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26/01/2019 14:04 CET | Aktualisiert 26/01/2019 16:04 CET

Die eine Sache, die Männer mehr wollen als Sex – und warum Frauen sie ihnen oft nicht geben können

Frauen fürchten Männer, die sich nicht männlich fühlen.

PhotoAlto/Ale Ventura via Getty Images
Wir alle haben gehört, dass Frauen sich geliebt fühlen müssen, um Sex zu haben, Männer aber Sex brauchen, um sich geliebt zu fühlen.

Der US-Amerikaner Jed Diamond arbeitet als Psychotherapeut und schreibt auf seinem Blog “MenAlive” über Maßnahmen gegen Stress, den viele Männer im Laufe ihres Lebens beruflich oder privat erleben. 

Wie oft haben wir den Satz gehört: “Alles, was Männer wollen, ist Sex?“ Im Alter von 17 Jahren war ich sicher, dass das wahr ist.

Mit 37 Jahren vermutete ich, dass es womöglich nicht wahr ist. Und jetzt, da ich 73 Jahre alt bin, weiß ich, dass es nicht wahr ist.

Versteht mich jetzt nicht falsch, Sex kann in jedem Alter wunderbar sein. Aber es gibt etwas, das wichtiger ist als Sex. Aber es ist etwas, das Männer nur schwer zugeben können und das zu geben Frauen schwerfällt.

Dieses Missverständnis dämmerte mir erst allmählich. Am deutlichsten wurde es mir in meiner Männer-Gruppe vor Augen geführt.

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Wir haben gelernt, ehrlich zu sein

Ich treffe mich seit 38 Jahren regelmäßig mit sechs anderen Männern, und das Thema Sex spielte in unseren Gesprächen im Laufe der Jahre immer wieder eine Rolle.

Wie alle Jungs messen wir uns aneinander und wollen erfolgreich erscheinen. Aber wir haben auch gelernt, ehrlich miteinander umzugehen. Wir sprechen nicht nur über unsere sexuellen Erfolge, sondern auch über unsere Misserfolge, Ängste und Verwirrungen.

Schon als ich jung war, lernte ich, dass Sex zu wollen gleichbedeutend damit ist, ein Mann zu sein.

Sex zu wollen ist ein Zeichen für Männlichkeit

In der High School hörte ich zufällig mit, wie ein Mädchen, das ich mochte, über einen Typen sprach, den wir beide kannten. Sie beschwerte sich nicht darüber, dass er nur an Sex dachte, sondern dass er “mich nicht so angemacht hat, wie es andere Jungs tun“.

Weiter sagte sie ihrer Freundin: “Er ist nicht sehr männlich.” Die Botschaft war klar, “echte Männer“ wollen Sex. Und wenn man einem Mädchen nicht damit “kommt“, ist man kein echter Mann.

Diese frühe Lektion wurde im Laufe der Jahre immer wieder bestätigt: Beständig Sex zu wollen ist für viele ein Zeichen für Männlichkeit. Es ist besser, sich immer wieder eine Abfuhr einzuhandeln und als sexversessener Idiot gesehen zu werden, als mehr als Sex zu wollen und “weniger als Mann“ gesehen zu werden.

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Mehrere Bedürfnisse werden beim Sex erfüllt

Was also wollen Männer mehr als Sex? Wir alle haben gehört, dass Frauen sich geliebt fühlen müssen, um Sex zu haben, Männer aber Sex brauchen, um sich geliebt zu fühlen.

Schauen wir uns genauer an, was Männer bekommen, wenn sie Sex haben. Da gibt es natürlich das körperliche Vergnügen, aber gleichzeitig wird ein tieferes Bedürfnis befriedigt. Ich nenne es das Bedürfnis nach einem sicheren Hafen.

Die Welt der Männer ist eine Welt des Wettbewerbs. Heruntergebrochen auf das Wesentliche konkurrieren Männer mit anderen Männern um die begehrenswertesten Frauen.

Männer machen Avancen und Frauen entscheiden, welche Männer sie haben wollen. In der heutigen Zeit mögen diese Rollen weniger starr sein als früher. Aber egal ob Pfauen oder Männer: Wir zeigen, was wir haben, und hoffen, dass es gut genug ist, um von der begehrten Frau ausgewählt zu werden.

Verwundbarkeit zeigen ist der Schlüssel

In ihren Körper aufgenommen zu werden gibt uns ein Gefühl des Friedens und der Heimkehr, das weit über das einfache sexuelle Vergnügen hinausgeht.

Ich spreche hier von heterosexuellen Männern. Es gibt eine ähnliche Dynamik in der schwulen Welt, aber hier konzentriere ich mich auf Männer und Frauen.

Viele von uns erinnern sich an die frühen Schulbälle, die wir besucht haben. Um ein Mädchen in den Armen zu halten, musstest du dich auf den langen Weg durch den Saal begeben, während alle zusahen, und das Mädchen zum Tanzen auffordern.

