ELTERN
26/06/2018 18:58 CEST | Aktualisiert 27/06/2018 12:08 CEST

Erziehung: Starke Kritik an Kindern kann Depressionen begünstigen

Kinder von sehr kritischen Eltern nehmen Emotionen anders wahr.

  • US-Forscher konnten nachweisen, dass ein kritischer Erziehungsstil die kognitive Entwicklung von Kindern beeinträchtigt.
  • Auch deutsche Experten sind sich einig, dass starke Kritik die Grundbedürfnisse von Kindern verletzen kann.
  • Im Video oben seht ihr, welche körperlichen Symptome auf eine Depression hindeuten.

Schwer. Dunkel. Zäh. Schmerzhaft: Immer mehr Menschen leiden heute unter Depressionen. Die Zahl der Betroffenen ist laut einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO)in den letzten Jahren rasant gestiegen. Weltweit sind inzwischen mindestens 322 Millionen Menschen betroffen.

Gründe für den Anstieg gibt es viele. Neue Studien weisen immer wieder darauf hin, dassUrsachen der Erkrankung häufig in der Kindheit zu finden sind. “Die heutige Jugend steht wie keine andere Gene­ration vor ihr unter Druck“, sagte Dan Chisholm, Autor der WHO-Studie.

Neue Studie zeigt Verbindung zwischen Erziehungsstil und Depressionen

Forscher der US-amerikanischen Bingham University haben in einer kürzlich veröffentlichten Studie untersucht, inwiefern sich die Kritikbereitschaft von Eltern auf die kognitive Entwicklung ihrer Kinder auswirkt. 

Sie stellten fest, dass Kinder, die von ihren Eltern stark kritisiert werden, anders auf emotionale Informationen reagieren als Kinder von weniger kritischen Eltern.

Die Forscher wollten herausfinden, welchen Einfluss elterliche Kritik darauf hat, wie Kinder auf Emotionen in Gesichtern reagieren.

Sie baten die teilnehmenden Eltern, fünf Minuten lang über ihre Kinder zu sprechen. Anschließend werteten die Forscher nach bestimmten Kriterien aus, wie kritisch die Eltern gegenüber ihren Kindern waren.

Als nächstes baten sie die sieben- bis elfjährigen Kinder, sich Bilder von Menschen mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken anzusehen. Die abgebildeten Personen zeigten verschiedene Emotionen wie Freude oder Traurigkeit.

Kinder von kritischen Eltern gehen Emotionen aus dem Weg 

Während die Kinder sich die Fotos ansahen, beobachteten die Wissenschaftler ihre Gehirnaktivität, um herauszufinden, wie viel Aufmerksamkeit die Kinder den verschiedenen Gesichtsausdrücken schenkten.

Die Forscher kamen schließlich zu dem Ergebnis, dass die Kritikbereitschaft der Eltern einen Einfluss darauf hat, wie Kinder Emotionen bei einem Gegenüber wahrnehmen und verarbeiten:

Kinder von sehr kritischen Eltern gehen den Emotionen ihres Gegenübers demnach aus dem Weg. Sie vermeiden es, den emotionalen Gesichtsausdrücken überhaupt Aufmerksamkeit zu schenken.

Kinder schützen sich vor Situationen, die sie traurig machen

“Dieses Verhalten könnte ihre Beziehungen zu anderen Menschen beeinträchtigen und ein Grund sein, warum Kinder von sehr kritischen Eltern Gefahr laufen, an Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen zu leiden”, sagte Kiera James, Hauptautorin der Studie. 

“Wir wissen aus früheren Untersuchungen, dass Menschen die Neigung haben, Dingen aus dem Weg zu gehen, die ihnen unbehaglich sind, sie ängstlich oder traurig machen, weil diese Gefühle eine Aversion auslösen.”

Kinder von sehr kritischen Eltern würden daher allen emotionalen Gesichtsausdrücken aus dem Weg gehen, um sich vor den kritischen Ausdrücken in Gesichtern zu schützen.

Starke Kritikbereitschaft der Eltern steht für unsichere Bindung

Der bekannte Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster sagte der HuffPost im Bezug auf die Studie, dass es immer schwierig sei, Erziehungseinflüsse im Nachhinein festzumachen.

Es sei jedoch plausibel, dass die Kritikbereitschaft der Eltern tatsächlich für eine emotional wenig sichere Bindung zwischen Eltern und Kind stehe.

“Was die Bindungsqualität angeht, ist wiederum bekannt, dass es emotional sicher gebundenen Kindern leichter fällt, eine ‘Theorie des Geistes’ aufzubauen, also die Fähigkeit zu entwickeln, die Gefühle und das geistige Innenleben anderer Menschen zu erkennen”, erklärte Renz-Polster.

Diese Fähigkeit ist im Hinblick auf die Entwicklung gesunder Beziehungen essentiell.

Starke Kritik führt zu einem geringen Selbstwertgefühl

Hirnforscher Gerald Hüther stimmt seinem Kollegen zu. Gemeinsam haben die beiden Wissenschaftler das Buch “Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken” veröffentlicht. 

Auch Gerald Hüther sagte der HuffPost, dass es schwer vorherzusehen sei, was aus einem Kind werde, das starker Kritik durch die Eltern ausgesetzt ist.

“Aber mit Sicherheit wird es ein Kind sein, das nicht bei sich ist, das nicht in sich ruht und das sich nicht bedingungslos geliebt fühlt.”

