WIRTSCHAFT
13/08/2018 22:19 CEST | Aktualisiert 14/08/2018 07:50 CEST

Lira-Krise: Erdogan pöbelt gegen die USA – und in der EU wächst die Angst

Auf den Punkt.

Im Video oben seht ihr, wie die neuen US-Strafzölle die Währungskrise in der Türkei anheizen und wozu Erdogan die türkische Bevölkerung auffordert.

Der Streit zwischen den Vereinigten Staaten und der Türkei eskaliert. Selbst Tage nachdem US-Präsident Donald Trump angekündigt hatte, die Zölle für türkischen Stahl und Aluminium zu verdoppeln, tobt Recep Tayyip Erdogan noch immer.

Sieben Reden hat er zwischen Freitagmorgen und Montagnachmittag gehalten und in jeder wurde der Ton gegen die USA schärfer. Der türkische Präsident beschimpfte den Nato-Partner als “Kraftmeier des globalen Systems”, der “die Verteidigungsmechanismen unser Wirtschaft niederreißen” wolle. Die Türkei sei zu einem Krieg bereit, deutete Erdogan an.

Schuld am Lira-Zerfall? Sind natürlich die anderen. “Was sie mit Provokationen, mit Putschversuchen nicht erreichen konnten, versuchen sie jetzt mithilfe von Geld zu schaffen. Im Klartext nennt man das Wirtschaftskrieg“, erklärte Erdogan. 

Doch wie will Erdogan sein Land aus der Krise ziehen? Wie reagiert Europa? Und wem nützt der Lira-Verfall? Die wichtigsten Antworten auf den Punkt gebracht.

Anadolu Agency via Getty Images
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Rede am Montag.

Warum die USA und die Türkei im Clinch liegen:

Die beiden Länder streiten sich um zwei Geistliche: Die Türkei will, dass die USA den dort lebenden türkischen Prediger Fethullah Gülen ausliefern. Die Regierung wirft Gülen vor, hinter dem Putschversuch von 2016 zu stecken.

Die USA fordert wiederum die Freilassung des US-Pastors Andrew Brunson, den die Türkei wegen Terrorvorwürfen festhält. 

Was Erdogan tun will:

Das türkische Staatsoberhaupt gab sich am Montag optimistisch, dass die Lira wieder ihr Normalniveau erreicht. Dazu muss man wissen: Seit Jahresbeginn hat sie schon 66 Prozent ihres Wertes verloren. Und bereits seit Jahren befindet sich die Währung auf einem Abwärtstrend. 

Um die Wirtschaft des Landes zu stabilisieren, will Erdogan nun die Kooperationen mit afrikanischen und asiatischen Ländern sowie mit der Golfregion, Brasilien und Russland ausbauen.

Zugleich erhöht Erdogan den Druck auf Kritiker. “Wirtschaftsterroristen”, die falsche Informationen über die wirtschaftliche Lage im Land verbreiten würden, bezichtigte er des “Hochverrats“.

Die Regierung will nun Menschen für negative Kommentare über die wirtschaftliche Lage und den Absturz der Lira bestrafen.

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, Staatsanwälte in Ankara und Istanbul gingen nun gegen Personen und Konten in sozialen Medien vor, die die “wirtschaftliche Sicherheit” des Landes gefährden, indem sie falsche Berichte oder “Spekulationen” – unter anderem über den Zustand öffentlicher Unternehmen oder Banken – verbreiteten.

Was Erdogan ablehnt:

Erdogan lehnt eine Intervention des Internationalen Währungsfonds (IWF) ab, die viele Beobachter anregen.

“Wir wissen sehr gut, dass die, die uns ein Geschäft mit dem IWF vorschlagen, uns eigentlich vorschlagen, die politische Unabhängigkeit unsere Landes aufzugeben”, sagte Erdogan.

Ein zentraler Kritikpunkt von Investoren und Analysten ist, dass Erdogan in der Besetzung von Schlüsselposition Loyalität vor Expertise gestellt hat. Der amtierende Finanzminister ist sein Schwiegersohn.

Außerdem hatte Erdogan mit unorthodoxen Auffassungen Investoren verunsichert – und besteht auch in der Krise auf seinen Thesen. So ist er anders als Ökonomen ein Gegner von Zinserhöhungen, um die massive Inflation von mehr als 15 Prozent im Land zu stoppen. 

