POLITIK
26/07/2018 11:16 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 13:45 CEST

Erdogan-Vertrauter: Mit diesem Plan will die Türkei zur Weltmacht werden

Auf den Punkt.

Oben im Video: Claudia Roth spricht Klartext zur Türkei-Politik von Erdogan.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin treffen wieder einmal aufeinander. Nicht etwa in Ankara oder Moskau, sondern in Südafrika.

Dort findet an diesem Donnerstag eine Konferenz der sogenannten BRICS-Staaten statt. Zu dieser Vereinigung aufstrebender Wirtschaftsmächte zählen Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika.

Die Türkei nicht. Was also macht Erdogan in Johannesburg?

Wer das verstehen will, sollte lesen, was der Erdogan-Vertraute Ibrahim Karagül in seiner Kolumne in der regierungsnahen Tageszeitung “Yeni Safak” schreibt. 

Karagül hat die Zeitung als Chefredakteur zu einem der wichtigen Propaganda-Instrumente der Regierung verwandelt.

Murad Sezer / Reuters
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat großmächtige Pläne. 

► Er skizziert einen ambitionierten – und fragwürdigen – geopolitischen Plan der Türkei. Wir haben ihn auf den Punkt gebracht. 

Karagül: Das hat die türkische Regierung vor

Der konservative Kolumnist geht von einer massiven Umverteilung der Machtverhältnisse auf der Welt aus. Die BRICS-Staaten würden bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle spielen.

“Wir müssen akzeptieren, dass sich die Kräfteverhältnisse Richtung Osten verschieben”, schreibt der Chefredakteur der “Yeni Safak”. Der Großteil der Ressourcen sei hier, der Technologierückstand zum Westen habe sich beinahe egalisiert, westliche Investitionen würden zunehmend in den Osten fließen. 

Anadolu Agency via Getty Images
Karagül (in der Mitte mit langen Haaren) bei einer Gedenkveranstaltung. 

“Die Zeit, in der wir uns dem Osten gegenüber aus Loyalität zum atlantischen Zentrum verschließen, ist beendet”, schreibt der enge Vertraute Erdogans, der den Präsidenten häufig auf Auslandsreisen begleitet.

► “Die USA und Europa haben ihre globale Hegemonie verspielt. Sie haben ihre Macht in Wirtschaft, Politik und Militär verloren.”

Karagül ruft deshalb zu einer Neuorientierung weg von den westlichen Bündnissen auf. “Die Türkei könnte ein Land sein, das den fünf Ländern beitritt und die Welt verändert”, hofft der Autor. Er schlägt vor, die BRICS-Vereinigung um ein “T”, also um die Türkei, zu erweitern.

► Sein Fazit: “Das wird die Weltkarte auf den Kopf stellen – und die Türkei muss in diesem Aufstieg des Ostens ohne Zögern ihren Platz einnehmen.”

Das steckt dahinter:

Die Annäherung der Türkei an China und Russland könnte mit der Teilnahme am Treffen der BRICS-Staaten weiter voranschreiten.

Bereits vor rund einem Jahr versprach der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu bei einem China-Besuch, chinakritische Beiträge in türkischen Medien zukünftig zu verhindern.

► Es war ein klares Zeichen der autoritären Erdogan-Regierung an Peking, die 2010 beschlossene “strategische Partnerschaft” zu vertiefen. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern erreichte 2017 einen Wert von über 25 Milliarden Dollar.

Auf Seiten der Türkei steht jedoch ein massives Handelsdefizit zu Buche.

Aber: China investiert in türkische Pipeline-Projekte wie TANAP, zudem helfen hunderttausende Touristen aus dem Land der türkischen Wirtschaft.

Auch an Russland hat sich Ankara zuletzt angenähert – und dadurch vor allem Kritik der Nato-Staaten auf sich gezogen. Die türkische Regierung entschied so zuletzt, russische Raketenabwehrkomplexe des Modells S-400 zu kaufen.

► Ein Affront für die Nato und ein weiterer Beweis für die Ost-Annäherung Ankaras. Auch Erdogan-Berater Cemil Ertem hat in einem Beitrag in der “Milliyet” eine Aufnahme der Türkei in eine erweiterte BRICS-Vereinigung thematisiert. 

Ein weiterer Grund für den Südafrika-Besuch: Die Türkei versucht, ihren Einfluss auf dem Kontinent aufzubauen. Erdogan plant, in jedem afrikanischen Land diplomatische Vertretungen zu eröffnen und hat bereits viele neue Abkommen und Partnerschaften mit afrikanischen Regierungen geschlossen.

Auf den Punkt:

Nach der deutlichen Abkehr vom Westen setzt die Türkei dazu an, neue Bündnisse einzugehen. Offenbar eine Option: Eine tiefere Verbindung zu den BRICS-Staaten.

Besonders China und Russland werden zu wichtigen außenpolitischen Partnern Ankaras. Ob das der Türkei letztlich hilft, ihre Stellung in der Welt auszubauen, bleibt zweifelhaft.

Ebenso was die neue Ost-Orientierung für den Verbleib in der Nato bedeuten würde. 

(jg)