POLITIK
02/12/2018 19:03 CET | Aktualisiert 03/12/2018 09:28 CET

Erdogans neue Allianz: Wieso ihr euch das Wort "VIRTU" merken solltet

Auf den Punkt.

Im Video oben: Erdogan und Putin treffen sich auf dem G20-Gipfel in Buenos Aires.

Beim G20-Gipfel in Buenos Aires schüttelt Recep Tayyip Erdogan Hände, so als wäre nichts gewesen. 

Da begrüßt er etwa den niederländischen Premierministerin Mark Rutte mit den Worten “Schön, Sie zu sehen, eine Ehre”. Ganz als hätte er die Niederländer nicht noch vor einem Jahr als “Nazis” und “Kannibalen” bezeichnet.

Da umgarnt er Xi Jinping und trifft US-Präsident Donald Trump.

Es ist ein wahres Diplomatie-Feuerwerk, das der türkische Präsident abfeuert. Eines, das kaum erahnen lässt, dass sich die Türkei unter Erdogan von vielen ihrer ehemaligen Partner – besonders im Westen – abgewandt hat.

Der türkische Autokrat schmiedet neue Allianzen, vor allem im Osten, vor allem mit autoritären Staatschefs. Der ehemalige türkische Abgeordnete und Politik-Experte Aykan Erdemir spricht schon von den “VIRTU”-Staaten – einer “Achse der Wut”. 

Venezuela, Iran, Russland und die Türkei

“VIRTU” steht bei Erdemir für Venezuela, Iran, Russland und die Türkei. Es sei ein Bündnis, das auf einer ähnlichen Weltsicht beruhe, schreibt Erdemir in einem Beitrag im Magazin “The American Interest”.

So würden auch Wladimir Putin, Irans Oberhaupt Ali Khamenei und Venezuelas Präsident Nicolas Maduro sich wie Erdogan als “Außenseiter auf der Weltbühne” begreifen, die sich gegen den amerikanischen Imperialismus auflehnten.

Die “VIRTU”-Anführer würden eine neue, multipolare Welt propagieren, die aus regionalen Mächten besteht, die über ihre jeweiligen Einflussbereiche herrschen.

Erdogan sucht die Macht über den sunnitischen Block im Nahen Osten, während sich der Iran als schiitische Vormacht präsentiert. Russland hat erst kürzlich durch die Provokation der Ukraine ihren Machtanspruch im Osten signalisiert.

Erdogans Geschäfte mit Venezuela und Russland

Erdemir schreibt, dass das (bislang hypothetische) Bündnis schon jetzt wirtschaftliche Ambitionen verfolge.

So gebe es bereits einen regen Gold-Handel zwischen Venezuela und der Türkei, besonders aufgrund der US-Sanktionen gegen sein Land sehe der Präsident des südamerikanischen Staates die Türkei als sicheren Hafen an.

Maduro geht gar so weit, Erdogan zum “neuen Anführer der multipolaren Welt” zu erklären.

An Russland nähert sich die Regierung in Ankara schon länger an – vor allem militärisch. Die Türkei wird im Oktober 2019 mit der Installation russischer S-400-Flugabwehrraketensysteme beginnen. Die Nato warnt inständig vor der umstrittenen Anschaffung.

Denn nicht nur symbolisch ist der Kauf eine Weichenstellung gen Osten – auch rein pragmatisch könnten die S400-Systeme einen Keil zwischen die Türkei und andere Nato-Staaten treiben. 

Nicht nur wären die Systeme nicht mit anderen Nato-Technologien kompatibel, auch könnten sie die Tür für russische Spionage öffnen. Vereinfacht gesagt fürchten Militärs, so berichtet der “Spiegel”, dass mit dem S-400-System eine Art Auge Moskaus auf Nato-Gebiet installiert wird. 

Die Daten, die bei der gemeinsamen Inbetriebnahme an Moskau fließen könnten, gelten als hoher Risikofaktor.

Erdogans Suche nach neuen Bündnissen

Neben der türkischen Hoffnung, trotz kultureller Entfremdung vom Westen Teil eines starken militärischen Gebildes zu bleiben, erhofft sich auch Russland durch die Partnerschaft mit Ankara Vorteile.

Moskau versuche, eine prorussische Lobby in der Türkei aufzubauen, so Experte Erdemir, um hier nicht nur in Form der Rüstungsindustrie wirtschaftlich weiter Fuß zu fassen. Schon jetzt gehört die Türkei zu den wichtigsten Exportländern für russische Güter.

Auch auf einem anderen – bislang kaum beachteten Feld – kooperiert die Türkei bereits im Sinne des “VIRTU”-Bündnisses. Venezuela, der Iran und Ankara arbeiten alle an einer eigenen Kryptowährung – ein Versuch, die eigene wirtschaftliche Souveränität zu erhöhen und die Abhängigkeit vom US-Dollar zu senken.

Es wäre nicht der erste Versuch Erdogans, sich in ein neues loses Bündnissystem einzupassen.

Im Juli nahm der türkische Präsident an der Konferenz der sogenannten BRICS-Staaten teil: Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika.

Erdogan erklärte gar, BRICS solle in Zukunft um ein “T” (für die Türkei) ergänzt werden. Sein Berater Ibrahim Karagül schrieb in einem Gastbeitrag: “Das wird die Weltkarte auf den Kopf stellen – und die Türkei muss in diesem Aufstieg des Ostens ohne Zögern ihren Platz einnehmen.”

Beim G20-Gipfel zeigt sich, warum Erdogan das “VIRTU”-Bündnis sucht

“Der Aufstieg des Ostens” ist aber wohl kaum der wahre Grund für die türkischen Ambitionen.

Denn trotz Erdogans Charme-Offensive beim G20-Gipfel zeigte sich in Argentinien auch: Die Türkei steht noch immer weitestgehend alleine da – und das obwohl Erdogan alles getan hatte, die skandalträchtige Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi durch ein saudisches Killerkommando machtpolitisch auszunutzen.

Obwohl auch Putin durch einen freundlichen Handschlag mit Saudi-Kronprinz Mohammed bin Salman auffiel, war es wohl vor allem Donald Trumps Gleichgültigkeit, die Erdogan einen Strich durch die Rechnung machte.

Der hatte gehofft, durch die Aufklärungsarbeit im Fall Khashoggi einen Keil zwischen die USA und Riad treiben zu können – und womöglich gar das eigene Verhältnis zu den USA wieder gerade zu rücken.

Nun – so sieht es aus – braucht er einen Rückfallplan. Und so könnte “VIRTU” von einer abstrakten Idee zur politischen Realität werden.

(jg)