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21/05/2018 09:57 CEST | Aktualisiert 21/05/2018 09:57 CEST

Erotikliteratur boomt – das ist ein gutes Zeichen für alle Frauen

Es gibt ein neues Selbstbewusstsein der Frauen.

DAJ via Getty Images
Erotische Literatur boomt – auch in Deutschland.

“‘Ah!’ seufze ich, als mein Körper sich unter seiner Zunge aufbäumt. Wieder und wieder bewegt sich seine Zunge um meine Klitoris, süße Folter. Ich verliere jegliches Ich-Gefühl und konzentriere mich mit jeder Faser meines Körpers auf jenen kleinen Punkt zwischen meinen Beinen, während er einen Finger in mich hineingleiten lässt.” E.L. James, Fifty Shades of Grey

Noch vor einigen Jahren wären Romane, die explizite Passagen wie diese enthalten, in die hinterste Ecke von Bahnhofskiosken verbannt worden. Heute sind sie in jedem großen Buchhandel gut sichtbar positioniert, nicht selten unter den Bestsellern.

Die Pseudo-Sadomaso-Romanze “Fifty Shades of Grey” von E. L. James ist der unangefochtene Spitzenreiter unter den Erotik-Romanen. Über 125 Millionen Mal hat sich das Buch seit seiner Veröffentlichung 2011 weltweit verkauft.

Dabei ist die Geschichte an sich nicht neu: Junge, unerfahrene graue Maus verliebt sich Hals über Kopf in einen unberechenbaren, reichen Mann mit einem düsteren Geheimnis unzählige Schundromane handeln von einer ähnlichen Liebesbeziehung.

Keiner davon war auch nur annähernd so erfolgreich wie “Shades of Grey”.

Woher kommt also dieses plötzliche Interesse an Sexromanen?

“Der Erotikliteratur-Boom hat mit einem neuen Selbstbewusstsein der Frauen in Bezug auf das eigene Begehren zu tun”, erklärt Stephanie Heimgartner, Professorin für vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität Bochum, im Gespräch mit der HuffPost.

Dass Frauen in Bezug auf Sex die Initiative ergreifen und ihre Wünsche äußern, sei ein vollkommen neues Phänomen – nicht nur in der Literatur. Bislang seien sexuell aktive Frauenfiguren in der Literatur als gefallene Frauen dargestellt worden. Als Hexen oder Hysterikerinnen zum Beispiel.

Erotische Romane wie “Shades of Grey” räumen mit diesem uralten Tabu auf: In ihnen wird die weibliche Lust auf Sex offen zur Schau gestellt.

Was macht gute Erotik aus?

Aber: Was macht eine gute Erotikszene in der Literatur eigentlich aus? Die HuffPost hat bei Erotikautorin Sophie Andresky nachgefragt.  

“Für mich ist sie dann gut, wenn sie mich anmacht und wenn ich sie glaube. Sprachlich mag ich es eher dirty. Keinesfalls darf es blumig oder pseudo-poetisch werden. Wenn sich da die Lanze der Lust in der heiligen Liebesgrotte mit dem glitzernden Tautropfen benetzt, da ist es bei mir vorbei. Ich benenne Körperteile.” 

In meinen Büchern wird gefickt und nicht im Liebesakt verschmolzen.”

Die weibliche Libido rückt immer mehr in den Vordergrund

Bei Andresky geht es also zur Sache. Und zwar so, dass beide Partner daran Spaß haben. Die Autorin behauptet sogar von sich selbst, das Genre des feministischen Pornos im deutschsprachigen Raum begründet zu haben.

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Ihre Heldinnen sind intelligente, lustvolle Frauen, für die Sex mehr ist, als ein Dienst an Männern.

Die Frauen sind feucht, wissen was sie wollen und holen es sich.

“Selbstverständlich benutzen sie Sextoys, und selbstverständlich haben sie jede Menge wundervoller Orgasmen. Die Mädels kommen auf ihre Kosten und die Partner memmen nicht rum oder bestehen auf irgendwelchen Steinzeit-Vorstellungen.”