Was hinter Erdogans Pöbeleien stecken könnte:

Der türkische Wirtschaftsexperte Mustafa Sonmez sagt, eine Erklärung für Erdogans Wüten gegen die USA sei, dass er verbergen wolle, wie schlecht es der heimischen Wirtschaft gehe.

Im Land hat die Inflation mehr als 15 Prozent erreicht. Es sei ein Problem, das Erdogan selber geschaffen habe – aber nun habe er die Chance, es als Resultat eines Angriffs von außen dazustellen.

Ilter Turan, Professor für internationale Beziehungen an der Bilgi-Universität in Istanbul, verweist auf Erdogans Weltsicht. Man könne sie Dritt-Welt-Denken nennen. Erdogan sei überzeugt, dass eine alternative Weltordnung gebraucht würde, um die dominanten Weltmächte unter Kontrolle zu bringen. Die USA gewännen aus seiner Sicht zu viel Macht, weil der Dollar als Welthandelswährung genutzt würde.

Außerdem stünden in der Türkei im Frühjahr lokale Wahlen an, und Erdogan sei besorgt über die Auswirkungen der Lira-Krise auf seine Basis. Die Regierung sei sich wohl bewusst, dass es zu spät sei, die Krise abzuwenden. “Deshalb hat Erdogan keine andere Wahl als seine Wähler zu mobilisieren für etwas, das er nationale Solidarität gegen einen Wirtschaftskrieg nennt.” 

Warum in Europa die Angst vor der Krise wächst:

Die Entwicklung in der Türkei rief am Markt Sorgen um einige europäische Banken hervor, die viel Geld in dem Land investiert haben. Ingesamt belaufen sich die Kredite europäischer Banken am Bosporus auf rund 150 Milliarden Euro.

“Europa ist verletzlicher als die USA für solche Schockwellen, sowohl ökonomisch als auch politisch”, sagte Kit Juckes der “Welt”. Der Währungsstratege der Bank Société Générale glaubt, dass der Euro im Lira-Strudel mitgerissen werden und bis auf 1,10 US-Dollar fallen könnte.

► Fakt ist aber: Im Vergleich zum Engagement in anderen Ländern bildet das von den EU-Ländern verliehene Geld keine besonders hohe Summe. Sollten Banken Gelder nicht mehr zurückbekommen, könnte ihnen das zwar Probleme bereiten. Aber ernsthafte Folgen hält der Berenberg-Ökonom Holger Schmieding für “höchst unwahrscheinlich”.

Spanische Institute sind mit mehr als 80 Milliarden Dollar am stärksten in der Türkei engagiert, es folgen französische Banken mit 35 Milliarden Dollar. Deutsche Banken haben Türkei-Kredite im Volumen von insgesamt knapp 13 Milliarden Dollar in den Büchern.

Die Krise in der Türkei schreckt allerdings die deutsche Wirtschaft auf. So fürchtet der Maschinenbauerverband VDMA weitere Export-Rückgänge in das Land. Für die deutsche Wirtschaft ist die Türkei aber ein relativ kleiner Handelspartner.

Wer vom Lira-Verfall profitiert:

Reisende können in dem Land am Bosporus billiger shoppen, auch der Restaurantbesuch kostet weniger.

“Unter Berücksichtigung des Kaufkraftverlusts ist die Türkei mit dem jüngsten Wechselkursniveau für deutsche Urlauber erheblich billiger geworden”, erklären Experten der BayernLB.

Auf Preisnachlässe bei Übernachtung und Flug können Pauschalurlauber deswegen aktuell aber nicht hoffen. Die Preise stehen schon lange fest. Veranstalter schließen die Verträge für Hotel- und Flugkontingente Monate vorher und in der Regel in Euro ab. 

Auf den Punkt:

Der Streit von zwei Regierungen ist zu einem Streit zwischen ihren Präsidenten geworden – Trump und Erdogan sind machtgewohnt, beide rhetorisch gerne auf der krassen Seite, beide mit sturen Köpfen und einem leicht entzündlichen Temperament ausgestattet.

Diese doppelte Reizbarkeit macht es schwer zu sagen, wo die Krise hinführt.

Mit Material von dpa.

(jg)