POLITIK
12/10/2018 14:41 CEST | Aktualisiert 12/10/2018 15:46 CEST

Erdogan und Saudi-Arabien: Neue Videos erhärten schlimmen Verdacht

Gab es ein “15-Mann-Killer-Kommando”?

The Telegraph
Männer aus Saudi-Arabien kommen am Flughafen in Istanbul an: Sie werden verdächtigt.

Dschamal Khashoggi wird seit 10 Tagen vermisst. Und immer wahrscheinlicher scheint, dass der saudische Journalist nicht mehr lebendig gefunden wird. 

Am 2. Oktober hatte Khashoggi gegen 13.15 Uhr das saudische Konsulat im Istanbuler Stadtteil Maslak betreten. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen Khashoggi vor dem Nordeingang.

Verlassen, darauf deuten alle bisherigen Informationen hin, hat er das Gebäude nicht mehr freiwillig. Laut “Washington Post” gibt es sogar ein Video, das belegt, dass Khashoggi im Konsulat ermordet wurde.

Saudi-Regime wollte Khashoggi zurück locken:

Die Zeitung behauptet weiter: US-Nachrichtendienste sollen schon in der Vergangenheit einen Plan des jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman aufgedeckt haben, Khashoggi festzunehmen und zurück nach Saudi-Arabien zu bringen.

Seit vergangenem Jahr lebt Khashoggi im Exil im US-Bundesstaat Virginia.

Er hatte sich mehrfach kritisch über bin Salman geäußert – zuletzt im September über die Verwicklung seines Heimatlandes in den blutigen Jemen-Krieg.

Berichten zufolge soll der Druck auf den Autor, der unter anderem für die “Washington Post” schrieb, in den vergangenen Jahren so groß geworden sein, dass er den Kontakt zu vielen Bekannten in der Heimat abbrach und das Land verließ.

Mehrfach sollen Vertraute der saudischen Königsfamilie Khashoggi danach Jobangebote unterbreitet haben, um ihn zurück zu locken. Dann hätte dem Journalisten wohl die Festnahme gedroht.

Khashoggi ließ sich nicht auf die Angebote ein. Nun spekulieren viele: Daraufhin könnte das Saudi-Regime ein Killer-Kommando nach Istanbul geschickt haben.

Das mutmaßliche Killer-Kommando:

Flugdaten hatten gezeigt, dass am Tag des Verschwindens zwei private Jets von Saudi-Arabien nach Istanbul flogen – und das Land am selben Tag wieder verließen. Die erste Maschine landete gegen 15 Uhr in Istanbul.

Türkische Medien hatten später Videoaufnahmen veröffentlicht, wie Männer am Flughafen in Istanbul ankommen und in einem Hotel in der Nähe des Konsulats einchecken. Von einem “15-Mann-Killer-Kommando” war später in verschiedenen Medien-Berichten die Rede.

Einer der Männer in den Videos soll Salah Muhammad al-Tubaigy sein, ein renommierter Forensiker in Diensten der Saudi-Regierung.

Auch Meshal Saad al-Bostani, ein hochrangiger Militär, könnte der Delegation angehört haben, berichtet die “New York Times”.

Außerdem zeigt die Aufnahme eine Kamera vor dem Konsulat, wie sechs schwarze Wagen rund zwei Stunden nach der Ankunft des Journalisten vor dem Gebäude abfahren und offenbar zum Haus des Generalkonsuls in derselben Nachbarschaft fahren. Auch dort hat eine Kamera Aufnahmen gemacht.

Der zweite verdächtige Flug landete um 17:15 Uhr. Nur rund eine Stunde später fliegt er wieder ab – Richtung Dubai. 

Ein mutmaßliches Mord-Video:

Laut “Washington Post“ gibt es Ton- und Videoaufnahmen, die zeigen sollen, dass Khashoggi noch im Konsulat ermordet wurde. Das US-Blatt beruft sich dabei auf türkische und amerikanische Regierungsbeamte.

Die Leichenteile seien mutmaßlich mit Koffern aus dem Konsulat geschafft worden, hieß es. Waren es die Männer des mutmaßlicher Killer-Kommandos?

Laut US-Medien scheut sich die türkische Regierung, die Aufnahmen zu veröffentlichen. Denn das würde belegen, dass Ankara Einrichtungen fremder Staaten ausspioniert.

Druck auf Mohammed bin Salman:

Am Freitag ist eine offizielle Delegation aus Saudi-Arabien in der Türkei eingetroffen.

Sie habe mit den Ermittlungen in dem Fall zu tun, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Freitag. Über das Wochenende soll die Gruppe in Ankara türkische Behördenvertreter treffen.

Präsident Recep Tayyip Erdogan fordert von Riad weiter Beweise, dass Khashoggi die Botschaft lebend verlassen hat. Dass diese existieren, scheint derweil immer unwahrscheinlicher. 

CNN Türk berichtete, auf der Agenda stünden Gespräche darüber, wann und wie türkische Ermittler das saudische Konsulat inspizieren könnten.

Die Presse in Saudi-Arabien spricht derweil von einer Verleumdungskampagne gegen das Königreich. Am Werk sieht sie dabei vor allem türkische und katarische Medien.

Anadolu Agency via Getty Images

Wie die HuffPost erfuhr, wächst derweil auch in Riad der Frust über das Vorgehen der eigenen Regierung.

“Es ist unglaublich frustrierend”, sagte ein Mitarbeiter einer regierungsnahen Organisation. “Wir arbeiten seit Monaten daran, das Image des Landes aufzubessern und die Regierung hat die Arroganz und Dummheit so etwas zu tun.”

Auch die Bundesregierung mischt sich ein:

Die Bundesregierung hat Saudi-Arabien aufgefordert, sich an der Aufklärung im Fall Khashoggi zu beteiligen. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Freitag in Berlin: “Wir erwarten, dass schnell und glaubwürdig Aufklärung geschaffen wird.”

Ein Sprecher des Außenministeriums erklärte, Außenminister Heiko Maas (SPD) habe dies Anfang der Woche auch vom saudischen Botschafter in Berlin erbeten. Seibert sagte, man nehme den im Raum stehenden Verdacht sehr ernst. 

Mit Material der dpa.

(ben)