POLITIK
09/10/2018 15:33 CEST | Aktualisiert 10/10/2018 12:21 CEST

Erdogan: Eine Überwachungskamera und ein böser Verdacht

Ein saudischer Journalist verschwindet in der Türkei spurlos - jetzt droht eine diplomatische Krise. Eine Rekonstruktion.

Im Video oben: Die Türkei fordert von Saudi-Arabien Beweise für den Verbleib des Journalist Dschamal Khashoggi

Der saudische Journalist Dschamal Khashoggi trägt ein dunkles Sakko, eine graue Hose, schwarze Schuhe und macht große Schritte. Womöglich ist er in wenigen Stunden tot. 

Die Aufnahme stammt von Dienstag dem 2. Oktober, 13:14 Uhr: Khashoggi betritt das Konsulat seines Heimatlandes im Istanbuler Stadtteil Maslak. Hier stehen die höchsten Wolkenkratzer der Stadt.

Das Konsulat ist dagegen ein unscheinbares Gebäude, ein etwas größeres Wohnhaus, umringt von Mauern und Stacheldraht. Eine Überwachungskamera nimmt auf, wie Khashoggi das Gebäude durch den Nordeingang betritt.

► Am Tag danach gilt Khashoggi als vermisst.

Die türkische Regierung bezweifelt, dass er das Konsulat je verlassen hat. Zu Beginn der Affäre spekulieren Regierungsbeamte, dass der Journalist festgehalten wird.

Doch schon bald steht ein anderer Vorwurf im Raum. Wurde der Autor, der unter anderem regelmäßig für die “Washington Post” schrieb, ermordet? Es bahnt sich eine massive internationale Krise an. 

Die Vorahnung des Journalisten

Bis tief in der Nacht wartet Khashoggis Verlobte darauf, dass ihr Partner das Gebäude wieder verlässt. Er soll wichtige Scheidungspapiere seiner letzten Ehe abholen. Die braucht er für die erneute Hochzeit.

Doch Khashoggi kommt nicht zu ihr nach Hause.  

Informiere die Polizei, falls ich nicht wiederkomme! Dschamal Khashoggis zu seiner Frau

Ahnte er schon Schlimmes? Der Nachrichtenagentur Reuters berichtet seine Verlobte, dass der 58-Jährige ihr vor dem Behördentermin sein Handy gegeben habe. “Informiere die Polizei, falls ich nicht wiederkomme”, soll er gesagt haben.

Aber welches Interesse hätte die saudische Regierung, den Journalisten verschwinden zu lassen?

Khashoggi, freundliches Gesicht, runde Brille, gilt zwar als Kritiker des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman – aber zumindest über weite Strecken seiner Karriere keinesfalls als Staatsfeind. Der Journalist war zwischenzeitlich sogar Medienberater für einige Mitglieder der Königsfamilie.

Erst im vergangenen Jahr begab er sich ins US-Exil – offenbar auf gewaltigen Druck der Saudi-Führung. 

Ist sein Verschwinden Symptom der immer aggressiveren Politik des 33 Jahre alten saudischen Prinzen bin Salman? 

Erdogans schwierige Beziehung zu Riad

In jedem Fall ist es ein Politikum.

Die türkischen Behörden beantragten am Montag eine Erlaubnis, um das Konsulat zu durchsuchen, wie der Sender CNN Türk unter Berufung auf diplomatische Quellen berichtete: ein ungewöhnlicher Vorgang. 

Er zeigt, dass eine diplomatische Krise zwischen Ankara und Riad immer unausweichlicher wird. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sucht die Konfrontation. Spätestens seit dem Streit um die saudische Abschottung des türkischen Verbündeten Katar im vergangenen Jahr ist die Beziehung zwischen der Türkei und Saudi Arabien vergiftet.

Es geht längst nicht mehr nur um die Katar-Krise. Es geht auch um die Vormacht im sunnitischen Block der arabischen Welt, um Fragen des Umgangs mit Israel.

Doch bislang ließ Erdogan Vorsicht walten. Zu wichtig war Riad: Als Partner der türkische Regierung, etwa in Syrien, wo die Saudis dieselben sunnitischen Gruppen unterstützen, als Millionen-Investor in die türkische Bauwirtschaft.

Der mysteriöse schwarze Van

Eine Eskalation deutet sich – wie so oft – zunächst in den türkischen Staatsmedien an. Dort schreibt der Erdogan-Berater Yasin Aktay, das Verschwinden des Journalisten sei auch eine “Operation gegen die Türkei”

In diesen Tagen kann ein solcher Satz durchaus als bemerkenswert gelten: Denn Erdogan und seine Vertrauten gelten nicht als glühende Verfechter der Presserechte. 

