BLOG
17/05/2018 18:32 CEST | Aktualisiert 17/05/2018 19:09 CEST

Erdogans Syrien-Offensive: Was aus den Menschen in Afrin geworden ist

Die Not ist groß, und die Sicherheitslage schlecht.

SOPA Images via Getty Images
Flüchtlinge aus Afrin.

Rund zwei Monate sind vergangen, seit türkische Soldaten ihre Landesflagge im syrischen Afrin hissten.

Laut Angaben der Vereinten Nationen (UN) flüchteten rund 140.000 Menschen vor den wochenlangen Kämpfen zwischen einer Koalition aus syrischen Rebellen und der türkischen Armee auf der einen Seite und den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) auf der anderen.

Zehntausende harren nun in Zeltlagern und zerstörten Dörfern der sogenannten Sheba-Region aus. Hilfe erreicht sie nur spärlich — die Konvois des Kurdischen Roten Halbmondes müssen auf ihrer Fahrt in das Gebiet Territorium des syrischen Regimes durchqueren.

Siam Nebi ist vor Ort. Im HuffPost-Interview berichtet die Aktivistin von den menschenunwürdigen Zuständen in dem vergessenen Niemandsland.

HuffPost: Was kannst du über die Situation der Menschen sagen?

Nebi: Es mangelt an allem. Vor allem an Lebensmitteln und Milch für Säuglinge. Drei mal wöchentlich werden Gemüse und Fleisch in den Flüchtlingslagern verteilt, aber es reicht vorn und hinten nicht.

Es liegt alles in Trümmern, die Minen wurden nie geräumt.

Die Not ist groß, und die Sicherheitslage schlecht. Schon bevor all die Flüchtlinge aus Afrin kamen, waren die Dörfer in der Sheba-Region zerstört. Seit der Islamische Staat hier vor vier Jahren gegen die Rebellen gekämpft hat, liegt alles in Trümmern. Die Minen wurden nie geräumt. Bereits zwölf Flüchtlinge sind von Explosionen getötet wurden. 

Auf welchem Weg erreichen denn Hilfslieferungen die Flüchtlingslager?

Hilfsgüter und Spenden kommen aus den kurdischen Gebieten in Nordsyrien, dem Irak und aus Europa. Der Kurdische Rote Halbmond organisiert die Hilfskonvois, die dann von Kobanê in die Sheba-Region fahren.

NAZEER AL-KHATIB via Getty Images
Der zerstörte Norden der Stadt Afrin.

Dabei müssen sie durch Gebiete des syrischen Regimes. Alles wird vom Regime und russischen Militärpolizisten kontrolliert. Die ersten LKWs wurden eine Woche lang an der Grenze aufgehalten, weil angeblich Waffen zwischen den Hilfsgütern versteckt waren. Als die LKWs schließlich passieren durften, war das Brot in vier der LKWs nicht mehr genießbar.

Hilfe kommt außerdem von Kurden in Scheich Maksud. Das ist ein kurdisches Viertel in Aleppo. Mittlerweile kommt die Hälfte des Brotes von dort.

Beteiligt Russland sich an den Hilfslieferungen?

Ende März kamen Russen in gepanzerten Fahrzeugen zum Berxwedan Flüchtlingslager, dort leben rund 3000 Menschen. Sie wollten Hilfsgüter bringen. Aber die Menschen haben die Straßen blockiert und sie mit Steinen beworfen.

Sie sind wütend auf Russland, weil die russische Regierung Afrin der pro-türkischen Koalition überlassen hat. Die Wut auf Russland ist enorm.

Vor kurzem kam eine Delegation von deutschen Frauen, die für Hilfsorganisationen arbeiten. Anfangs dachten die Menschen, es seien Russinnen. Also gingen sie verbal auf sie los.

Anadolu Agency via Getty Images
Syrer warten in Afrin auf Versorgung.

Als eine Dolmetscherin erklärte, wer die Gäste waren, konfrontierten die Menschen die Delegation mit den deutschen Waffenlieferungen an die Türkei. Erst als klar wurde, dass es um Hilfslieferungen ging, entspannte sich die Situation.

Wer sorgt für Sicherheit in den Flüchtlingslagern und den angrenzenden Gebieten?

Die Menschen organisieren sich selbst. Einige Vertreter von Parteien der Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft (TEV-DEM) sind vor Ort. TEV-DEM ist der Name der Organisation, welche die übrigen Gebiete der sogenannten Selbstverwaltung unter Führung der Partei der Demokratischen Union (PYD) in Nordsyrien koordiniert.

Was nun bleibt ist eine von der Außenwelt abgeschnittene Pufferzone zwischen der türkischen Koalition und dem syrischen Regime.

Aber die YPG ist nicht mehr hier. Die Kämpferinnen und Kämpfer haben Afrin und die Sheba-Region in Richtung der östlichen Kantone der Selbstverwaltung verlassen. Das syrische Regime hat die Konvois der YPG passieren lassen, doch Zivilisten werden nun an den Checkpoints zurückgewiesen.

Die YPG musste die Region verlassen, sonst wären die Gebiete der Sheba-Region von der türkischen Koalition angegriffen worden. Was nun bleibt ist eine von der Außenwelt abgeschnittene Pufferzone zwischen der türkischen Koalition und dem syrischen Regime.

Türkische Medien haben gemeldet, dass viele Flüchtlinge bereits nach Afrin zurückgekehrt sind. Was kannst Du dazu sagen?

Einige Familien sind zurückgekehrt. Aber viele von ihnen wurden an den Checkpoints von türkischen Soldaten verhaftet.

Die Menschen hier sind in einem Niemandsland eingesperrt, für das sich niemand mehr interessiert.

Seitdem versuchen die Flüchtlinge ungesehen durch die Wälder zurück nach Afrin zu gelangen. Andere Familien haben versucht, die kurdischen Gebiete in Scheich Maksud zu erreichen.

Dabei sind neulich drei Familien getötet worden. Die Straßen konnten sie nicht nutzen, weil die syrischen Soldaten hohe Bestechungsgelder verlangen. Also versuchten sie es über Schleichwege. Eine Mine explodierte und tötete alle, nur ein 2-jähriges Kind überlebte.

Die Menschen hier sind in einem Niemandsland eingesperrt, für das sich niemand mehr interessiert, seit die Kämpfe um Afrin vorerst beendet sind. Doch die Menschen hier wollen nicht vergessen werden. Sie wünschen sich mehr Aufmerksamkeit von der internationalen Gemeinschaft und den UN-Institutionen.

(jg)