LIFESTYLE
20/05/2018 18:24 CEST | Aktualisiert 20/05/2018 21:24 CEST

Warum Nichtstun so wichtig für uns ist

Wir alle haben einen Zauberknopf, der die Welt anhält.

lzf via Getty Images
Beim Nichtstun sollte man das machen, worauf man Lust hat. (Symbolbild)

Manchmal, da möchten wir diesen Zauberknopf drücken. Den, der die ganze Welt anhält. Alles wäre auf einmal still, nichts würde sich bewegen.

► Wir würden die Augen schließen und tief durchatmen.

Völlig erschöpft würden wir uns hinlegen und uns erst einmal ausruhen. Und dann würden wir all das machen, für das wir im hektischen Alltag keine Zeit finden. All das, was keinen direkten Nutzen hat.

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Im Gras rumliegen und den Wolken beim Tanzen zusehen. Aufs Fahrrad steigen und ohne Ziel losfahren. Den ganzen Tag im Bett verbringen, Tee trinken, träumen, lesen.

Freie Zeit wird zum Erledigungsmarathon

Aber das geht nicht, meinen wir. Und hetzen weiter wie das weiße Kaninchen bei Alice im Wunderland. Wenn wir heute ausspannen wollen, gehen wir schnell mal ins Yoga oder zwacken unserem vollen Terminkalender drei Stunden fürs Day Spa ab.

Im Urlaub werden wir entweder krank oder verbringen die erste Woche in einer Art Dämmerzustand, weil wir erst da merken, wie unglaublich erschöpft wir sind. Und wenn wir nicht verreisen, dann nutzen wir die freie Zeit, um endlich mal die Dinge zu machen, zu denen wir nie kommen, deren Nichtverrichtung uns aber schlechtes Gewissen bereitet: Steuer, ausmisten, mal wieder ins Museum, die alte Bekannte treffen, die Fotos aussortieren.

Und so wird die freie Zeit zum Erledigungsmarathon anstatt zum erholsamen Müßiggang.

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Insgeheim ahnen wir natürlich, dass wir uns mit diesem Lebensstil keinen Gefallen tun. Dass man sich vielleicht anders organisieren sollte, um das Leben schöner und unstressiger zu gestalten. Und dann haben wir auch noch ein schlechtes Gewissen, weil wir das nicht hinbekommen.

“Dabei ist das Gefühl des ständigen Gehetztseins längst kein persönliches, sondern ein kollektives Problem“, erklärt Ulrich Schnabel. Der Physiker und Wissenschaftsjournalist hat ein ganzes Buch über den Müßiggang geschrieben.

Das Problem, das wird schnell klar, ist vielschichtig.

► Es hat mit der Religion zu tun, von der wir geprägt sind, vor allem mit der christlichen Arbeitsethik, die das Nichtstun ausdrücklich verdammt.

► Es hat mit den Wirtschaftssystemen zu tun, in denen wir groß geworden sind – Sozialismus respektive Kapitalismus – und die die Arbeit als glücks- und sinngebendes Zentrum im Leben der Menschen etablierten und das Gegenteil – also das Nichtstun – als asozial gebrandmarkt haben.

► Es hat, sagt Schnabel, mit “technischem Fortschritt, sozialem Wandel, Globalisierung und veränderten religiösen Wertvorstellungen“ zu tun.

Generation “Head Down”

Der Soziologe Hartmut Rosa spricht in diesem Zusammenhang von der “Beschleunigungsgesellschaft“, in der das Gefühl des Gehetztseins zum Dauerzustand geworden ist.

Das Paradoxe ist, dass immer mehr Menschen im Eindruck leben, keine Zeit zu haben, obwohl niemals in der Geschichte so viele Menschen so viel freie Zeit zur Verfügung hatten. Möglich gemacht hat das der technische Fortschritt. Aber genau dieser technische Fortschritt – noch so eine Paradoxie – stiehlt uns auch wieder unsere Zeit.

Smartphones zum Beispiel sind Zeitfresser deluxe. In der Pause, an der Bushaltestelle, in der Supermarktschlange: In jeder freien Lücke wird gewischt, gesimst, gewhatsappt, gepostet, gelikt, gecheckt.

Es gibt bereits eine Bezeichnung für dieses Phänomen: die Generation “Head Down”. Die Haltung verrät deren Vertreter: Nach unten geneigter Kopf, Kinn an der Brust, versunken in ihr Smartphone bekommen sie von der Welt um sie herum wenig bis gar nichts mehr mit. Sie können keinen Gesprächen folgen ohne einen Blick auf das Display zu werfen und haben große Probleme, sich auf Tätigkeiten zu konzentrieren.

Zu viele Möglichkeiten überfordern 

Die digitale Entwicklung macht uns auch in anderer Form das Leben schwer. Wir können uns, unser Aussehen, unsere Leistung, global vergleichen und kommen so noch mehr unter Druck.

