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23/10/2018 13:54 CEST | Aktualisiert 23/10/2018 13:54 CEST

Erziehungsmethoden wie in "Elternschule": Pädagogin Katia Saalfrank warnt vor Folgen

"Diese Programme und Trainings versetzen Kinder in Todesangst und bieten keine Möglichkeit, Sicherheit zu erfahren."

Nadezhda1906 via Getty Images
Wenn Kinder gezwungen werden, ihre Gefühle zu unterdrücken, kann das schlimme Folgen haben. 

Der Dokumentarfilm “Elternschule” sorgt derzeit für Diskussionen. Der Film begleitet verhaltensauffällige Kinder und ihre Eltern während ihres Aufenthalts in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen. Dort durchlaufen sie ein dreiwöchiges Programm, das unter anderem Ess-, Schlaf- und Trennungstrainings beinhaltet. Tausende Eltern sind über die im Film gezeigten Methoden entsetzt und auch immer mehr Experten äußern sich kritisch. In diesem Gastbeitrag erläutert Diplom-Pädagogin Katia Saalfrank, warum sie solche Verhaltenstrainings für gefährlich hält. 

Immer wieder werden Eltern auf ihrem Weg zum Beispiel von Experten, die Verhaltenstrainings empfehlen, verunsichert. Ich kann nachvollziehen, dass es nicht immer einfach ist, das Verhalten seines Kindes zu verstehen und Antworten auf der emotionalen Ebene zu finden.

Was ich jedoch zu bedenken geben möchte: Ess-, Schlaf- und Trennungstrainings sind Methoden, die die für ein gesundes psychisches und physisches Aufwachsen notwendige sichere Bindung zu sich selbst und anderen zerstören und Entwicklungstraumata fördern.

In der Erziehung spielten noch vor gut siebzig Jahren Gefühle kaum eine Rolle. Sie wurden nicht beachtet und in der Regel unterdrückt. Das passiert auch heute noch.

Vielfältige wissenschaftliche Studien belegen jedoch, dass das Verleugnen und Verdrängen von Gefühlen den Menschen krank macht. So wissen wir heute, dass es wesentlich ist, achtsam mit den Bedürfnissen und Gefühlen unserer Kinder umzugehen, ihre emotionale Entwicklung im Aufwachsen zu berücksichtigen und sie unterstützend zu begleiten.

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Kinder werden gezwungen, ihre Gefühle zu unterdrücken

Schlaflernprogramme, Ess- und Trennungstrainings sind aus entwicklungspsychologischer Sicht kontraproduktiv weil, das zeigt die Psychotherapieforschung, sie Kindern ihre emotionalen Bedürfnisse “abtrainieren”.

► Kinder sind so gezwungen ihre Gefühle zu unterdrücken. Diese Programme und Trainings versetzen Kinder in Todesangst und bieten keine Möglichkeit, Sicherheit zu erfahren und so eigene Strategien zur Überwindung und Verarbeitung der Ängste zu entwickeln.

Das ist nur möglich, wenn Eltern achtsam und feinfühlig auf die Gefühle und Bedürfnisse eingehen und Kindern Sicherheit vermitteln.

Die Voraussetzungen für eine sichere Atmosphäre, eine Stressregulation und Beruhigung sind bei Schlaflernprogrammen, Trennungs- und Esstrainings und weiteren Methoden, die ausschließlich an dem Verhalten orientiert sind, nicht gegeben.

Es entsteht überflüssiger und zusätzlicher Stress, den kleine Kinder noch nicht selbst regulieren können. Deshalb brauchen sie verlässliche und feinfühlige Bindungspersonen.

Die Selbstregulation ist eine der wichtigsten Funktionen in unserem Leben

Ziel ist, dass Kinder aufgrund dieser Co-Regulation durch die Bezugspersonen gute Erfahrungen machen und sich zunehmend selbst regulieren können. Die Selbstregulation ist eine der wichtigsten Funktionen in unserem Leben.

Wichtige Grundlagen hierfür entstehen in den ersten drei Lebensjahren und werden in der gesamten Kindheit dann ausgebaut. Wie gut wir diese Fähigkeit entwickeln können, hängt von der Qualität von Bindung und Kontakt mit unseren Bezugspersonen ab.

