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04/02/2019 12:47 CET | Aktualisiert 04/02/2019 15:25 CET

Kita-Erzieherin erklärt: "Wir verdienen so wenig, weil wir mit Menschen arbeiten"

Eigentlich sollte uns ein gut betreutes Kind mehr wert sein als alles andere und trotzdem investiert der Staat nicht genügend in gute Erziehung und Bildung.

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Erzieherin Ilona Böhnke meint, in Erziehung wird nicht investiert, weil in dem Berufsfeld mit Menschen gearbeitet wird (Symbolbild). 

Ilona Böhnke hat 40 Jahre lang als Erzieherin in Kitas gearbeitet. Trotz anstrengender Ausbildung, Weiterbildungen und Berufserfahrung verdient sie unwesentlich mehr als den Mindestlohn – keine Seltenheit in ihrem Berufsfeld.

Das sind laut Böhnke die Gründe, weswegen Erzieher so wenig verdienen – und so könnte das Problem gelöst werden.

In Kitas herrscht extremer Personalmangel – erst kürzlich sprach das Hauptvorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Björn Köhler von bis zu 300.000 zusätzlich benötigten Mitarbeitern, um die Lücken in den kommenden Jahren füllen zu können.

Die Folgen dieses Personalmangels zeigten sich kürzlich in Berlin: Mehr als 100 Kinder verloren ihren Kitaplatz, weil nicht genug Erzieher verfügbar waren – manche Eltern fürchten nun, ihren Job kündigen zu müssen, fall sie keinen Ersatzplatz für ihren Nachwuchs finden. 

Kitas brauchen also mehr Mitarbeiter. Aber wer will heutzutage schon Erzieher werden, bei den Arbeitsbedingungen und den Verdienstmöglichkeiten? 

Wir Erzieher verdienen wenig, weil wir mit Menschen arbeiten

Obwohl gute Erziehung und generell ein würdiger Umgang mit Menschen eigentlich unbezahlbar sein sollten, sind es gerade soziale Berufe, die besonders gering bezahlt werden. Und leider liegt die Begründung dafür meiner Ansicht nach genau darin: Weil wir mit Menschen arbeiten. 

Objekte, wie Autos zum Beispiel, sind in ihrem Wert messbar: Da wird ein Produkt hergestellt, das hinterher einen bestimmten Preis kosten muss, um Gewinn zu erzielen. In die Automobilbranche kann ich finanziell investieren, um am Ende an diesem Gewinn teilhaben zu können.  

In der Betreuung von Kindern oder älteren Menschen allerdings ist das Produkt nicht messbar – zumindest hat ein gut betreutes und erzogenes Kind keinen Geldwert. Eigentlich sollte uns ein gut betreutes Kind mehr wert sein als alles andere und trotzdem investiert der Staat nicht genügend in gute Erziehung und Bildung. Die Menschen, die unsere Kinder erziehen, verdienen oft nicht genug, um sich ein gutes Leben leisten zu können. 

Mehr zum Thema: Was ich in einem bayerischen Kindergarten beobachtet habe, macht mir Sorgen

Ich selbst bin Erzieherin und habe 40 Jahre lang in diesem Beruf gearbeitet, mittlerweile nur noch als Aushilfe. Ich habe die anstrengende und langwierige Ausbildung absolviert, zahlreiche Weiterbildungen gemacht, verfüge über viel Berufserfahrung. Ich mag meinen Job sehr gerne und habe mir stets Mühe gegeben, für die Kinder da zu sein, meine Kollegen zu unterstützen, ein offenes Ohr für die Eltern zu haben. 

Wer all das tut, den erwartet ein Nettogehalt von: 1400 Euro. So war es zumindest bei mir. Wer auch nach Jahren Berufserfahrung so viel verdient, kann sich das Leben in einer Großstadt oder eigene Kinder eigentlich kaum leisten, außer man hat vielleicht einen Partner an seiner Seite, der einen finanziell unterstützt.

In meinem Fall ist das mein Mann, der früher als Kraftwerksmeister Strom hergestellt hat und mittlerweile in der Windenergie-Branche tätig ist. Strom ist ein Produkt, Strom hat einen Preis – also wird in dessen Herstellung auch investiert. 