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Außerdem haben wir insgesamt viel mehr Möglichkeiten, aber das macht uns nur unglücklicher. Denn je größer die Auswahl an Handytarifen, Flatscreens, Pilatesstudios, Teesorten – sowohl im Supermarkt als auch im Internet – desto mühsamer die Entscheidung und desto größer der Frust. Denn schon in dem Moment, in dem ich mir ein technisches Gerät anschaffe, ist das Produkt eigentlich schon überholt. So schnell sind die Zyklen mittlerweile.

Und mit dieser enormen Beschleunigung halten unsere Systeme nicht mehr stand. Äußerlich sieht man das zum Beispiel an unserer Umwelt und am politischen System.

Die Folgen für unser Inneres spiegeln sich in der ständig steigenden Zahl der psychischen Erkrankungen: Burn Outs en masse, Depressionen, Nervenkrankheiten.

Leerlauf im Kopf regeneriert

Nichtstun kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Für unsere körperliche Gesundheit sowieso. Aber auch der Kopf braucht regelmäßige Pausen zur Regeneration.

In Situationen, in denen äußerer Input fehlt, beschäftigt sich unser Gehirn vor allem mit sich selbst: Es verarbeitet Gelerntes, sortiert das Gedächtnis und greift dabei auch auf unbewusst aufgeschnappte und längst wieder vergessene Informationen zurück.

Leerlauf im Kopf ist für unsere geistige Stabilität geradezu unabdingbar. Auch Kreativität, so weiß man, findet genau in diesen Phasen der geistigen Ruhe statt.

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Eigentlich ist Nichtstun die natürlichste Sache der Welt:

► Tiger schlafen 16 Stunden am Tag, um genügend Kraft für die Jagd und die Fortpflanzung zu tanken.

► Bei Löwen sind es 13,5 Stunden.

► Und sogar die fleißigen Bienchen nutzen nur 20 Prozent ihrer Zeit für die Arbeit.

► Wir Menschen hingegen haben in den vergangenen Jahrhunderten förmlich verlernt, wie das geht, das Nichtstun oder der gepflegte Müßiggang.

Die gute Nachricht: Alles, was man verlernt hat, kann man auch wieder erlernen. Aber wir brauchen Geduld mit uns. Das wird sozusagen unsere erste Lektion. Geduld. Die beinhaltet nämlich schon die Zeit.

Nichtstun und Müßiggang als Ausgleich

Dann sollten wir uns darüber klarwerden, was Nichtstun beziehungsweise Müßiggang überhaupt bedeutet. Oder vielmehr, was es nicht bedeutet: Nichtstun bedeutet nämlich nicht, vor Erschöpfung fast bewusstlos auf die Couch zu sinken und einzuschlafen.

Für das Nichtstun sollte man bereits ausgeruht sein. Nichtstun bedeutet nicht “gar nichts tun“, sondern stattdessen seinen Gedanken nachzuhängen, die Umgebung zu beobachten, rumzuspinnen.

Müßiggang geht etwas weiter. Hier ist eine Beschäftigung gemeint, an der man Freude hat. Etwas, das man nicht machen muss, sondern möchte. Eine Tätigkeit ohne direkten Nutzen, ohne Bezug zu Produktivität oder Effektivität.

Es ist aber auch nicht damit getan, sich mal ein Bad mit duftendem Lavendelschaum zu genehmigen – obwohl das auch sehr schön sein kann. Wer Muse nur als Zeit für Wellness und Fitness versteht, unterwirft sie wieder dem Nützlichkeitsdenken, das bereits unseren Alltag regiert.

► “Nichtstun ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt“, schrieb Oscar Wilde einst. Und er hatte Recht.

Deshalb brauchen wir verrückten Arbeitstiere einen Plan für unsere Mission Müßiggang.

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Eine kleine, sehr effektive Übung, mit der man sofort beginngn kann, ist die Handydiät. Das heißt: Wir benutzen unser Mobiltelefon nur noch zur Kommunikation und nicht mehr zum Zeitvertreib. Denn wenn wir ehrlich sind, benutzen wir alle unsere Handys vor allem zum Zeitvertreib.

Wenn wir auf den Bus warten, wenn wir im Café sitzen, sogar während wir mit der Familie beim Essen sind, checken wir unsere Nachrichten oder Likes oder googeln schnell mal etwas. Dabei sind es gerade diese kleinen Inseln des Stillstands, die uns so guttun, weil sie uns zur Ruhe kommen lassen, weil sie uns im Moment ankommen lassen und mit dem Jetzt und der Welt verbinden.

Plagende Gedanken

Natürlich hat diese zwanghafte Smartphonebenutzung auch einen anderen Hintergrund: Sobald wir nichts tun und nur auf uns zurückgeworfen sind, fängt unser Gehirn an, uns zu martern.

Wir machen uns Sorgen über die Zukunft oder die Vergangenheit oder beides, ärgern uns noch mal über das, was der Kollege vorhin gesagt hat, bekommen ein schlechtes Gewissen, weil wir etwas vergessen haben oder gehen nervös unsere To Do-Liste durch.