Je besser wir die Fähigkeit zur Selbstregulation entwickelt haben, desto glücklicher sind wir in allen Lebensbereichen, denn von der Stärke der Selbstregulation hängt ab, wie stressresistent wir sind, wie gut wir Impulse regulieren können und wie stark wir auf stressige Reize reagieren.

Eine gute Selbstregulation zu haben, bedeutet, mit einem Grundgefühl von Selbstbestimmtheit und Autonomie, Zuversicht, Neugier und Freude in die Welt zu gehen.

Für Co-Regulation braucht es einen feinfühligen und liebevollen Umgang

Um die Fähigkeit zur Selbstregulation gut auszubauen, benötigen Kinder in den ersten Jahren einen anderen Menschen, im besten Fall die engste Bezugsperson, die ihnen hilft, Erfahrungen mit sich zu machen und ein inneres Instrument zu entwickeln, welches zunächst durch die Bezugsperson, später dann durch das Kind selbst reguliert werden kann.

► Kinder sind also zunächst darauf angewiesen, dass ihre Bindungspersonen sie bei der Regulation unterstützt und begleitet, also co-reguliert. Ziel bei der Co-Regulation durch die Eltern ist, dass Kinder vielfältige Erfahrungen mit Stresssituationen, Impulsen und Bedürfnissen machen können und die Fähigkeit zur gesunden Selbstregulation erlangen.

Dafür braucht es Körperkontakt und einen feinfühligen und liebevollen Umgang.

Ess-, Schlaf- und Trennungstrainings stören die Entwicklung einer sicheren Bindung, denn sie machen Angst und verhindern eine vertrauensvolle Beziehung. Somit ist das Bindungsband also nicht von Liebe und Vertrauen, sondern von Angst geprägt. Ein Bindungsband, das aus Unsicherheit und Angst gestrickt und gewoben wird, erzeugt Stress. Stress ist auf die Dauer für ein kleines Nervensystem Gift.

Wenn man Kindern die emotionale Nähe versagt, hinterlässt das Spuren

Wenn Kindern in Stresssituationen keine Co-Regulation im oben beschriebenen Sinne angeboten wird, werden Kinder irgendwann aufgeben und resignieren. Sie lernen dann in dieser Resignation:

  • Mein Gefühl stimmt nicht.
  • Ich muss mein Gefühl übergehen und ignorieren.
  • Mein Gefühl hat keinen Platz.
  • Meine Impulse/Gefühle sind nicht wichtig.

Es bedeutet auch, dass existenzielle Bedürfnisse – zum Beispiel nach Schutz, Nähe, Geborgenheit, Zuwendung und Wärme – ständig unterdrückt und verdrängt werden. 

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Wenn man Kindern die emotionale Nähe und Fürsorge versagt, sie alleine lässt und sie eine solche Form von Umgang erleben, hinterlässt das Spuren. Heute wissen wir, dass Menschen hierdurch in ihrer emotionalen Entwicklung gehemmt werden und in der Folge Störungen entwickeln können.

Vielfältige wissenschaftliche Studien aus der Psychologie und Psychotherapie belegen, dass das Verleugnen und Verdrängen von Gefühlen den Menschen krank macht. Die Krankheiten und Beeinträchtigungen reichen von Angststörungen über Depressionen bis hin zu Bindungs- und Beziehungsstörungen.

Ein Kind mit einer unsicheren Bindung entwickelt weniger Selbstbewusstsein

So wird beim Säugling und Kleinkind die unersetzliche Sicherheit, so geliebt zu werden wie man ist – mit allen Stärken und vermeintlichen Schwächen – zerstört.

Und auch das Urvertrauen zu den Eltern wird gestört. Das Vertrauen, das Kinder mitbringen und das sie mit Bindungserwartung auf ihre Eltern zugehen lässt, wird stark erschüttert und kommt ihnen irgendwann ganz abhanden. Ein Kind mit einer unsicheren Bindung zu einer Bezugsperson wird grundsätzlich weniger Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen entwickeln als Kinder, die eine sichere Bindung haben.