Kita-Mitarbeiter entlasten Eltern, die Geld verdienen müssen

Wenn ich daran zurückdenke, wie viele Kinder ich in den vergangenen Jahrzehnten mit großgezogen habe, wie viele tolle Menschen ich mit formen durfte – natürlich bin ich stolz bei dem Gedanken. Allerdings ist mir durchaus auch bewusst: Am Ende ist unsere Position als Erzieher vor allem deswegen wichtig, weil wir diejenigen entlasten, die viel Geld verdienen müssen. Damit Menschen Autos oder Strom oder sonst etwas produzieren können, muss sich jemand um ihre Kinder kümmern – die idealerweise später selbst gut ausgebildet sind und viel Geld verdienen. 

Wenn ich davon spreche, dass sich jemand um die Kinder kümmern muss, liegt die Betonung genau auf diesem Wort: muss. Uns Erziehern ist durchaus bewusst, dass unser Beruf eine Pflicht ist: Wir können unsere Arbeit nicht mal einen Tag lang liegen lassen. Die Kinder brauchen uns, und zwar jeden Tag. Das macht es für uns auch so schwierig, hohe Gehälter zu verhandeln: Mal abgesehen davon, dass Gehaltsverhandlungen in unserer Branche sowieso nicht üblich sind, machen wir unseren Beruf vor allem aus ideologischen Gründen. Um Erzieher zu sein, den ständigen Stress und die teils miesen Umstände auszuhalten, braucht man Herzblut. 

Am Ende ist das natürlich ein Faktor, warum Erzieher nicht mehr verdienen: Wir können nicht immer für unsere Gehälter eintreten, weil wir wissen, es würde die Kinder und Eltern treffen, wenn wir sagen: “Nein, für dieses Geld arbeite ich nicht!” 

Nun gibt es natürlich trotzdem Erzieher, die gegen die Missstände in Kitas kämpfen – jüngst hat die AWo zu Streiks aufgerufen, zahlreiche Kitas sind seitdem geschlossen. Ich kann es natürlich verstehen, dass die Kollegen ihre Situation satt haben und deswegen für Besserung kämpfen – gleichzeitig weiß ich, wie weh es uns allen tut bei dem Gedanken: Wenn die Eltern morgens in die Kita kommen, wird die Gruppe geschlossen sein – was dann?

Als Mitarbeiter kirchlicher Kitas dürfen wir nicht streiken

Ich selbst habe den Großteil meiner Laufbahn in kirchlichen Kitas gearbeitet – dort gibt es die Möglichkeit, zu streiken nicht. Das geht nur in staatlichen und privaten Einrichtungen. In kirchlichen Kitas versuchen wir eher, gemeinsam Lösungsansätze zu finden. Leider klappt das in der Realität nicht immer. Immerhin haben wir unter kirchlicher Trägerschaft zumindest meist etwas bessere Arbeitsbedingungen als diejenigen, die zum Beispiel in staatlichen Kitas arbeiten.

Ein weiteres Problem bei der Bezahlung von Erziehern sehe ich darin, dass die Arbeit mit Kindern traditionell immer noch als weiblich wahrgenommen wird. Als ich damals angefangen habe, als Erzieherin zu arbeiten, gab es praktisch keine Männer in dem Beruf – auch heute überwiegen Frauen nach wie vor. Und in Berufen, in denen der Anteil von Frauen besonders groß ist, sind die Gehälter meist besonders niedrig. 

Erzieher produzieren nicht, sondern verursachen Kosten

Das sind also meiner Ansicht nach die Gründe, warum Erzieher so wenig verdienen:

► Wir produzieren keine Güter, sondern verursachen lediglich Kosten.

► Wir sind aufgrund des Wesens unseres Berufs nicht in der Position, um höhere Gehälter zu verhandeln.

► Traditionell weibliche Berufe werden in der Regel schlechter bezahlt.

Unter diesen Umständen wird es schwierig werden, den Beruf potentiellen Auszubildenden schmackhaft zu machen und so in Zukunft den Personalmangel auszugleichen. 

Der Erzieher-Beruf muss wieder an Ansehen gewinnen – ein erster Schritt wäre, die Gehälter der Kita-Mitarbeiter zu erhöhen. Geld ist im Endeffekt auch eine Möglichkeit, Wertschätzung zu zeigen – und eine finanzielle Investition in gute Erziehung sollte der Gesellschaft aus eigenem Interesse am Herz liegen.

Dieser Text basiert auf einem Telefongespräch und wurde aufgezeichnet von Agatha Kremplewski.

(ben)