ELTERN
30/10/2018 16:37 CET | Aktualisiert 31/10/2018 08:39 CET

Erziehung: Wie Eltern die Kreativität ihrer Kinder fördern können

Spielen ist einer der wichtigsten Faktoren, um kreative, wissbegierige und gesunde Kinder großzuziehen.

filadendron via Getty Images
Kreativität wird zu einer neuen Schlüsselkompetenz. (Symbolbild)
  • Kreativität wird zu einer immer wichtigeren Kompetenz in einer Arbeitswelt, die sich gerade dramatisch verändert. 
  • Experten erklären, wie Eltern ihren Kindern dabei helfen können, ihre kreativen Potenziale voll auszuschöpfen. 

Unsere Arbeitswelt verändert sich gerade dramatisch. Das hat vor allem mit der digitalen Transformation zu tun. Was genau auf uns zukommt, ist noch nicht absehbar. Aber sicher ist: Es wird in Zukunft immer häufiger darauf ankommen, kreative Lösungsstrategien zu entwickeln, um die Ecke zu denken und Neues erschaffen zu können. Und das gilt für fast alle Berufsfelder.

“Die Arbeitswelt verändert sich gerade mit großer Geschwindigkeit in eine Richtung, die keiner kennt und die keiner vorhersehen kann”, sagt Personalberater Thomas Löwenberg.

“Und deshalb komme ich beruflich nicht nur mit gelerntem Wissen weiter. Es geht nicht mehr darum, gelerntes Wissen einfach nur anzuwenden, sondern kreativ neue Wege in einer sich verändernden Arbeitswelt zu finden. Erfolgreich werden diejenigen sein, die sich in dieser unsicheren, sich verändernden Welt trotzdem souverän und optimistisch bewegen.”

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Kreativität wird damit zu einer neuen Schlüsselkompetenz. Löwenberg erklärt, was das für unsere Kinder bedeuten könnte:

“Es wird darauf ankommen, sich stetig kreativ weiterzuentwickeln, um mit den Veränderungen mitgehen zu können. Und das gilt nicht mehr nur für die typischen kreativen Branchen wie Werbung, Film,  Fernsehen oder Design. Dies gilt auch für eigentlich alle klassischen Unternehmensbereiche, wo sich durch neue technische Voraussetzungen, immer wieder Möglichkeiten ergeben, die neu entwickelt und erdacht werden müssen.”

Wie wir Kinder zum Beobachten, Entdecken und Träumen anregen

Doch wie können wir unsere Kinder auf diese unsichere Zukunft vorbereiten? Am besten, in dem wir sie so viel wie möglich spielen lassen. Insbesondere das freie Spiel sorgt nach neuesten Erkenntnissen der Neurologie für die besten Vernetzungen im Gehirn

Wir haben uns mit einem Experten für Spielen, einer Kunstlehrerin und einer Spezialistin für frühkindliche Entwicklung eines Kindermuseums getroffen, um darüber zu diskutieren, welche wichtige Rolle Kreativität im Leben unserer Kinder spielt.

Die Experten haben uns Tipps gegeben, wie es sogar extrem gestressten Eltern ganz leicht gelingen kann, ihre Kinder zum Beobachten, Entdecken und Träumen anzuregen.

Unterschätze niemals, wie wichtig Zeit zum freien Spielen ist

Die Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde veröffentlichte im August einen klinischen Bericht, in dem sie anmerkte, dass “die Wichtigkeit von Spielzeit mit Kindern nicht überbewertet” werden könne. Die Akademie wies darauf hin, dass Spielen einer der wichtigsten Faktoren sei, um “kreative, wissbegierige und gesündere Kinder” großzuziehen.

Dr. Peter Gray, Forschungsprofessor für Psychologie am Boston College und Autor des Buches “Free to Learn: Why Unleashing the Instinct to Play Will Make Our Children Happier, More Self-Reliant, and Better Students for Life”, ist ebenfalls ein großer Befürworter des freien Spiels.

