POLITIK
20/06/2018 23:52 CEST | Aktualisiert 21/06/2018 18:42 CEST

Erdogan-Herausforderer Ince: Ein "Tsunami, der alles wegspülen wird"

"Diese Welle wird auch Erdogan mitnehmen.“

Im Video oben: Wiederwahl scheint erstmals unsicher – Erdogan bürgert kurz vor der Wahl 50.000 Flüchtlinge ein.

Muharrem Ince krempelt die Ärmel seines weißen Hemdes hoch. Schon allein physisch ist der 54-Jährige eine Präsenz. Hünenhaft steht Ince da auf der Bühne, davor tausende schreiende Anhänger. “Präsident Ince“, hallt es über den Platz.

Es ist eine Szene, wie sie sich im Juni 2018 in der Türkei oft mehrfach am Tag in ähnlicher Weise abspielt. Ince, Spitzenkandidat der CHP-Partei, der alten Kemalisten, der türkischen Republikaner, ist im Wahlkampf um die Präsidentschaft Recep Tayyip Erdogans (AKP) letzter echter Gegner.

Und: Sein erster echter Gegner in Jahren. Dafür nimmt Ince – noch vor wenigen Monaten auf der Weltbühne völlig unbekannt – eine unvergleichbare Mammuttournee durch das Land auf sich. Sein Erfolg ist schon jetzt erstaunlich.

Bei der Abstimmung am Sonntag dürfen die CHP-Anhänger gar träumen, Erdogans Sturz einzuläuten.

Menschen statt Stahl

Mit seiner Halbglatze, den breiten Schultern und wuchtigen Händen sieht Ince aus wie jemand, der auch als Metzger oder Bauarbeiter arbeiten könnte. Es ist ein rauer Charme, von dem sein Lächeln spricht. Doch Ince, dieser Bär von einem Mann, hat etwas zu sagen. Und er sagt es gut.

Erdogan baue gewaltige Brücken aus Stahl, ruft Ince. Er dagegen baue Brücken in der Bevölkerung. Die Türkei müsse wieder frei werden und geeint, die Justiz zur Unabhängigkeit zurückkehren. “Genug“, rufen die Menschen. “Tamam!“

Chris McGrath via Getty Images
Istanbul: Tausende jubeln Ince zu.

Es ist ein Schlachtruf, der in den vergangenen Monaten zum Symbol einer landesweiten Bewegung wurde. Ihr Ziel: Die Erdogan-Ära überwinden. Eine neue Türkei.

Schwarz statt Weiß

Es sind ähnliche Versprechen, mit denen Erdogan selbst Anfang der 2000er-Jahre seinen steilen politischen Aufstieg meisterte. Auch der Deutschland-Chef der CHP, Kenan Kolat, ist sich dieser Parallele bewusst.

“Ince ist nah am Volk verankert, wie Erdogan, als er angefangen hat“, sagt Kolat der HuffPost. “Er kommt aus der Basis der Partei. Er weiß, wie er die Gefühle der Bevölkerung anspricht.“

 Und: Er kann austeilen wie der AKP-Kontrahent.

“Er ist ein weißer Türke“, spottet Ince über Erdogan. Es ist eine Anspielung, die den Menschen in der Türkei sofort Assoziationen weckt. Der türkische Präsident hat das Narrativ von “weißen“ und “schwarzen Türken“ selbst maßgeblich geprägt.

Die “weißen Türken“ sind für ihn die alte kemalistischen Eliten, die “schwarzen Türken“ vor allem anatolienstämmige Landbewohner. Seine Basis.

Ince weiß, dass Erdogan längst selbst die Elite ist, seine “Mann des Volkes“-Rhetorik nur noch die medial geschürte Romantisierung eines Autokraten. “Er sitzt in seinem Palast und trinkt weißen Tee“, ruft er den Menschen zu.

“Tamam“, skandieren die.

Vollblutpolitiker statt Bürokrat

Deutschtürke Kolat, der in der Bundesrepublik für den Wahlkampf der CHP verantwortlich ist, kennt Ince persönlich. Von seiner Energie ist er beeindruckt.

“Er ist ein absoluter Gewinnertyp“, sagt Kolat. “Er erinnert mich an Gerhard Schröder, wie er am Zaun des Kanzleramtes gerüttelt hat, weil er es unbedingt wollte.“ Aus seiner Stimme spricht eine Euphorie, die wohl nur versteht, wer auch die tiefe Enttäuschung der vergangenen Jahre kennt.