Wenn sie annahm, warst du im Himmel. Wenn sie ablehnte, landetest du in der Hölle. Der Schlüssel, der zum Mädchen führte, lag darin, die eigene Verwundbarkeit im Falle einer Ablehnung zu zeigen.

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Männer haben ein heimliches Verlangen beim Sex

Wenn wir erwachsen werden, hat uns die Welt von Wettbewerb und Ablehnung bereits zugesetzt und verletzt.

Wir sehnen uns nach dem sicheren Hafen, in dem wir nicht vorgeben müssen, etwas zu sein, was wir nicht sind, um ausgewählt zu werden. Wir sehnen uns nach jemandem, der uns so sieht, wie wir sind, und uns trotzdem will. Der uns halten und berühren kann. Nicht nur unseren Körper, sondern auch unsere Herzen und Seelen.

“Immer Sex zu wollen“ ist Teil der männlichen Persönlichkeit, mit der wir zeigen wollen, dass wir echte Kerle sind. Was wir wirklich wollen, ist ein sicherer Hafen, in dem wir Zuflucht finden, wo wir entspannen und versorgt werden.

Mit anderen Worten brauchen wir das Gefühl, gehegt und gepflegt zu werden. Die meisten von uns haben davon als Kinder nicht genug bekommen. Aber wenn wir dieses Bedürfnis zugeben, fühlen wir uns wie kleine Jungs, nicht wie große, starke Männer.

Besser ist es also, männlich zu sein mit unserem sexuellen Verlangen. Dann, wenn wir in ihrem Körper sind, können wir uns entspannen, wir selbst und von Liebe erfüllt sein. Das ist unser heimliches Verlangen beim Sex.

Auch Frauen fällt Intimität zu geben schwer

Eines der Dinge, die ich liebe, ist, meinen Kopf im Schoß meiner Frau Carlin zu betten, während sie ihn massiert. Das ist ein wunderbarer, sicherer Hafen.

Ich brauche keinen Sex, um dieses Bedürfnis zu befriedigen. Ich muss nur darum bitten. Hier werde ich im Inneren berührt, vollständig akzeptiert. Ich muss nicht Leistung zeigen oder mich selbst beweisen. Ich muss nur bereit sein, zutiefst verletzlich zu sein.

Genauso schwierig, wie es für Männer ist, darum zu bitten, gehalten, liebkost und berührt zu werden, ist es für Frauen, diese Intimität zu geben. Es gibt im Wesentlichen drei oft unbewusste Gründe:

► Erstens sind auch Frauen konditioniert, wenn es darum geht, wie Männer sein müssen. Will er keinen Sex, fürchten sie, womöglich nicht attraktiv genug zu sein.

► Zweitens vermittelt ein Mann, der gehalten und gehegt werden will, das Gefühl, ein Junge und nicht ein Mann zu sein. Ich kann nicht sagen, wie viele meiner Klientinnen Dinge sagen wie “Es ist, als hätte ich drei Kinder im Haus. Unsere beiden Söhne, und dann ist da noch mein Mann.“ Frauen wollen einen Mann, aber sie befürchten, einen weiteren Jungen zu haben.

► Drittens fürchten Frauen Männer, die sich nicht männlich fühlen. Sie wissen, dass die gewalttätigsten Männer solche sind, die sich schwach und machtlos fühlen. Sie haben Erfahrungen damit gemacht, dass Männer sich zunächst zugestehen, sanft und verletzlich zu sein, nur um später wütend und verärgert zu reagieren.

Sich öffnen für Liebe und Intimität

Es braucht viel Zeit und Reife, bis Männer sich selbst eingestehen, dass sie einen sicheren Hafen brauchen, in dem sie von einer Frau gepflegt und umarmt werden. Es braucht viel Mut, um seiner Frau mitzuteilen, dass man Sex haben will, aber das Bedürfnis nach Sicherheit, Liebe und Pflege noch wichtiger ist.

Und es erfordert ein gewisses Maß an Weisheit, um zu wissen, dass es das Männlichste sein kann, so verletzlich wie ein Kind zu sein.

Auch die Frau muss ihre eigene Konditionierung überwinden und offen sein für einen Mann, der auf neue Weise verletzlich ist. Sie muss viel Selbstliebe und Selbstvertrauen haben, um zu akzeptieren, ein sicherer Hafen zu sein.

Sie muss auch die Kraft haben, sich selbst zu schützen, wenn sich seine Scham darüber, verwundbar zu sein, in Angst, Wut oder Depression verwandelt. Es ist nicht einfach für Männer und Frauen, diese Risiken einzugehen.

Aber das Ergebnis ist im weiteren Leben eine tiefere Liebe und Intimität.

Hier geht’s zum Twitter-Account von Jed Diamond.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei MenAlive und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.