Deshalb ist es so wichtig, dass dieses lebenswichtige Vertrauen nicht durch verhaltensorientierte Methoden, die Abwertung, Sanktion, Nicht-Ernst-Nehmen und Gefühle und Bedürfnisse lächerlich machen beinhalten, aufs Spiel gesetzt wird.

Ja, Kinder brauchen Nähe und sie brauchen ihre Eltern als verlässliche erste Bindungs- und Bezugspersonen, um psychisch und physisch gesund aufwachsen zu können. Das wissen wir heute und es ist mir ein Rätsel, wieso es an vielen Stellen anders gemacht und empfohlen wird.

Ich freue mich darüber, dass Eltern zunehmend einen anderen Umgang mit ihren Kindern wollen

Das Wissen aus den unterschiedlichen Disziplinen, Entwicklungspsychologie, Säuglings- und Bindungsforschung, Trauma- und Hirnforschung und Evolutionsbiologie liegt auf der Hand und ist frei zugänglich für jeden.

► Es beschreibt sachlich und klar das, was passiert, wenn wir die emotionale Entwicklung von Kindern missachten, Gefühle und Bedürfnisse verdrängt werden müssen.

Ich freue mich darüber, dass Eltern zunehmend einen anderen Umgang mit ihren Kindern wollen, sich informieren und das Wissen auch in ihren Alltag integrieren.

► Unlauter empfinde ich es deshalb, dass Eltern oft abgewertet, als hysterischen Helikoptereltern betitelt oder als Anhängern irgendeiner Ideologie belächelt werden, wie es den Familien häufig passiert, die eine bindungsorientierte Elternschaft aktiv leben und sich für die Bedürfnisse der Kinder stark machen.

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Verleugnen und Verdrängen von Gefühlen macht den Menschen krank – vor allem Kinder (Symbolbild).

Ich halte den rein verhaltensorientierten, sanktionierenden Umgang mit unseren Kindern für unnötig

Es geht im übrigen auch nicht darum, dass Eltern ihre Kinder ohne Orientierung von Erwachsenen aufwachsen lassen wollen, sich selbst überlassen sind oder es hier um einen Laissez-faire-Umgang handelt, bei dem Kinder keine Grenzen erfahren.

Ganz im Gegenteil! Es geht auch nicht um eine Form der “Kuschel-Pädagogik”, die Kinder über “Tische und Bänke” gehen lässt, wie gerne von Verfechtern des autoritären und verhaltensorientierten Erziehungsstils vermutet wird. Nein, ganz und gar nicht. Es geht um eine Pädagogik, die die wesentliche Bindungsaspekte aus der aktuellen Forschung berücksichtigt und die konstruktive Beziehung in den Mittelpunkt des Eltern-Kind-Verhältnisses stellt.

Um es nochmal klar zu sagen: Ich halte den rein verhaltensorientierten, sanktionierenden Umgang mit unseren Kindern für unnötig und überflüssig, ja sogar krankmachend.

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Kinder brauchen Führung – ohne die sind sie verloren, ja. Die Frage ist nur, wie die Qualität dieser Führung beschaffen ist und für welche Form der Führung ich mich als Erwachsener entscheide.

Ist es eine autoritäre, sanktionierende Führung, eine die auf das Verhalten und Symptome orientiert ist und die Persönlichkeit des anderen ignoriert oder eine, die wertschätzend, vertrauensvoll auch die Emotionen und die Bedürfnisse des anderen berücksichtigt? Es ist unsere Entscheidung!

Katia Saalfrank ist Diplom-Pädagogin, Musiktherapeutin und körperorientierte Traumatherapeutin. Sie arbeitet als Eltern- und Familienberaterin in eigener Praxis in Berlin, berät und begleitet Eltern  – durch die Möglichkeit der Skype-Beratung auch bundesweit und im deutschsprachigen Ausland, führt Personal Coachings für Erwachsene zum Schwerpunkt Kommunikation und Emotion durch und ist in der Supervision und Fortbildung von LehrerInnen und ErzieherInnen tätig. Ihr aktuelles Buch “Kindheit ohne Strafen” zeigt verschiedene bindungs- und beziehungsorientierte Ansätze für den Alltag von Familien.