Fabrizio Bensch / Reuters
Kenan Kolat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Obwohl die CHP in Zeiten der AKP-Mehrheit immer die stärkste Oppositionsfraktion in der Nationalversammlung stellte, fremdelte sie zuletzt mit ihrer Rolle. Resigniert schien die Partei, dem immer autoritärer herrschenden Erdogan hilflos ausgeliefert.

Und obwohl Parteichef Kemal Kilicdaroglu im vergangenen Jahr rund eine Millionen Türken zum Gerechtigkeitsmarsch mobilisieren konnte, wurde der immer ein bisschen zerstreut wirkende Politiker seinen Ruf als zahnloser Tiger nie mehr ganz los.

“Er ist ein Bürokrat. Ince ist ein Vollblutpolitiker“, sagt Kolat. Ein Mann mit Sinn für Populismus. Das sagt auch Kolat selbst – nicht beschwichtigend sondern innbrünstig.

“Politik kann man nicht ohne Populismus machen. Ince ist ein Tsunami, der jetzt kommt und alles wegspülen wird. Diese Welle wird auch Erdogan mitnehmen.“

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Muharrem Ince fordert Erdogan heraus.
Politik kann man nicht ohne Populismus machen. Ince ist ein Tsunami, der jetzt kommt und alles wegspülen wird. Diese Welle wird auch Erdogan mitnehmen. Kenan Kolat

Baukasten statt Baustellen

2002 zog Ince zum ersten Mal in die türkische Nationalversammlung ein. Etwa zur gleichen Zeit begann Erdogan seine erste Amtszeit als Ministerpräsident der Türkei. Ince weiß nur zu gut, wie der AKP-Mann die Herzen der Türken eroberte.

Die europäische Annäherung, der wirtschaftliche Aufschwung, die Mammutprojekte in der Infrastruktur: All das sind die Argumente von denen Erdogan noch immer zehrt.

Doch es wird immer klarer: Viel steckt nicht mehr hinter Erdogans Schlachtbegriffen. Der Lira-Kurs dümpelt weiter bedrohlich daher, internationale Investitionen stehen auf der Kippe, ein EU-Beitritt ist für die Türkei mittlerweile aus der Reichweite.

Ince verspricht also mehr Geld für Landwirtschaft, Technologie, Bildung. Eine Wirtschaftspolitik aus dem Baukasten – statt mehr Baustellen. Mit Brücken, Stadien und Schnellstraßen protzt Erdogan noch immer.

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Erdogan bei einem Auftritt in Mardin.

“Die Menschen wollen Ruhe, Frieden, Normalität“, sagt Kolat. Und sein Spitzenkandidat stellt genau das in Aussicht: Dass die Menschen in der Türkei endlich wieder zueinander finden.

Verständigung statt Alleingang

Erdogan hat den sunnitischen Islam zur zentralen gesellschaftlichen Instanz gemacht. Zum Leitbild von Außen- und Innenpolitik. Der Säkularismus der Atatürk-Tage ist unter dem AKP-Chef erst langsam und maßvoll, später grundlegend ins Bröckeln geraten.

Außenpolitisch spielte sich Erdogan zuletzt immer stärker als sunnitische Schutzmacht auf, im Irak, in Syrien, in Palästina, selbst in Teilen Afrikas. Gegen die Kurden führte er nicht nur im eigenen Land, sondern auch in den Nachbarländern Krieg.

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Aus dem einst begonnenen Friedensprozess zwischen Türken und Kurden wurde eine beispiellose Entfremdung.

Doch auch als Ince in Diyarbakir, dem Zentrum der kurdischen Bevölkerung in der Südosttürkei seine Arme hochkrempelt, jubeln ihm Tausende zu. Allein, dass er hier auftritt, ist keine Selbstverständlichkeit. Mehr noch: Ince sucht die Nähe zu den Kurden, auch Demirtas besucht er im Zuge seiner Mammuttour.

Es ist wohl nicht nur soziale Romantik, die ihn treibt. Denn, wenn Ince bereits eins bewiesen hat, dann das: Er hat eine Strategie.

In Umfragen liegt er auf dem zweiten Platz hinter Erdogan. Dessen absolute Mehrheit steht auf der Kippe, eine Stichwahl zwischen Erdogan und Ince ist das erklärte Ziel der CHP. 

Dann wiederum wird Ince auch die kurdischen Stimmen mobilisieren müssen. Ohne sie wird Erdogan dem Tsunami entkommen.

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Getty / Reuters

HuffPost-Redakteur Lennart Pfahler berichtet zur Türkei-Wahl eine Woche lang aus Istanbul. Darüber, wie Erdogan die Türkei bereits verändert hat, wie sich vor allem junge Menschen gegen den Präsidenten auflehnen – und natürlich darüber, wie die Wahlen am Sonntag ausgehen.

(mf)