WIRTSCHAFT
05/12/2018 16:40 CET | Aktualisiert 05/12/2018 22:03 CET

Erdogan in der Krise: Warum der Türkei-Autokrat sich wegen Zwiebeln sorgt

Auf den Punkt.

dpa

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat ein neues Feindbild. Es sind Menschen, die auffallend große Mengen an Zwiebeln horten. 

Die Regierung werde die “Zwiebel-Opportunisten” jagen, versprach jüngst der türkische Agrarminister Bekir Pakdemirli, wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtet. 

Der Hintergrund dieser zunächst bizarr anmutenden Posse um die Zwiebel ist ernst: Die Inflation in der Türkei treibt die Preise in die Höhe, auch die der Zwiebeln. 

Warum das für Erdogan zum Problem wird und welche Rolle die Zwiebel in der türkischen Wirtschaftskrise spielt – auf den Punkt gebracht. 

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Erdogan, die Inflation und die Zwiebel: 

Die Türkei befindet sich wirtschaftlich in der Krise: Seit Monaten steigen die Preise; dazu kommt der Absturz der türkischen Landeswährung Lira – Grund ist unter anderem durch ein schweres, aber mittlerweile beigelegtes Zerwürfnis mit den USA. 

Im November sank die Inflationsrate in der Türkei zwar erstmals seit Monaten, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Montag berichtete. Sie liegt derzeit bei 21,6 Prozent.

Die wirtschaftliche Lage aber ist immer noch angespannt, wie sich am Beispiel der Zwiebel zeigt. 

Die Zwiebelpreise sind im November um 51 Prozent gestiegen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Kein Produkt im repräsentativen Warenkorb, mit dem die Ökonomen die türkische Inflationsrate berechnen, verzeichnete einen solchen enormen Preisanstieg. Seit Jahresbeginn vervierfachten sich die Zwiebelpreise, berichtet das “Handelsblatt”. 

Warum Erdogan die Zwiebel-Krise fürchtet: 

Die wirtschaftliche Krise ist auch ein politisches Problem für Erdogan. Im März stehen die Kommunalwahlen in der Türkei an. 

Erdogans AKP fiel bei den Wahlen im Juli auf 42,6 Prozent und ist seitdem auf eine Koalition mit Rechtsextremen angewiesen. Der Türkei-Experte Halil Karaveli vom Central Asia-Caucasus Institute schrieb im US-Magazin “Foreign Policy” zuletzt gar, Erdogans Macht in der Türkei sei ein “Mythos”.

Die anhaltende Wirtschaftskrise könnte die Autorität des türkischen Präsidenten weiter untergraben. Die türkische Regierung versucht daher mit allen Mitteln, die Inflation zu bekämpfen – und dazu gehört auch die Jagd auf die “Zwiebel-Opportunisten”.  

Schließlich ist die Zwiebel in der türkischen Küche unabdingbar. 

Wie Erdogan die Zwiebel-Krise angeht:  

Eine Ursache für die enorme Preissteigerung der Zwiebel sei, dass die Pflanzen großflächig von Krankheiten befallen sind und die Ernte dementsprechend mager ausfällt, berichtete die türkische Zeitung “Hurriyet”.

Die türkische Regierung jedoch vermutet, dass Händler auf steigende Preise spekulieren – und Zwiebeln zurückhalten.

Ende November führten türkische Soldaten eine Razzia in einem Lagerhaus in Istanbul durch und stellten 1300 Tonnen Zwiebeln sicher, die ein Händler gehortet habe, berichtet die “Hurriyet”. Die Polizei kontrolliere Supermärkte, um die Zwiebelpreise zu überprüfen, berichtet Bloomberg. 

“Wir sehen bei Lagerdurchsuchungen, wie sie Zwiebeln horten”, zitiert Anadolu den türkischen Präsidenten. Erdogan warnte auch: Die Spekulanten werden ihren Preis zahlen. 

Womöglich aber gibt es noch eine weitere Erklärung für die Zwiebel-Krise: Der Türkei fehlt es schlicht an Anbaufläche für das Gewächs. 

Die staatliche türkische Wettbewerbsbehörde erklärte Ende November, dass sich die Anbaufläche für Zwiebeln zwischen 2012 und 2017 um ein Fünftel, die für Kartoffeln um 17 Prozent, reduziert habe, berichtet das “Handelsblatt”. 

Diese Zahlen deuten an: Die Zwiebel-Krise ist Folge einer verfehlten Agrarpolitik der AKP-Regierung. 

Auf den Punkt: 

Die türkische Wirtschaft schwächelt weiter. Erdogan versucht, die Inflationsrate zu senken – und wettert gegen Zwiebel-Spekulanten. Das Problem aber dürfte hausgemacht sein. 

(ben)