Doch dass Saudi-Arabien auf dem türkischen Staatsgebiet womöglich politisch operiert, wird als Affront wahrgenommen. Schlimmer noch: als Demütigung. Verliert Erdogan die Kontrolle über die Sicherheit der Menschen in seinem Land? 

Nachdem Khashoggi die Botschaft betritt, verlassen laut saudischen Medien “sechs mysteriöse Fahrzeuge” das Gelände. Auch diese werden von den Überwachungskameras auf dem Anwesen gefilmt. Eines der Fahrzeuge ist ein “schwarzer Van”, den die türkischen Ermittler besonders in den Fokus nehmen.

Der schwarze Van wird zum Sinnbild der möglichen Verschwörung

Wo fuhr er hin und wurde darin möglicherweise der Journalist – tot oder lebendig – abtransportiert?

Zwei Flüge, die einen Verdacht wecken

Auch andere Bewegungen rund um das Gebäude muten verdächtig an.

Wie die türkische Zeitung “Sabah” berichtet, flogen am Dienstag des Verschwindens zwei Privatjets von Saudi-Arabien nach Istanbul.

Die Passagiere des ersten Fluges checkten in einem Hotel in der Nähe des Konsulates ein, sie mieteten sich ein Zimmer bis Freitag. Die Personen landeten demnach um 15 Uhr, rund zwei Stunden, nachdem der Journalist das Konsulat betrat. 

Sie sollen ebenfalls das Gebäude besucht haben und flogen – trotz Hotelreservierung – noch am selben Tag in Richtung Dubai außer Landes. 

Der zweite Jet landete um 17 Uhr in der Türkei.

Die Passagiere flogen bereits um 18 Uhr in Richtung Ägypten weiter – zurück gen Süden.

Alle betreffenden Flüge wurden auch auf gängigen Flight-Track-Seiten registriert. Es ist ein Puzzle, dessen Teile sich nur Stück für Stück zusammenfügen lassen.

Die Reaktion der USA

Der Fall schlägt derweil auch in den USA hohe Wellen.

Die “Washington Post” hat als Symbol der Besorgnis und Empörung über das Verschwinden des Journalisten eine leere Kolumne veröffentlicht. “Hier sollte eine Kolumne von Dschamal Khashoggi stehen”, schreibt die “WashPost” symbolträchtig.

Dazu eine Zusammenfassung der letzten Artikel des Gastautoren: Noch am 11. September kritisierte Khashoggi den Prinzen bin Salman. Er müsse “die Würde des Landes wiederherstellen” und den “grausamen Jemen-Krieg” beenden, schrieb der Journalist darin.

Bin Salman muss die Ehre Saudi-Arabiens wiederherstellen und den grausamen Jemen-Krieg beenden. Dschamal Khashoggi in der "WashPost"

In der Affäre gerät auch die US-Regierung von Donald Trump unter Druck. Sie bemüht sich seit Amtsantritt Trumps um einen guten Draht nach Riad. Saudi-Arabien ist in den Plänen der Trump-Vertrauten der Schlüssel zur US-Nahost-Politik.

Doch Khashoggi lebte in den USA. Auch für die Amerikaner ist sein Verschwinden somit ein ernsthaftes Problem.

Trump zeigte sich im Gespräch mit Reportern “beunruhigt”. “Ich mag es nicht, davon zu hören”, sagte Trump über die Nachrichten aus Istanbul. “Ich hoffe, dass es sich von selbst löst.”

Das wird derweil von Stunde zu Stunde unwahrscheinlicher. 

Das Bild einer Kerze vor schwarzem Grund, wie sie in Todesfällen häufig Anteilnahme signalisieren sollen, prangt schon jetzt über dem Twitter-Profil des verschwundenen Journalisten.

Seit sieben Tagen ist er nicht aus dem Konsulat zurückgekehrt. 

Twitter

Der Thriller geht weiter

Update: Am Mittwoch veröffentlichten die türkischen Behörden weiteres Videomaterial. Darauf ist unter anderem zu sehen, wie Khashoggi die Botschaft betritt, aber auch, wie eine Delegation aus Saudi-Arabien am Flughafen eintrifft und später am Tag wieder abfliegt.

Zudem haben Kameras aufgenommen, wie der schwarze Van seine Parkposition vor dem Konsulat verlässt und rund zwei Stunden nach dem Eintreten des Journalisten zum Haus des saudischen Generalkonsuls in Istanbul fährt.

(ben)