POLITIK
10/01/2019 19:09 CET | Aktualisiert 10/01/2019 19:27 CET

Erdogans Reaktion rätselhaft: Gefürchtete Terrorgruppe erobert Idlib

Die neue Schreckensherrschaft im Nordwesten Syriens – auf den Punkt gebracht.

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Abu Mohammad al-Jolani, der Anführer der Terrormiliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) in Syrien.

In ganz Idlib regiert der Terror.

Nach mehrtägigen Kämpfen hat die radikal-islamische Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) Syriens letztes großes Rebellengebiet vollständig unter Kontrolle gebracht.

Während der US-Präsident den Westen siegreich gegen die Dschihadisten im Bürgerkriegsland wähnt und die Türkei einen Angriff auf die Kurdenmiliz YPG im Nordosten Syriens plant, drohen der Provinz Idlib im Westen von Aleppo nun eine Schreckensherrschaft und weitere blutige Gefechte.

Der lange unbemerkte Siegeszug der Dschihadisten – auf den Punkt gebracht. 

Das müsst ihr über die HTS-Eroberung wissen:

Die von der Türkei unterstützte Nationale Befreiungsfront (NLF) hat am Donnerstag ein Abkommen unterschrieben, das HTS die Kontrolle über die Region Idlib abtritt.

Wie die Syrien-Expertin Elizabeth Tsurkov vom israelischen Thinktank Forum for Regional Thinking der HuffPost bestätigte, fallen wohl auch Teile der Provinz Hama weiter im Süden und die Gebiete im Westen und Süden von Aleppo an HTS.

In der vergangenen Woche waren blutige Kämpfe zwischen der NLF und der HTS-Miliz ausgebrochen. Ein NLF-Sprecher erklärte nun, Kämpfer des Rebellenbündnisses würden sich aus Idlib nach Norden zurückziehen.

“Das bedeutet, dass fast das ganze Gebiet unter der vollständigen militärischen und zivilen Kontrolle von HTS ist. Nur einige Städte wie Ariha und Maarat al-Numan stehen nur unter der zivilen Kontrolle von HTS. Dort dürfen die lokalen Fraktionen ihre Waffen behalten”, erklärt Tsurkov.

Die Freie Polizei in Idlib, eine von Oppositionellen gegründete Behörde in der Region, gab – offenbar unter dem Druck der neuen Herren über die Provinz – ihre Auflösung bekannt.

Das wissen wir über HTS:

Es ist eine Entwicklung, die den extremistischen Kräften in Syrien einen erheblichen Schub verpasst. 

HTS besteht zu einem großen Teil aus der Fraktion, die in Syrien einst als Al-Nusra-Front für Schrecken sorgte. Al-Nusra wiederum war aus der berüchtigten Terrorgruppe Al-Kaida hervorgegangen und hatte bis mindestens 2016 enge Verbindungen zu der von Osama bin Laden gegründeten Organisation.

Im Sommer 2016 benannte sich die Al-Nusra-Front in Dschabhat Fath asch-Scham um. Mit dem neuen Namen war auch eine Loslösung von Al-Kaida verbunden.

Experten streiten aber darüber, ob der Bruch der Gruppe mit Al-Kaida wirklich auf allen Ebenen stattgefunden hat, oder vor allem ein öffentlichkeitswirksamer Schritt war, um größere Teile der zivilen Gesellschaft ansprechen zu können.

Der renommierte Syrien- und Dschihadismus-Experte Sam Heller verweist so auf drei Quellen innerhalb von Al-Nusra, die den vorgegebenen Bruch in der internen Kommunikation der Gruppe als ein Täuschungsmanöver bezeichnet hätten.

Die militärische Führung von HTS, der neben Dschabhat Fath asch-Scham noch einige kleinere Milizen angehören, hat der weltweit gesuchte Terrorist Abu Mohammad al-Jolani inne. 

Fast zehn Millionen Euro zahlen die USA für Hinweise, die zum Aufspüren des Dschihadisten-Chefs führen. Umso bemerkenswerter ist, dass am Donnerstag Fotos kursieren, die Jolani am hellichten Tag in der Region Idlib zeigen sollen.

Sollten sich die Bilder als authentisch erweisen, zeigen sie, wie sicher sich die HTS-Führung schon jetzt in der Region fühlt.

Das bedeutet die neue Lage für die Bevölkerung:

Für die Zivilbevölkerung in der Provinz Idlib könnte die Präsenz der Terror-Miliz im Alltagsleben weitere Verschärfungen zufolge haben. 

Expertin Tsurkov sagte der HuffPost: “Es bedeutet, dass die Menschen von nun an einer sehr strengen Auffassung des islamischen Gesetzes unterworfen sind.” So würde HTS den Menschen etwa eine strikte Trennung von Frauen und Männern aufzwingen.

