POLITIK
09/11/2018 12:05 CET | Aktualisiert 09/11/2018 13:20 CET

Ex-DDR-Bürger zum 9. November: "Die Ausgrenzung hat im Osten nie aufgehört"

In der HuffPost äußern sich ehemalige DDR-Bürger zum Jahrestag des Mauerfalls dazu, wie sich ihre Heimat seither verändert hat.

Sven Creutzmann/Mambo Photo via Getty Images

Rainer Zenner war in der DDR in gleich doppelter Hinsicht ein Außenseiter.

Zenner, Sohn eines Fabrikbesitzers, war ein Kapitalistenkind – dazu auch noch ein evangelischer Christ. Auch seine Frau teilte dasselbe Schicksal.

“Wir waren Außenseiter des Systems mit entsprechenden Benachteiligungen”, erzählt der 68-Jährige, der im Vogtland geboren wurde. 

Dennoch wurde Zenner irgendwann Direktor für Ökonomie in einem Textilbetrieb. Dort, so erzählt er, erkannte Zenner, dass der Sozialismus nicht reformierbar ist.

“Die ab 1986 möglichen Besuchsreisen in die BRD haben uns darin bestärkt, unsere Zukunft als Familie in einem freien Land zu finden”, sagt er. 

Noch vor dem Mauerfall darf seine Familie ausreisen. 

Die Ausgrenzung wird wieder aggressiver

Heute lebt Zenner in Bayern – und blickt weiter mit Sorge in Richtung Osten.

Mobbing und Ausgrenzung, die seine Familie in der DDR erlebte, seien immer noch spürbar. Die feindselige Stimmung werde sogar wieder deutlicher und aggressiver – vor allem von rechts. “Das sind die ‘Wir sind das Volk’”-Rufer von heute”, sagt Zenner.

Der HuffPost berichtet er: “Von unseren Bekannten in Sachsen wurden wir davor gewarnt, von unserer Tätigkeit in der Tafel zu berichten. Dann könnte unser Auto beschädigt werden.”

Für Argumente seien viele Menschen nicht offen. Ihnen sei die Situation 1989 nicht erklärt worden. Die DDR sei pleite gewesen, heute würde das aber niemand mehr hören wollen.

Arbeitslosigkeit sei für die Ostdeutschen unvorstellbar gewesen, da sie es vor der Wende nie erlebt hätten. “Die DDR-Bevölkerung wollte den schnellen Anschluss mit der Aussicht auf ‘Banane und Mallorca’.”

“In NRW gibt es für jede geschlossene Grube einen Traditionsverein”

Zum einen wäre Aufklärung nötig, findet der ehemalige DDR-Bürger.

Zum anderen müsse die Politik die Verletzungen der Wendezeit und den sozialen Abstieg vieler Ex-DDR-Bürger ernst nehmen.

Zenner kritisiert: “Für jede geschlossene Steinkohlegrube in NRW gibt es einen Traditionsverein, für die geschlossenen Volkseigenen Betriebe (VEB) gab es nichts.”

Leider habe die Politik dies lange nicht wahrnehmen wollen oder können.

“Wir sind das Volk”: HuffPost-Aktion zum 9. November

 

Zum Jahrestag des Mauerfalls spricht die HuffPost mit Zeitzeugen, die die friedliche Revolution in der DDR miterlebt haben. Sie blicken zurück auf die Wendezeit und wie sich Ostdeutschland seitdem entwickelt hat. Unter diesem Link findet ihr den Überblick mit allen Zeitzeugen. Das sind die einzelnen Beiträge:

 

In unserem Podcast über Ostdeutschland widmen wir uns mit den Interviewgästen den Themen, die in der Tagesberichterstattung häufig zu kurz kommen. Über das Banner gelangt ihr auf eine Übersicht der bisherigen Folgen. 

(ben)