POLITIK
02/03/2018 15:54 CET | Aktualisiert 02/03/2018 16:54 CET

Erdogan ist in Syrien ein großer Erfolg gelungen – das hat er als nächstes vor

Der Krieg gegen die kurdische YPG ist nur der Anfang.

Anadolu Agency via Getty Images
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan
  • Die Türkei hat in der nordsyrischen Region Afrin einen wichtigen Korridor erobert
  • Schon jetzt deutet sich an, was die türkische Armee in Syrien als nächstes plant

Es war eine bittere Nacht für die türkische Armee. Bei der Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG im nordsyrischen Afrin ist es zu schweren Gefechten mit zahlreichen Toten gekommen.

Die türkische Armee meldete in der Nacht zu Freitag, am Donnerstag seien insgesamt acht ihrer Soldaten getötet und 13 weitere verletzt worden.

Die Nachricht kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Regierung um den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in den vergangenen Wochen große Erfolge erzielen konnte.

► Erdogan hat den Kriegshergang maßgeblich im eigenen Interesse beeinflusst.

Ein Blick auf Karten zeigt, was der Türkei in Syrien in den vergangenen Tagen gelungen ist – und wie sich die Situation im Kriegsland weiter entwickeln könnte. Das Wichtigste auf den Punkt gebracht.

Die Lage in Syrien:

► Der türkischen Armee und den Verbündeten Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) ist es bereits vor mehreren Tagen gelungen, das gesamte Grenzgebiet in der Region Afrin von kurdischen YPG-Kämpfern zu befreien. Das zeigt eine Karte des US-amerikanischen Institute for the Study of War

► Diese Pufferzone – wenn auch schmal – galt als eines der wichtigsten Ziele der türkischen “Operation Olivenzweig”. Auch um das eigene Staatsgebiet vor vermeintlichen Angriffen der PKK-nahen Miliz YPG zu schützen.

► Doch die Eroberungen erfüllen noch einen weiteren Zweck: Sie vebinden die von Türkei-nahen Rebellen kontrollierte Region Idlib mit den von der Türkei in ihrer ersten Syrien-Operation “Schutzschild Euphrat” unter Kontrolle gebrachten Gebieten im Gouvernement Aleppo.

Was bringt dieser Korridor der Türkei?

► Abdulla Hawez, Journalist und Syrien-Analyst, erklärte der HuffPost zuletzt: “Sie wollen die Gebiete zu einer Art verbundenen Oppositionsregion machen.”

► Auch das Institute for the Study of War analysiert: Neben dem weiteren Vorrücken auf die Stadt Afrin könnte eine gemeinsame Angriffslinie zu den vom syrischen Regime gehaltenen Gebieten im Südosten von Afrin ein Ziel sein.

Syrien-Analyst Ömer Özkizilcik von der türkischen Middle East Foundation glaubt vorrangig an einen anderen Nutzen des Korridors: Er kann der Türkei helfen, in Idlib Fakten zu schaffen.

In der Region kämpfen verschiedene Fraktionen wie die extremistisch-islamistische Miliz Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) und die Salafisten-Gruppe Ahrar al-Sham um Einfluss. 

“Nach dem Ende der Operation in Afrin, wird es einen direkten Korridor von Dscharablus bis nach Idlib geben, wodurch von der Türkei ausgebildete FSA-Einheiten nach Idlib vordringen können um dort die Kräfteverhältnisse zu verschieben”, sagt Özkizilcik der HuffPost.

In Dscharablus hatte die Türkei 2016 ihre “Operation Euphrat Schutzschild” gestartet.

Was folgt jetzt?

Alles deutet darauf hin, dass die Türkei zunächst mit Hilfe der FSA-Rebellen versuchen wird, in Afrin weitere Gebiete unter die Kontrolle zu bringen.

► Hawez sagt der HuffPost: “Sie werden weiter vorrücken wollen, um den Korridor zu sichern. Ich glaube aber nicht, dass sie auch die Stadt Afrin angreifen werden.”

► Nach der Operation gegen die YPG könnte die Türkei versuchen, in Idlib ihren Einfluss auszubauen, glaubt Özkizilcik.

“In der Zukunft erwartet die Türkei eine Operation gegen HTS, aber diese wird wahrscheinlich eher politisch und indirekt sein, als durch eine direkte militärische Konfrontation”, glaubt der Experte.

 (Das Video soll zeigen, wie HTS-Kämpfer auf FSA-Soldaten schießen.)

Schon jetzt gibt es Hinweise auf diese Strategie. Die türkische Regierung versucht, HTS zu spalten – nicht ohne Erfolg. “Der Al-Kaida-nahe Flügel von HTS ist aus der Gruppe ausgetreten und hat eine neue Organisation namens Harashuddin gegründet”, erklärt Özkizilcik.

Auch die Gefechte zwischen HTS und Ahrar al-Sham schwächen die Extremisten. So könnte in der bedeutenden Region eine Türkei-nahe Rebellenenklave entstehen.

Schon jetzt bemüht sich Ankara dort um den Machtausbau. “Viele Brigaden in der Idlib-Region werden direkt von der Türkei unterstützt. Mit der Etablierung von 6 Observationspunkten, um den Waffenstillstand zu überwachen, sind auch in geringer Zahl türkische Soldaten in Idlib stationiert”, sagt Özkizilcik.

Auf den Punkt gebracht:

Die Türkei hat im Kampf gegen die YPG eine Pufferzone erobert, die Ausgangspunkt für weitere Militäroffensiven werden könnte.

Wenn für Erdogan alles nach Plan läuft, könnte er eine starke und homogene Rebellenfraktion von Dscharablus nach Idlib etablieren, die auch für Assad eine echte Gefahr darstellt und das Momentum des Krieges umkehren könnte. 

(mf)