Seit Kurzem arbeitet er im Rahmen der Kampagne #FreeYourPlay mit dem Schuhhersteller Kamik zusammen. Die Kampagne weist darauf hin, wie wichtig unstrukturiertes Spielen im Freien für Kinder ist. Wie Gray anmerkt, gibt es mehrere Faktoren, die Kinder davon abhalten, ihr kreatives Potenzial voll zu entfalten.

Zu diesen Faktoren gehöre, dass den Kindern zu wenig Zeit für Pausen bleibe und dass es zu wenig Spielplätze gebe. Außerdem würden bestimmte Spielsachen sich negativ auf die Entwicklung von Kreativität auswirken.

Es gibt keinen “richtigen” Weg etwas zu tun 

“Lego hat zum Beispiel früher einfach Spielsteine verkauft, mit denen Kinder ihre eigenen Kreationen entwickeln konnten. Doch heutzutage verkauft die Firma komplette Sets mit genauen Bauanleitungen”, erklärt Gray. “Mit dieser Art zu spielen wird jedoch die Kreativität der Kinder nicht gefördert.”

“Diese ganze Botschaft, dass es nur einen richtigen Weg gibt, etwas zu tun, schränkt die Kreativität ein”, fügt Gray hinzu.

Kindern tut es sehr gut, für sich ganz alleine spielen zu können. Es sei jedoch ebenso wichtig, dass auch die Eltern mit ihren Kindern spielen, findet Cassie Stephens, die seit 20 Jahren als Kunstlehrerin an einer Grundschule unterrichtet.

Stimmt in die Begeisterung des Kindes ein

Stephens Rat an alle Eltern lautet, ihr Augenmerk immer wieder bewusst auf die scheinbar einfachen Dinge zu richten, die Erwachsene schon hundertmal gesehen haben. Denn für Kinder sind diese Dinge wichtig und interessant.

“Wenn zwei Farben zusammen orange ergeben und ein fünfjähriges Kind sich darüber freut, dass es diese Farbe erschaffen hat, dann stimme ich in seine Begeisterung mit ein”, erklärt Stephens. “Denn diese Freude ist ansteckend und ich möchte die Kinder wirklich dazu ermutigen, immer wieder neue Dinge zu entdecken. Ich würde niemals zu einem Kind sagen: ‘Das ist doch logisch, das hatte ich dir doch schon einmal erklärt, erinnerst du dich daran?’”

Mach dir bewusst, dass dir vielleicht selbst oft die Fähigkeit zum Staunen fehlt

Bei den meisten Erwachsenen ist das Talent für Kreativität weniger stark ausgeprägt als bei Kindern, sagt Rachel Giannini. Sie ist Spezialistin für frühkindliche Entwicklung am Chicago Children’s Museum und war früher als Erzieherin tätig.

Das bedeutet, dass Eltern ein Spielzeug in die Hand nehmen und sofort wissen, wozu es benutzt wird. Ein gutes Beispiel dafür seien Bauklötzchen, erklärt Giannini. Die meisten Eltern würden sofort anfangen, etwas damit zu bauen. Kinder würden den Bauklotz hingegen in die Hand nehmen und so tun, als ob er etwas anderes sei.

“Ein Spielzeug kann ein Flugzeug oder ein U-Boot sein”, erklärt Giannini. “Wenn man seinem Kind jedoch sagt, dass es ein Auto ist, weil es Reifen hat, und dass es auf der Straße fährt, zerstört man damit auf gewisse Weise die Vorstellungskraft des Kindes.”

Giannini erzählt, dass das “Tinkering Lab” – eine große Abteilung zum Basteln im Chicago Children’s Museum – nach dieser Art zu spielen aufgebaut wurde. In den Bastel-Workshops gibt es nur sehr wenige Anweisungen und die Kinder werden stattdessen aufgefordert, Dinge dazu zu bringen, sich zu “bewegen oder ein Geräusch zu machen.”

