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01/12/2018 13:39 CET | Aktualisiert 06/12/2018 17:22 CET

Erzieherin: "Ein muslimischer Junge hat mir gezeigt, was an Weihnachten wirklich zählt"

Weihnachten mit verschiedenen Religionen zu feiern, gehört zu den schönsten Erlebnissen meiner Berufszeit.

Rawpixel via Getty Images

Ilona Böhnke hat fast 40 Jahre als Erzieherin in Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft im Ruhrgebiet gearbeitet, viele davon in Brennpunktvierteln. In der HuffPost beschreibt sie, wie eine Weihnachtsfeier aussieht, wenn drei Viertel der Kinder Muslime sind.

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, als einige Kindergärten aufgehört haben, Weihnachtsfeiern zu veranstalten. Jahresendfeiern gab es dann stattdessen. Ich weiß sogar, dass manche Kindergärten die Weihnachtslieder umgedichtet haben.

Alles aus Angst, jemanden zu verschrecken. Eine Religionsgruppe auszuschließen.

Ein verständlicher Gedanke in Gegenden, wo auch der Kindergarten war, in dem ich gearbeitet habe. Gegenden, die gern als Brennpunktviertel bezeichnet werden. Dort, wo es viele Arbeitslose gibt, wo die Leute kaum Geld haben und wo der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund sehr hoch ist.

So waren in unserem Kindergarten etwa drei Viertel aller Kinder in den Gruppen Muslime.

Ein christlicher Kindergarten mit fast nur Muslimen

Wir haben als Kindergarten in kirchlicher Trägerschaft natürlich trotzdem Weihnachten gefeiert. Andere Kindergärten handhabten das anders. Ein Fehler, wie ich finde.

Denn Weihnachten mit verschiedenen Religionen zu feiern, gehört zu den schönsten Erlebnissen meiner Berufszeit.

Ich war fast 40 Jahre Erzieherin in Brennpunktvierteln.

Klar gab es anfangs Ängste – auf allen Seiten. Vor 30 Jahren blieben die muslimischen Familien von den Weihnachtsfeiern fern. Wir Christen besuchten keine Moscheen. Man lebte nebeneinander. Man kannte sich, aber war sich trotzdem fremd.

Das hat sich glücklicherweise geändert.

Im Laufe der Zeit öffneten sich die Moscheen. Es gab Tage der offenen Tür. Wir konnten da teilnehmen, mitfeiern, mitessen. Anstatt sich nur aus dem Weg zu gehen, ging man nun aufeinander zu.

Und mit den Jahren kamen auch langsam mehr muslimische Familien zu unseren Weihnachtsfeiern. 

Wenn Muslime an Weihnachten den Jesus spielen

Anfangs trauten sie sich noch nicht, ihre Kinder bei den Krippenspielen mitmachen zu lassen. Aber auch das änderte sich. Erst halfen die Kleinen immer mehr bei den Vorbereitungen, spielten dann mal auf der Bühne die Triangel und übernahmen dann sogar kleine Rollen.

Den Josef, die Maria oder sogar den Jesus zu spielen, das war doch noch irgendwie komisch. Jedenfalls eine Zeit lang.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie in einem Jahr dann der kleine Īsā den Jesus spielte. Er war nicht das erste muslimische Kind in dieser Rolle, aber er war einer der Ersten.

Īsās Mutter kam aus Deutschland, sein Vater aus dem Libanon. Wahrscheinlich haben sie ihm deshalb diesen symbolträchtigen Namen gegeben.

Īsā, ist der arabische Name für Jesus. Īsā aus dem Koran und Jesus in der Bibel haben zwar einige Unterschiede, aber vor allem sehr viele Gemeinsamkeiten.

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Jesus oder eben Īsā war etwas Außergewöhnliches. Und auf seine eigene Art, war es auch unser kleiner Īsā im Kindergarten.

Muslime und Christen haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Bei seinem Auftritt spürte ich wahrlich den Geist von Weihnachten. Denn hier waren Familien aus aller Herren Länder. Und als ihre Kinder das Krippenspiel spielten, wurden sie von einer Menge Smartphones gefilmt und fotografiert.

Diese Fotos und Filme wurden dann verschickt zu den Familien in die Türkei, nach Libyen, nach Marokko, nach Syrien und natürlich in einigen Fällen auch nach Deutschland.

Menschen, die über die halbe Welt verteilt waren, schauten unser kleines Krippenspiel aus dem Ruhrgebiet. Sahen den Jesus, den kleinen Īsā.

Zusammen teilten wir diesen Moment und fühlten das, was alle Religionen vereint: Hoffnung. Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Es wurde ein besonderer Mensch geboren

Denn es ging hier nicht mehr um das Krippenspiel. Jeder, der irgendetwas glaubt, sucht nach Gemeinschaft. Man will ein Ganzes werden. Als Mensch und mit anderen.

Und als ich die Menschen da stehen sah, wie begeistert sie den Kindern zuschauten und ihre Begeisterung teilten, sah ich, dass die Botschaft des Krippenspiels alle verstanden. Die Botschaft von Zusammensein und von Frieden.

Das gibt Hoffnung. Das konnte man richtig spüren. Und diese Hoffnung ging jetzt in alle Welt hinaus.

Muslime und Christen wissen, wer Jesus ist und wissen, was seine Geschichte bedeutet, feiern zusammen und bilden eine gute Gemeinschaft.

Weil damals ein besonderer Mensch geboren wurde. Weil ein besonderes Kind, und ja, alle Kinder sind besonders, hier beim Krippenspiel mitspielte.

Nach der Weihnachtsfeier gingen alle in gelockerter Stimmung nach Hause. Die einen feierten ihr Weihnachten unter dem Tannenbaum, die anderen genossen die freien Tage mit ihrer Familie – auch ohne Weihnachtsfest.

Multi-Kulti funktioniert

Was mich das Erlebnis gelehrt hat, ist, dass Gemeinschaft funktioniert. Das Multi-Kulti funktionieren kann. Das Menschen zusammen funktionieren.

Diese ganzen Unterschiede kann man leicht vergessen. Genau genommen gibt es sie gar nicht. Wenn man sich kennt und eine schöne Zeit miteinander verbringt, dann kommen Differenzen gar nicht vor.

Es scheint gerade wieder modern zu sein, auf diese Differenzen zu achten. Das ist aber falsch, denn es eint uns so viel. Gerade Christen und Muslime haben so viel mehr gemeinsam, als es Unterschiede gibt.

Statt aus Angst vor Konflikten sowas wie Jahresendzeitfeste zu feiern und die Türen der Moscheen lieber geschlossen halten, sollten wir aufeinander zugehen.

Ob man sich beim Weihnachts- oder beim Zuckerfest trifft, spielt am Ende nämlich gar keine Rolle. Wir Menschen wollen nämlich alle das Gleiche: Gemeinschaft und Frieden.

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier. 

(lp)