“Frau Koslowski ist schon ziemlich feucht. Ich sehe, wie ihre Möse vorfreudig glänzt. Trotzdem nehme ich noch etwas Gleitgel aus dem Spender, denn die Kursleiterin hat ja gerade noch in ihrem zwitschernden Tonfall verkündet: ‘Humidität ist essentiell bei einer elysischen Vagina-Massage’. Damit meint sie wohl, je feuchter die Mumu, desto größer die Freude. Sie drückt sich reichlich geschraubt aus für so einen Masturbationsworkshop, aber recht hat sie trotzdem. Trockene Muschi-Massagen bringen nur halb so viel Spaß wie glitschige, und zwar auf beiden Seiten. Egal ob ich eine Muschi fingere oder ob meine eigene verwöhnt wird, flutschen muss es.“

Sophie Andresky, Hotel D’Amour

Ein Ansatz, der großen Anklang zu finden scheint: Andresky gilt als die erfolgreichste deutsche Erotikautorin. Im Herbst erscheint ihr siebter Roman, mit dem Titel “SexCircus”. Aber: Woher nimmt man eigentlich die Inspiration für all die Sexszenen?

“Manches ist selbst erlebt. Wenn ich bizarre Dialoge höre oder mir ein skurriles Detail begegnet, dann notiere ich mir das sofort. Auch Dates oder One-Night-Stands finden sich oft in meinen Texten wieder.

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Manche Leser verwechseln meine Bücher aber mit Lebensbeichten, das sind sie nicht. Ich bin eine Geschichtenerzählerin, keine plauderfreudige Sünderin.” 

Wenn ich Krimis schreiben würde, würde ich ja auch nicht nachts mit der Axt durch den Stadtpark schleichen.”

Erotische Literatur kann das Sexleben der Leser verbessern

Für ihre offene, direkte Erzählweise wird Andresky von ihren Lesern mit ebenso direkter Fanpost beehrt. Das kann durchaus verstörend sein.

“Ich freue mich wie Hulle, wenn mir ein Paar schreibt, dass sie durch meine Geschichten endlich offen miteinander über Sex sprechen können. Einmal erzählte mir eine Leserin, dass sie jetzt viel mehr Orgasmen hat, weil sie ihrem Mann sagen kann, was sie im Bett gern hätte. Glückliche, sexuell befriedigte Frauen, das ist so toll!

Manchmal, glücklicherweise sehr selten, kommt auch merkwürdige Post. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Polizisten, der mir ein Foto von sich in Uniform mit geöffneten Hosenlatz und erigiertem Penis schickte.

Er saß auf einer Ledercouch und neben ihm hockte ein sabbernder Dobermann. Was er mir damit sagen wollte? Keine Ahnung.

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Und einmal hat sich ein Leser gewünscht, es möge in meinen Büchern doch auch mal “halb freiwillige“ Sexszenen geben, also mit schlafenden Frauen oder welchen, die sich zwar wehren, aber insgeheim doch wollen.

Sowas finde ich ekelhaft, bei mir sind alle Beteiligten immer mit allem einverstanden. Nur das ist Sex!”

Ist jemand nicht hundertprozentig einverstanden oder nicht bei klarem Verstand, ist es kein Sex, sondern eine Vergewaltigung.

“Das ist widerlich und wird in meinen Büchern niemals vorkommen.”

Mehr Toleranz für Andersliebende

Dass die Beliebtheit von Erotik-Romanen ein Zeichen für eine allgemein offenere Gesellschaft ist, glaubt Andresky jedoch nicht.

“Viele Leute denken einfach immer noch, dass es eine Art von sauberer, natürlicher, richtiger und gesunder Sexualität gibt – womit sie meistens ihre eigene meinen – und dann das dreckige, perverse, verkommene Zeugs, das die anderen machen.

► “Normal“ ist aber eine Kategorie, die es in Bezug auf Sexualität nicht gibt.

Es gibt so viele Arten von Sexualität wie Menschen. Jeder ist und liebt einzigartig.

Solange wir im Vorabendprogramm Mord und Demütigung sehen, ohne mit der Wimper zu zucken, aber die Krise kriegen, wenn sich zwei Männer küssen oder sich eine Frau selbst befriedigt, so lange stimmt hier was nicht.

Ich möchte dann immer sagen: Leute, macht euch locker, steht zu dem, was euch Lust bringt, und freut euch über jeden, der im Bett glücklich ist. Wenn wir alle befriedigter und freier wären, gäbe es weniger Hass auf der Welt.”

(ks / lp)