“Die Kinder werden von selbst tätig”, berichtet Giannini. “Die Idee dahinter lautet: ‘Was möchtest du denn selbst gerne machen?’ Wir geben ihnen keine Anweisungen.”

Viele Erwachsene würden mit der Zeit immer stärker darauf konditioniert, die “Magie der kleinen Dinge” zu übersehen und die Welt um sich herum weniger genau wahrzunehmen, erklärt Stephens. Diese Tatsache solltest du dir immer wieder vor Augen führen. Achte darauf, dass du die Vorstellungskraft deines Kindes nicht einschränkst.

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Mach es dir leicht und nutze die Dinge, die du um dich herum findest

“Wenn man Eltern sagt, dass sie etwas mit ihrem Kind unternehmen sollen, sehen die meisten sofort Preisschilder vor ihrem geistigen Auge aufpoppen”, sagt Giannini.

Sie hingegen ist der Meinung, dass Eltern keine teuren Spielsachen kaufen müssen, um die Kreativität ihrer Kinder zuhause zu fördern. Es sei für Kinder ohnehin viel besser, mit “vielseitig verwendbaren Materialien und einzelnen Teilen zu spielen.”

“Geht nach draußen und sammelt irgendwelche Gegenstände, die keinen bestimmten Nutzen haben, wie beispielsweise Eicheln und Tannenzapfen. Dadurch fördert ihr die Kreativität und Problemlösungsfähigkeit eurer Kinder”, sagt Giannini. “Am Montag ist es vielleicht einfach nur ein Tannenzapfen, doch am Dienstag ist er bereits Teil einer Struktur. Dadurch fördert man freies Spielen.”

Wer auf der Suche nach Materialien für kreatives Spielen ist, sollte Basteln mit Ton ausprobieren. Stephens berichtet, dass ihre Schüler diese Arbeiten am meisten liebten. Sie hat einige Projekte zum Nachmachen in ihrem Buch “Clay Lab for Kids” zusammengefasst. Außerdem empfiehlt sie Eltern, sich vor allem auf die Aktivitäten zu konzentrieren, die ihren Kindern ohnehin große Freude bereiten.

“Spielzeug aus Knetmasse und Schleim macht viele Eltern wahnsinnig. Doch immerhin starren [die Kinder] dabei nicht auf den Bildschirm und haben Spaß damit”, sagt Stephens.

Lass deine Kinder auch mal Fehler machen

Für Kinder sei es extrem wichtig, zu lernen, ihre Probleme selbst zu lösen, betont Gray. Eltern sollten es unbedingt unterlassen “jedes kleine Problem für ihre Kinder zu lösen, ihre eigenen Probleme auf sie zu projizieren oder immer sofort angelaufen zu kommen, wenn die Kinder in einen Streit geraten”, erklärt Gray.

Wie Giannini anmerkt, ist es außerdem sehr wichtig, dass man seine Kinder beim Spielen und Ausprobieren auch mal Fehler machen lässt. Dies würde ihnen dabei helfen, sich nicht entmutigen zu lassen und mit ihrem Projekt einen zweiten Anlauf zu wagen.

“Einen Ort zu haben, an dem sie nicht nur Fehler machen dürfen, sondern an dem sie auch noch in vollkommener Sicherheit Fehler machen und es noch einmal versuchen dürfen, ist für Kinder sehr aufbauend. Ein Ort, an dem es nicht plötzlich heißt: ‘Achtung, Stifte weglegen.’ Denn dadurch lernen sie, dass sie ihren Instinkten durchaus trauen können”, erklärt Giannini. “Und wenn doch mal etwas schief läuft, dann sollte man sich die Zeit nehmen und mit seinem Kind darüber sprechen, warum ihr Versuch nicht geklappt hat.”

 

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost US und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt und angepasst. 

(nc)