Wenn wir stattdessen schauen, was unsere Facebookfreunde für lustige Katzenvideos gepostet haben, sind wir herrlich abgelenkt. Nun ist Ablenkung an sich nicht verwerflich, und Katzenvideos sowieso nicht. Aber bei der Menge an Informationen, die jeden Tag auf uns einströmt, ist es wichtig, auch mal Phasen des Durchzugs zu haben.

Mit allen Sinnen wahrnehmen 

Für den unruhigen Geist helfen Achtsamkeitsübungen: Handy weg, durchatmen und erst mal gucken: Wo bin ich hier eigentlich? Wie sieht meine Umgebung aus?

Dann anfangen, mit allen Sinnen wahrzunehmen: Wie riecht es hier? Wie fühlt sich das hier an? Wie fühle ich mich hier? Dabei versuchen wir, nur zu beobachten und nicht zu werten. Unsere Gedanken werden immer wieder abhauen. Das soll uns nicht ärgern. Unsere Gedanken sind hyperaktive Kinder. Die sammeln wir liebevoll wieder ein und bringen sie in die Gegenwart zurück. Damit kann man problemlos eine lange Busfahrt verbringen.

Wenn wir es ernst meinen mit der Muse, dann geben wir dem Nichtstun einen festen Termin in unserem Alltag und erkennen somit dessen Wichtigkeit an.

► Aber bitte gemächlich.

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Man kann nicht von jetzt auf gleich jeden Tag zwei Stunden müßiggehen. Das ist wie im Sprint gegen eine Gummiwand zu laufen. Eine halbe Stunde, jeden zweiten oder dritten Tag vielleicht – das ist ein guter Anfang.

► Dann gilt aber: kein Handy, kein Fernseher, kein Computer.

Das heißt nicht, dass man wirklich absolut nichts tun darf in der Zeit. Man kann tun, worauf man Lust hat. Das ist ja das Tolle! Wir müssen nur ehrlich zu uns sein.

Wenn wir in der halben Stunde nämlich die Bauch-Beine-Po-Übungen machen, zu denen wir die ganze Woche nicht gekommen sind, dann ist das kein Müßiggang, sondern auch wieder nur das gehorsame Ableisten eines rigorosen Programms, das wir uns selbst aufgezwungen haben.

Meditation zur Entspannung

Menschen, die beim Nichtstun stark vom schlechten Gewissen geplagt werden, sei Meditation empfohlen. Das ist so was wie verordnetes Nichtstun und es hat nachweislich positive Effekte auf den Körper und den Geist.

Studien belegen, dass regelmäßiges Meditieren Angstzustände lindert, das Gedächtnis und das Immunsystem verbessert und sich insgesamt positiv auf unsere Persönlichkeit auswirkt.

Die Praktik ist gut gegen Bluthochdruck, hilft bei chronischen Schmerzen und senkt das Stresshormon Cortisol im Körper, was uns sowohl entspannt als auch stressresistenter macht.

Meditation ist also universell positiv.

Was uns auch immer hilft, ist das Wissen, dass wir nicht allein sind. Fast alle leiden unter dem fehlenden Müßiggang und ganz viele Menschen wünschen sich wie wir das Kindheitsgefühl der endlosen Zeit zurück. Deshalb gibt es schon länger die Gegenbewegung zum Tempowahnsinn, eine Art Entschleunigungs-Guerilla, die eine Revolution des Müßiggangs anzettelt.

Gemeinsam entschleunigen 

Wissenschaftler und Philosophen wie Byung-Chul Han, Hartmut Rosa oder auch der Zeitforscher Karlheinz Geißler (sein Buch trägt den schönen Titel "Enthetzt Euch!“) ermahnen uns, hinzuschauen und zu handeln.

► Es gibt den Trend zu Achtsamkeits-Praktiken wie Yoga, Tai Chi, Qi Gong und Meditation, die mittlerweile fast überall in Deutschland gelehrt werden.

Da sind die Slow Food-Gruppen und Initiativen wie der Verein zur Verzögerung der Zeit oder der Bremer Verein "Otium“ zur Förderung des Müßiggangs. Die "Idler“-Bewegung in Großbritannien, deren Anführer Tom Hodgkinson ein Magazin und eine Müßiggang-Akademie gegründet hat, um die langsame Lebensart zu ehren und vor allem zu fördern.

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Oder die "Cloud Appreciation Society“, die Vereinigung zur Wolken-Würdigung, die das Beobachten des Himmels in den Fokus rücken möchte. Cloud Lovers aus der ganzen Welt können online mitschwelgen und den wattierten Himmelsformationen huldigen.

Das alles sind nur Inspirationen. Kleine Wegweiser Richtung Müßiggang. Ob in den Wolken, in einem Om, oder beim Lesen – jeder Mensch findet ihn woanders, den Zauberknopf, der seine Welt anhält.

Wir müssen nur auf die Suche gehen.