POLITIK
14/12/2018 10:12 CET | Aktualisiert 14/12/2018 18:21 CET

Erdogans Entführungs-Maschinen: Flugrouten zeigen gefährlichen Geheimplan

Die Maschinen werden mutmaßlich genutzt, um politische Gegner zurück in die Türkei zu bringen.

  • Der türkische Geheimdienst MIT nutzt offenbar zwei Privatjets, um mutmaßliche Gülen-Anhänger im Ausland zu entführen und in die Türkei zu bringen.
  • Neben einigen bereits bekannten Fällen werfen Flüge nach London, Washington, Paris und Stockholm Fragen auf. 
  • Im Video oben ruft Erdogan seine Anhänger im Ausland zu einer “Osmanischen Ohrfeige” gegen seine politischen Gegner auf.

Wo sie auftauchen, verschwinden Menschen.

Der türkische Geheimdienst MIT soll Privatflugzeuge des kanadischen Herstellers Bombardier Aerospace nutzen, um Regierungsgegner und mutmaßliche Gülen-Anhänger aus dem Ausland zurück in die Türkei zu bringen.

Zuletzt berichtete ein internationales Rechercheteam des Kollektivs “Correctiv”, unter anderem unterstützt durch die ZDF-Redaktion “Frontal 21″, über das mögliche “Entführungs-Programm” des türkischen Geheimdienstes.

Besonders zwei Flugzeuge könnten Hinweise darauf geben, wie die türkische Regierung im Rahmen dieser Operation vorgeht.

Die Spur führt über den gesamten Kontinent – und auch nach Deutschland.

Getty / HuffPost

“Wir werden sie verfolgen und bestrafen“

Es ist eine Verfolgungsjagd mit Ansage.

Bereits im Oktober 2017 proklamierte Präsident Recep Tayyip Erdogan: “Wir werden diejenigen, die ins Ausland gehen, niemals in Ruhe lassen; wir werden sie verfolgen, bis sie bestraft werden, wie sie es verdienen. Diejenigen, die die Türkei und die türkische Nation verraten haben, werden für den Rest ihres Lebens weder in der Türkei noch im Ausland ihre Ruhe haben.“

Viele seiner Minister haben es ihm gleichgetan, immer wieder politischen Gegnern auch offen mit Folter oder gar dem Tod gedroht. Ankara macht also kein Geheimnis daraus, mutmaßliche Gülenisten im Ausland zu verfolgen.

Über konkrete Maßnahmen gegen mutmaßliche Regierungsgegner im Exil hüllt sich die Regierung jedoch in Schweigen – denn sie sind diplomatisch wie rechtlich äußerst brisant.

Kosovo und Mongolei: zwei brisante Beispiele 

Das zeigt sich etwa im Kosovo.

► Dort nehmen am 29. März 2018 Männer des türkischen Geheimdienstes MIT sechs Gülen-Anhänger fest, fünf davon Lehrer an einer örtlichen Gülen-Schule.

Obwohl die Staatsanwaltschaft des Landes einen Auslieferungsantrag ablehnt, werden die türkischen Staatsbürger entführt – offenbar in Absprache mit der kosovarischen Regierung.

Die Überwachungskamera einer Gärtnerei zeichnet auf, wie Polizisten einen der Lehrer mitten auf einer Straße aus einem Auto zerren.

Am Flughafen in der Hauptstadt Pristina landet an diesen Morgen ein kleiner Jet mit der Kennung TC-KLE. Er ist auf die Firma Birlesik insaat Turizm Ticaret ve Sanayi zugelassen. Sie hat ihren Sitz in Ankara – in einem Apartmentkomplex, der dem türkischen Geheimdienst gehört und wo viele von dessen Mitarbeitern leben. 

Angehörige der Opfer sagen: Ihre Männer wurden in dem Flugzeug entführt. Über die Eintragungen von Flug-Tracking-Webseiten lässt sich nachverfolgen, dass das Flugzeug auf einem Militärflugplatz in Ankara landete.

► Am 27. Juli setzt in Ulan Bator in der Mongolei ein ähnliches Flugzeug auf. Die Kennung: TT4010. Registriert bei derselben Firma in Ankara. 

Auch mit dieser Machine soll ein Gülen-Lehrer in die Türkei gebracht werden. Er wird vor seinem Wohnsitz von mehreren Personen entführt und anschließend am Flughafen festgesetzt.

Aber: Das Vorhaben scheitert. Die Angehörigen des Opfers erzeugen einen Aufschrei in den sozialen Medien. Die Regierung lässt den Jet auf dem Flughafen festsetzen. Nach Stunden kommt das Opfer frei.

Die Geschichte schlägt hohe Wellen.

Eine Landung in Berlin und ein brisanter Verdacht

Was die Vorfälle so brisant macht: Es handelte sich nicht um eine zwischenstaatlich verhandelte Auslieferung auf Grundlage eines Strafbefehls.

Der türkische Geheimdienst nimmt im Ausland offenbar das Recht in die eigene Hand und lässt mutmaßliche Regierungsgegner verschwinden.

Das Ausmaß dieses Programms ist unbekannt, die türkische Regierung hat jedoch vielsagend verlautbaren lassen, schon mehr als 100 Anhänger der Gülen-Bewegung zurückgebracht zu haben.