Streitfälle würden in Zukunft in von der Miliz betriebenen Gerichten entschieden werden, die Menschen würden zudem Steuern an die Gruppe zahlen müssen, so die Analystin. Sie glaubt, HTS werde versuchen, den Einfluss auch auf andere Gebiete auszuweiten, in denen die Terrorgruppe militärisch noch nicht präsent ist.

AAREF WATAD via Getty Images
Schon jetzt sind viele Menschen in Idlib auf der Flucht.

Syrien-Experte Charles Lister sieht noch ein anderes Problem.

Mit der HTS-Eroberung in Idlib steige die Gefahr einer groß angelegten Offensive des syrischen Regimes von Präsident Baschar al-Assad. Bereits im September warnte Lister: “Sollte das Regime eine brutale Militäraktion gegen Idlib starten, wären es die Zivilisten, die unermesslich leiden würden - und zwar in größerer Zahl als je zuvor.”

Seit vergangenem Jahr war Idlib eine entmilitarisierte Pufferzone, auf die sich die Türkei als Unterstützer der Rebellen sowie Russland als Verbündeter der syrischen Regierung bei Verhandlungen in Astana geeinigt hatten.

Sie trennte Anhänger und Gegner der Regierung und soll eine Offensive verhindern, mit der die Führung in Damaskus gedroht hatte. 

Mit HTS an der Macht scheint es höchst unwahrscheinlich, dass die Abmachung aus Astana weiter Bestand hat.

Helfer befürchten bei einem Angriff eine neue humanitäre Katastrophe, da in der Region Idlib nach Schätzungen rund drei Millionen Menschen leben, fast die Hälfte davon Vertriebene. 

Wieso Erdogans Handeln für Verwunderung sorgt:

Wie konnte es so weit kommen?

Die Antwort auf diese Frage ist wohl vor allem mit einem Namen verbunden: Recep Tayyip Erdogan. 

Denn Teil des Deals, der Idlib vor Angriffen der syrischen Regierung verschonen sollte, war, dass die türkische Regierung und ihre verbündeten Rebellengruppen der NLF für die Entwaffnung von HTS sorgen sollte. Diesem vereinbarten Ziel kam Ankara aber nie – oder wenn nur höchst zögerlich – nach.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu erklärte am Donnerstag, radikale Gruppen griffen in Idlib die moderate Opposition und Zivilisten an, um Stärke zu gewinnen. Die Türkei und ihre Verbündeten unternähmen die notwendigen Schritte, um das zu stoppen.

In der Realität aber stehen die Zeichen auf Rückzug. So sollen etwa 1700 Kämpfer der von Ankara unterstützten Miliz Ahra Ahrar al-Sham in Richtung Afrin geflohen sein, wo die Türkei seit rund einem Jahr die Kontrolle ausübt.

► Expertin Tsurkov bezeichnet das Verhalten der Türkei als “Rätsel”. “Die Türkei hat Millionen darein gesteckt, die Fraktionen zu bewaffnen und zu bezahlen, die man jetzt im Kampf mit ihren dschihadistischen Gegnern im Stich lässt.”

► Zudem hätten türkische Diplomaten hart gearbeitet, um den Astana-Deal zu sichern und einen Angriff von Russland und Assad auf Idlib zu verhindern. Nun aber könne das Regime einen solchen Angriff, dem drei Millionen Zivilisten ausgeliefert wären, viel leichter rechtfertigen.

Das lässt Spekulationen zu, ob die Türkei einen solchen Angriff willentlich in Kauf nimmt, womöglich gar eine Übereinkunft mit Russland darüber getroffen hat. Ende Dezember hatten sich die Präsidenten beider Länder getroffen, um über die Zukunft Syriens zu verhandeln.

In Erdogans Fokus scheint ein Angriff auf die Kurden-Miliz YPG in Manbij im Westen von Idlib zu stehen. Womöglich könnte Russland für einen solchen im Gegenzug für die türkische Aufgabe von Idlib grünes Licht geben.

Auf den Punkt:

In Idlib haben gefürchtete Dschihadisten das Ruder übernommen.

Für die Zivilbevölkerung bedeutet das eine Zunahme der religiösen Unterdrückung. Aber auch: Eine drohende Offensive des syrischen Regimes.

Schon jetzt warnen Helfer vor einer humanitären Katastrophe, die drei Millionen Menschen betreffen könnte.

Fraglich bleibt derweil, welche Strategie die Türkei in diesen Tagen verfolgt. Ein Angriff auf die Kurdenregionen in Manbij ist mit den HTS-Eroberungen aber wohl nur wahrscheinlicher geworden.

(jg)