Aber von welcher Art der Kritik sprechen wir hier überhaupt?

Hohe Erwartungshaltung der Eltern setzt Kinder unter Druck

Die Kritik der Eltern ist dann für ein Kind schädlich, wenn sie dazu führt, dass das Kind sich nicht um seiner selbst willen geliebt fühlt, sondern glaubt, sich anstrengen zu müssen, um Mutter und Vater zufriedenzustellen.

Viele Eltern haben Erwartungen an ihre Kinder. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder gute Schulabschlüsse machen, damit es ihnen einmal besser geht als ihnen selbst.

Vielleicht wollen sie auch, dass ihr Kind beliebt ist, sich höflich und aufmerksam verhält. Sie wollen, dass ihre Kinder glücklich sind. Sie haben wirklich gute Absichten.

Oft vergessen sie dabei jedoch, dass es ihre eigenen Vorstellung von Glück und Erfolg sind, die sie da auf ihre Kinder projizieren. Und damit machen sie ihre Kinder zu “Objekten ihrer eigenen Ziele und Absichten”, wie Hüther es ausdrückt. Dass Eltern ihre Kinder mit diesem Verhalten sehr tief verletzen, ist den wenigsten bewusst. 

Das kindliche Gehirn und seine Grundbedürfnisse

Der Neurobiologe erklärt, was im kindlichen Gehirn passiert, wenn das Kind nicht um seiner selbst willen geliebt wird:

“Jedes Kind hat zwei große Grundbedürfnisse”, sagte er der HuffPost. “Das erste ist das nach Verbundenheit. Deshalb strengen sich alle Kinder an, ihre Eltern glücklich zu machen. 

Das zweite Grundbedürfnis ist das nach Autonomie. Und deshalb strengen sich alle Kinder an, irgendetwas zu leisten, um zu zeigen, dass sie etwas drauf haben.”

Das erste Bedürfnis werde von dem Bindungssystem im Gehirn vermittelt, das zweite vom Explorationssystem im Gehirn angetrieben, erklärte Hüther.

“Wenn man ein Kind zum Objekt seiner Kritik, oder seiner Belehrungen, seiner Ziele und Absichten oder gar Maßnahmen macht, werden beide Grundbedürfnisse gleichzeitig verletzt.”

Die Verletzung der Grundbedürfnisse geht mit großem Schmerz einher 

Diese Situation habe dramatische Folgen für die kindliche Entwicklung:  

“Das ist seelisch ungefähr so, als ob man gleichzeitig das Essen und das Trinken wegnimmt und die Kinder Hunger und Durst leiden.”

Unter solchen Bedingungen könne sich kein Kind mehr öffnen und auch kein Interesse daran entwickeln, was es in der Welt alles zu entdecken gibt.

Sehr kritische Eltern verhindern durch ihr Verhalten also, dass ihre Kinder sich frei entwickeln können - denn frei entwickeln kann sich nur, wer sich sicher gebunden, durch die Eltern gesehen und um seiner selbst willen geliebt wird.

Aber was hat das mit Depressionen zu tun?

Dem Schmerz entkommen: Manche Kinder verletzen sich selbst

Der seelische Schmerz, der bei häufig kritisierten Kindern entsteht, kann sogar noch in ihren Gehirnen nachgewiesen werden, wenn sie erwachsen sind.

Um dem Schmerz zu entkommen, entwickeln Kinder unterschiedliche Strategien. Die einen passen sich an und tun, was man ihnen sagt. Häufig kopieren sie das Verhalten ihrer Eltern unbewusst und machen selbst andere (Kinder) zu Objekten ihrer eigenen Absichten, kritisieren oder mobben gar.

Manche Kinder reagieren aber auch selbstdestruktiv. Sie verletzen sich selbst, um nicht durch ihre Eltern – die wichtigsten Menschen in ihrem Leben – verletzt zu werden.

Hüther nennt ein Beispiel:

“Wenn so ein Kind eine Vier in Mathe bekommt, sagt es sich, dass es eben zu blöd ist für Mathe.

Denn wenn es immer noch daran glauben würde, dass es gut in Mathe ist, dann aber  immer wieder hört, dass es schlecht sei, tut das ja jedes Mal weh.”

Das Kind macht sich also selbst schlecht, um der Kritik durch andere vorzugreifen und sich zu schützen.  

Dauer-Kritik kann eine Depression begünstigen

Ein Kind, dass sich jedoch den Emotionen in seinem Umfeld entzieht, indem es wie Kiera James und ihr Team nachweisen konnten, emotionalen Gesichtsausdrucken keine Beachtung schenkt, sieht auch die positiven Gefühle nicht. 

Dieser Zustand kann eine Depression begünstigen.

Für Gerald Hüther steht jedenfalls fest, dass sich etwas ändern muss an der Art, wie viele Eltern und auch Lehrer mit Kindern umgehen:

“Es ist an der Zeit, dass wir uns Gedanken darüber machen, was für Kinder wir großziehen wollen: Solche, die ständig nach Halt in der Welt suchen, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie nichts wert sind, weil sie dauernd nur kritisiert werden und sich anstrengen müssen, um anderen zu zeigen, dass sie doch nicht so blöd sind. Oder ob wir Kinder haben möchten, die in sich ruhen und die Freude daran haben, die Welt zu entdecken und zu gestalten.”