POLITIK
30/07/2018 10:31 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 11:08 CEST

Erdogan in Deutschland: Wieso "Kniefall"-Vorwurf gegen Merkel falsch ist

Die HuffPost-These.

Im Video oben seht ihr eine Zusammenfassung des Artikels.

Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident, kommt nach Deutschland. Laut der “Bild”-Zeitung soll bereits im September ein offizieller Staatsbesuch stattfinden. Die letzte Visite des AKP-Chefs war 2014.

Noch bevor es eine offizielle Bestätigung des Termins gibt, ist die Kritik an der Bundeskanzlerin verheerend.

Grünen-Politiker Cem Özdemir sagte den Zeitungen der Funke-Gruppe, Erdogan sei “kein normaler Präsident in einer Demokratie” und solle deshalb auch nicht so empfangen werden

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AfD-Fraktionschefin Alice Weidel sprach von einer “dreisten Instrumentalisierung des Fußballers Mesut Özil” durch Erdogan. Für den Besuch des Präsidenten gebe es “nicht den geringsten Grund”. Dagegen spreche auch die “Hasskampagne, mit der Erdogan und seine Clique Deutschland im Zuge der Özil-Debatte überzogen haben”.

In den sozialen Medien war die Rede von einem “Kniefall” der Kanzlerin. 

Erdogan muss seine Einflussnahme beenden

Klar ist: Merkels Türkei-Politik war in vielen Momenten der vergangenen Jahre unglücklich. In der Affäre um den Entertainer Jan Böhmermann etwa ließ sich die Kanzlerin von der Türkei düpieren. Im Streit um den Flüchtlingsdeal hielt sich Berlin diplomatisch zurück, erduldete scharfe Attacken aus Ankara. 

Im Video mehr zum Thema: Merkels Haltung im Eklat um Özil und Erdogan

Die ökonomischen Sanktionen gegen die Türkei stehen im Widerspruch zu den unverändert millionenschweren Waffengeschäften mit dem Land. 

Aber: Dass Berlin den Gesprächsfaden zu Erdogan aufrecht erhält, ist nur richtig. Es ist im urdeutschen Interesse, den gewählten Präsidenten eines Nato-Partnerlandes zu empfangen. Ohne Pomp und Bauchpinselei – aber mit Respekt.

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Denn im Falle der Türkei geht es um weit mehr als eine geostrategische Partnerschaft.

Merkel muss auch ob der großen türkischen Diaspora in Deutschland mit Erdogan sprechen. Sie muss klarstellen, dass eine Voraussetzung deutsch-türkischer Partnerschaft sein muss, dass Erdogan seinen andauernden Einfluss auf die Türken in Deutschland aufgibt.

Die Spaltung, die der Fall Özil offengelegt hat, kann nur überwunden werden, wenn Deutschland das Thema Integration endlich ernsthaft angeht und Erdogan seine rhetorischen Zündeleien aus der Ferne unterlässt.

 

Merkel kann kritisch

Wer glaubt, Merkel sei zu dieser Klarstellung nicht willig, der irrt.

Seit Beginn ihrer ersten Amtszeit als Bundeskanzlerin steht die CDU-Chefin für einen strengen Kurs gegenüber der Türkei.

Während Vorgänger Gerhard Schröder früh für einen EU-Beitritt der Türkei plädierte und eine Freundschaft zu Erdogan aufbauen konnte, leistete Merkel schon in der Oppositionsrolle Widerstand gegen das Aufnahmeangebot.

Der “Spiegel” berichtete 2004 gar, Merkel habe eine Unterschriftenaktion gegen den EU-Beitritt der Türkei erwägt. Es ist dieser kritische Geist, der nun einmal mehr gefragt ist.

Dann könnte der Besuch des türkischen Präsidenten auch für die Bundesregierung ein Aufbruch-Signal sein.

(ll)