aus Familienverbänden.

Jeden Tag müssen Wanderschäfer mit ihren Tieren weiterziehen, manchmal sogar mehrmals am Tag. Im Sommer schläft de Vries in seinem Bauwagen auf der Alb.

“Ich habe eine Bekannte, bei der kann ich dann ab und an duschen. Oder bei ein paar Bauern, die ich kenne.” Ansonsten bleiben ihm nur mittags drei Stunden Zeit, um Dinge zu erledigen oder ein Nickerchen zu machen. “Da pferche ich die Schafe in den Schatten.”

Schafe sind friedliche Tiere, sie strahlen Ruhe und Gelassenheit aus. “Sie sind wie eine große Gemeinschaft aus Familienverbänden”, sagt Sven de Vries. Er läuft gemächlich um die Herde. Die meisten Tiere halten Sicherheitsabstand, doch zwei kommen immer wieder dicht her. “Das sind Sebi und Erika. Sie sind ein bisschen die Leitschafe.”

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Das sind Sebi und Erika.

Sebi drückt seinen Kopf an den Menschenbauch, Erika streckt ihren Hals erwartungsvoll in die Höhe. “Ja, die beiden wollen einfach auch gestreichelt werden.”

Eine Weideprämie könnte die Schäfer retten – vorerst

Dass seine Mutterschafe in diesem Jahr Lämmer zur Welt bringen, kann de Vries sich nicht leisten. “Da ich eine Lammzeit nicht alleine schaffe, musste ich mich entscheiden, ob ich das Risiko eingehe.” Von den Einnahmen der Lammzeit hätte er Personal bezahlen können, dass ihn jetzt unterstützt.

“Es ist eine Spirale, in die ich da reingerate und nicht so recht weiß, wie ich da wieder rauskommen soll.” Wenn de Vries nicht lammt, fehlen ihm 40 Prozent seiner Einnahmen.

Die anderen 60 Prozent bekommt er vom Staat für die Landschaftspflege. “Auch wenn ich das Wort nicht mag und es nicht passend finde: Das Geld kommt aus dem Agrarhaushalt, es sind Subventionen.”

Um seinen Job und den der anderen Schäfer in Deutschland zu retten, hat de Vries eine Petition gestartet für eine Weidetierprämie.

► Das wäre eine Extra-Prämie für jedes erwachsene Mutterschaf. “Die Prämie würde nicht dazu führen, dass sich die Schäferei komplett erholt.” Aber es wäre ein Anfang, den Teufelskreis zu durchbrechen. 

Es würde mir das Herz brechen.

Politiker diskutieren darüber, die Subventionen mit der nächsten Agrarreform anzupassen. “Doch das ist zu spät.” Auch ist Teil der Debatte, dass der Wolf bejagt werden muss. “Das geht an unseren Problemen vorbei. Nur weil es keine Wölfe mehr gibt, haben wir trotzdem nicht mehr Geld zur Verfügung”, sagt de Vries.

► Die Prämie könnte gesetzlich schnell eingeführt werden. Das würde es ermöglichen, den Schäfern bereits zu Beginn des kommenden Jahres zu helfen. So könnten Betriebe Arbeitskräfte einstellen.

Sven de Vries schaut über die Wiese am Waldrand bei Bad Wurzach auf die Silhouette der Alpen am Horizont. Er streichelt den Kopf von Schaf Erika. Wenn sich nicht bald etwas tut, muss er seine Herde am Ende möglicherweise schlachten lassen.

“Es würde mir das Herz brechen.”

(jds)