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17/01/2018 15:22 CET | Aktualisiert 17/01/2018 15:25 CET

Multiresistente Tuberkulose-Keime bei Flüchtlingen in Deutschland entdeckt

Die Fälle zeigen, unter welch grausigen Bedingungen die Asylsuchenden in Libyen leiden müssen, bevor sie zu uns kommen.

Hani Amara / Reuters
In libyschen Flüchtlingscamps grassieren gefährliche Infektionskrankheiten.
  • Ärzte haben einen multiresistenten Tuberkulose-Keim bei 29 Flüchtlingen in sieben europäischen Ländern identifiziert
  • Ursache sind wohl die katastrophalen Zustände in einem Flüchtlingslager in Libyen

Tuberkulose ist kein Scherz. Weltweit sterben jedes Jahr 1,8 Millionen Menschen an der Infektionskrankheit, wie die NGO ”Ärzte ohne Grenzen” berichtet.

Was den Medizinern die ohnehin aufwändige Behandlung noch schwerer macht: Gleichzeitig treten immer mehr Resistenzen gegen die gängigen Medikamente auf. 

► Ein Bericht von Forschern aus Deutschland und der Schweiz zeigt, dass die Zustände, denen Asylsuchende während der Flucht ausgesetzt sind, das Problem intensivieren und in einer Katastrophe hätten münden können.

Wissenschaftler haben ein europaweites Warnsystem aufgebaut

Die Jagd nach dem gefährlichen Keim, der nach Europa eingeschleppt wurde, startete schon vor zwei Jahren. 

Zwischen Februar und November 2016 konnten Wissenschaftler der Universität Zürich einen multiresistenten Tuberkulose-Erreger bei acht Flüchtlingen aus dem Horn von Afrika – Somalia, Eritrea und Djibouti – identifizieren.

Schon beim ersten Fall warnten die Schweizer ihre europäischen Kollegen, wie sie in einem Statement der Universität mitteilten.

► “Der Erreger wies eine neuartige Kombination von Resistenzen gegen vier verschiedene Antibiotika auf, die noch nie beschrieben worden war”, sagte Peter Keller, stellvertretender Leiter der Diagnostik am Nationalen Referenzzentrum für Mykobakterien (NZM) der Universität Zürich.

Die europäischen Behörden leiteten länderübergreifende Untersuchungen ein und bauten ein europaweites Alarmsystem auf. 

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In Deutschland wurden 14 infizierte Personen identifiziert

Das in Deutschland zuständige Forschungszentrum Borstel meldete: “Basierend auf einer Meldung des European Center for Disease Control and Prevention (ECDC), konnte der Ausbruchsstamm bei insgesamt 29 Patienten aus sieben europäischen Ländern nachgewiesen werden, die alle aus dem Horn von Afrika oder dem Sudan stammten.”

► Davon wurden in Deutschland 14 Personen identifiziert, die mit dem gefährlichen Keim infiziert waren. Die Patienten mussten sich isoliert einer langwierigen Behandlung unterziehen.

► Europäische Staatsangehörige sind nach bisherigen Erkenntnissen offenbar nicht betroffen.

Die Wissenschaftler hoffen jetzt, dass es ihnen gelungen ist, eine weitere Verbreitung des gefährlichen Erregers verhindert zu haben.

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Der Tuberkulose-Keim verbreitete sich offenbar in einem libyschen Flüchtlingscamp

Die Forscher bewegte auch die Frage, woher der multiresistente Erreger stammt. Um die Infektionskette zu rekonstruieren, führten sie molekulargenetische Untersuchungen durch und interviewten die Patienten.

► Die Daten würden darauf hinweisen, dass sich der Tuberkulose-Keim in einem libyschen Flüchtlingscamp bei Bani Waleed verbreitete, wie die Wissenschaftler der Universität Zürich mitteilten.

“Das überfüllte Lager rund 180 Kilometer südöstlich von Tripolis ist berüchtigt für seine unhygienischen und menschenunwürdigen Verhältnisse. Etliche der diagnostizierten Tuberkulose-Patienten passierten das Camp auf ihrem Weg Richtung Norden.”

Die Erkenntnisse zeigen, unter welch grausigen Bedingungen die Asylsuchenden in Libyen leiden müssen. Wie der Keim ins Flüchtlingscamp eingeschleppt wurde, können die Forscher allerdings nicht sagen.

Als Ursprungsort des Erregers vermuten die Wissenschaftler aber den Norden Somalias. Dort dürfte der Erreger aufgrund neuer Mutationen die gefährliche Resistenzkombination entwickelt haben.

► Immerhin: Die genetischen Untersuchungen haben es den Forschern ermöglicht, einen Schnelltest zu entwickeln.

Damit können Personen, bei denen ein Verdacht auf diesen Tuberkulose-Keim besteht, innerhalb weniger Stunden diagnostiziert werden.

Das eigentliche Problem ist nicht gelöst

Um die Verbreitung von Infektionen zu verhindern, werden neu ankommende Flüchtlinge in Deutschland bei der Eingangsuntersuchung generell auf übertragbare Krankheiten untersucht. Wir müssen also nicht in Panik verfallen.

► Das eigentliche Problem ist damit aber nicht gelöst – in Libyen grassieren lebensgefährliche Infektionskrankheiten weiterhin. Zahlreiche Berichte zeigen, dass Misshandlungen der gestrandeten Flüchtlinge dort an der Tagesordnung stehen, die hygienischen Bedingungen sind unzumutbar

Die Tuberkulose-Fälle zeigen, dass Europa die katastrophalen Zustände in Libyen nicht weiter ignorieren kann.

(cho)