► Auffällig: Vor allem der Jet TC-KLE ist ständig in Bewegung – das zeigen die Protokolle verschiedener Flug-Tracking-Webseiten. 

Dass es dabei immer um Entführungen geht, ist unwahrscheinlich. Eher scheint die Maschine eine Art Allzweckwaffe des Geheimdienstes MIT zu sein. So landete der Jet am 27. September 2018 auch am Berliner Flughafen Tegel. Gestartet war er in Ankara.

An diesem Tag landete auch Erdogan in Berlin, wo er von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier empfangen wurde. Auch Teil von Erdogans Entourage: MIT-Chef Hakan Fidan. Ist er der Grund, dass auch Privatjet TC-KLE in Tegel landete?

Es hält sich eine andere, eine heiklere Theorie: Denn Medienberichten zufolge hatte Erdogan von der Bundesregierung die Auslieferung des Journalisten Can Dündar verlangt. Eine Woche später wurde bekannt: Noch 135 weitere Türken sollen auf einer Liste stehen, die der Präsident in Berlin übergab.

Sollte Dündar, sollten andere Kritiker, unauffällig ausgeflogen werden?

Was macht der MIT in Paris?

Berlin ist derweil nicht die einzige Hauptstadt, in der die Maschine TC-KLE gesichtet wurde. Die HuffPost hat dutzende Flugprotokolle analysiert.

► Sie zeigen: Auch in Paris, London und Stockholm landete der MIT-Jet in diesem Jahr. Am 14. Januar, rund 10 Tage nach Erdogans Besuch beim französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wird der Jet in Paris getracked

Bei seiner gemeinsamen Pressekonferenz mit Macron hatte Erdogan einen Reporter angefahren, er rede wie ein Gülenist. Journalisten seien “Gärtner des Terrors”. Gab es auch in Frankreich Entführungspläne?

flight-data.adsbexchange.com

Der Geheimdienst MIT ist auch in Deutschland berüchtigt – spätestens seit dem Dreifachmord an drei kurdischen Aktivistinnen im Januar 2013. Dringend tatverdächtig: MIT-Agent Ömer Güney, der vor Abschluss der Ermittlungen im Gefängnis verstirbt.

Immer wieder hält er Kontakt zu weiteren Spionen – einen Kontaktmann hat er auch in Deutschland. Ihm soll er sogar einen Fluchtplan aus dem Gefängnis übermitteln. Bis jetzt ist der Fall nicht abschließend geklärt.

Reisen nach London und Stockholm

► Am 15. März führt die Spur des verdächtigen Fliegers nach London. Erdogan ist auch hier zu Besuch, er trifft neben der Premierministerin Theresa May auch die Queen. Wohl auch beim Großbritannienbesuch steht der Wunsch Erdogans nach der Auslieferung türkischer Staatsbürger auf der Agenda.

Screenshot

Der türkische Präsident verlangt von der britischen Regierung schon länger die Auslieferung mutmaßlicher Gülen-Anhänger, etwa des bekannten Geschäftsmannes Akın İpek.

Im November entscheidet ein Gericht: Die Auslieferungsanträge seien politisch motiviert, ihnen dürfe nicht nachgekommen werden.

Dass damit das letzte Wort gesprochen ist, scheint unwahrscheinlich.

► Besonders rätselhaft mutet die Reise der TC-KLE-Maschine am 10. April nach Stockholm an. Denn hier geht sie nicht mit einem Staatsbesuch einher.

Abdullah Bozkurt, Journalist, der im Exil in Stockholm lebt und zu den aktivsten Kritikern Erdogans gehört, sagte der HuffPost: “Ich weiß, dass ein Team von MIT-Agenten nach Schweden geschickt wurde, um verschiedene Städte auszuspionieren, aber das war vor dem 10. April.”

Schon im Frühjahr hatte Bozkurt in der HuffPost gewarnt: “Innerhalb des türkischen Auslandsnachrichtendienstes MIT wurde sogar eine Sondereinheit eingerichtet, die mit der Koordinierung von Auftragsmorden und Entführungen betraut wurde.”

Die türkische Menschenrechtsorganisation IHD schildert, der Regierung gehe es oft darum, Studenten, Journalisten und Aktivitäten zu Informanten zu machen. Wer nicht freiwillig gegen sein Umfeld aussage, dem drohe entweder eine Entführung oder die Anklage wegen “Verbindungen zu einer terroristischen Organisation”. 

Bei möglichen Entführungen sei in der Vergangenheit meist ein schwarzer Volkswagen Transporter mit getönten Scheiben genutzt worden.

Das Flugzeug landet in Washington 

Und im Ausland – darauf deutet alles hin: ein Privatjet des MIT. 

► Eine der bislang letzten Reisen der TC-KLE-Maschine führte so Anfang Dezember nach Washington DC. 

Rund eine Woche später, am Mittwoch, wurde bekannt, dass drei Diplomaten aus dem Botschaftsdienst entlassen wurden – ihnen wird eine Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung vorgeworfen. 

Mindestens zwei von ihnen seien nach Ankara “beordert” worden

(ben)