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05/05/2018 17:29 CEST | Aktualisiert 05/05/2018 17:29 CEST

Ich wurde emotional missbraucht – so schwer war mein Weg zurück ins Leben

Er begann nach meinem Suizidversuch ...

kitzcorner via Getty Images
"Ich dachte lange, dass mit mir etwas falsch sei" – Vanessa Freitag (Symbolbild).

Ich bin mein Leben lang emotional missbraucht worden. Dahinter gekommen bin ich allerdings erst vor knapp zwei Jahren, nach einem gescheiterten Suizidversuch.

Damals wurde ich in eine Klinik eingeliefertund hörte dort das erste Mal von narzisstischem Missbrauch.

Seitdem habe ich eine ganze Reihe von Therapien hinter mir, die mir helfen sollten, über das Erlebte hinweg zu kommen, die gleichzeitig aber noch viel tiefere Wunden aufrissen.

Denn schon als Kind missbrauchten mich meine Eltern emotional. Und legten damit das Grundgerüst für weiteren Missbrauch im Erwachsenenalter und eine sogenannte Co-Abhängigkeit von den Tätern.

“Spiel jetzt nicht die Dumme und denk lieber über dein Verhalten nach!“

Schließlich kannte ich keine gesunden Beziehungen und hielt vieles von dem, was als psychische Gewalt angesehen wird, für normal.

Wenn ich eine schlechte Note von der Schule mit nach Hause brachte, ignorierten mich meine Eltern manchmal eine ganze Woche lang, statt mit mir darüber zu sprechen und mir zu helfen, meine Zensuren zu verbessern.

Später tat mein damaliger Freund das Gleiche, wann immer ich in seinen Augen einen Fehler begangen hatte. Wenn ich ihn allerdings fragte, was genau ich falsch gemacht hatte und wie ich es beim nächsten Mal besser machen könnte, antwortete er meist nur: “Das weißt du selbst am allerbesten, also spiel jetzt nicht die Dumme und denk lieber über dein Verhalten nach! 

Inzwischen weiß ich, dass die Art, wie meine Eltern und auch mein späterer Partner mit mir umgegangen sind, keineswegs normal sind.

Ich empfand mich nicht mehr als ich selbst

Das Wissen, dass nicht mit mir etwas falsch ist, wie mir mein Leben lang suggeriert wurde, sondern dass mit ihrem Verhalten mir gegenüber etwas nicht stimmte, war der erste wichtige Schritt auf meinem Weg zu Heilung

Noch in der Klinik, in die ich nach meinem Suizidversuch eingeliefert worden war, begann ich mit sogenanntem Skills-Training.

Durch das ständige Gaslighting, dem ich durch meinen Expartner ausgesetzt war, hatte ich eine schwere dissoziative Störung entwickelt. Das bedeutet, dass ich unter Depersonalisation und Derealisation litt.

Ich empfand mich nicht mehr als ich selbst und hatte das Gefühl, die Welt und das Geschehen um mich herum sei nicht echt, sondern spiele sich nur in meinem Kopf ab.

Mit Hilfe des Skills-Trainings lernte ich, mich auf gesundem Weg aus diesen dissoziativen Zuständen zu befreien. Ich begriff immer mehr, dass nicht meine Realität nicht stimmte, sondern mein Ex-Freund versucht hatte, vor mir ein falsches Bild von der Wirklichkeit zu zeichnen.

Im Laufe der Beziehung hatte ich angefangen, mich zu ritzen, um diesem fremdartigen Erleben zu entkommen. Ich hielt damals noch alles für mein eigenes Problem.

Er redete mir ein, an einer Borderline-Störung zu leiden

Aufgrund des selbstverletzenden Verhaltens, war es für meinen Ex-Freund auch ein Leichtes, mir einzureden, ich würde an einer Borderline-Störung leiden und deshalb meinem Umfeld so viel Leid bereiten.

Inzwischen wurde diese “Diagnose“ von fünf Fachärzten und zwei Therapeuten entkräftet. Stattdessen wurden mir eine mittelschwere Depression sowie eine Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.

Ich erfuhr, dass insbesondere Narzissten und Psychopathen besonders gerne behaupten, ihre Partner litten an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung oder seien bipolar – obwohl sie selbst es sind.

Ich begann eine Psychotherapie

Nachdem ich aus der psychiatrischen Klinik entlassen worden war, begann ich eine Psychotherapie mit tiefenpsychologischer Ausrichtung.

Die ersten 30 Stunden gingen ausschließlich für die Beziehung zwischen mir und meinem damaligen Partner drauf. Gemeinsam mit meiner Therapeutin ging ich zunächst Chatverläufe durch, in denen sich seine manipulativen Verhaltensmuster herauslesen ließen.

Dann arbeitete ich mich ganz langsam zu Situationen hervor, in denen mein Ex-Freund immer wieder versucht hatte, die Vergangenheit so zu modifizieren, dass ich am Ende an Streitigkeiten Schuld war, die er provoziert hatte.

► Bösartige Narzissten ziehen sich ihre Opfer mittels Manipulation so heran, wie sie sie haben wollen und versuchen, ihr Gegenüber möglichst gefügig zu machen.

► Sie gehen dabei aber so verdeckt vor, dass es mir ohne die Hilfe von außen vermutlich nie gelungen wäre, zu begreifen, dass ich mich in einer gewaltvollen Beziehung befunden hatte.

“Du musst unbedingt an deinem Eifersuchtsproblem arbeiten, wenn du mit mir zusammenbleiben willst”

Die verzerrte Kommunikation mit meinem Ex-Freund sah zum Beispiel aus wie in diesem Chatverlauf:

Er: Meine Ex ist heute in der Stadt. Du weißt schon, die Irre, die noch immer was von mir will und mich stalkt.

Ich: Das tut mir leid.

Er: Wir treffen uns nachher, um was zu trinken. Ich weiß jetzt schon, dass sie wieder mega aufdringlich wird dann. Wie immer, wenn sie Alkohol getrunken hat.

Ich: Jetzt bin ich verwirrt. Können wir vielleicht kurz telefonieren?

Er: Hast du etwa ein Problem damit?

Ich: Nein! Nein, auf keinen Fall, ich bin nur so verwirrt, weil du gesagt hast, dass sie dich stalkt. Ich hoffe, ihr habt Spaß miteinander! Ist doch schön, wenn man sich mit seinem Ex-Partner noch gut versteht!

Er: Du bist manchmal echt eifersüchtig.

Ich: Es tut mir leid. Ich versuche wirklich, nicht eifersüchtig zu sein. Ich war einfach nur verwirrt.

Er: Deine Eifersucht ruiniert unsere ganze Beziehung. Du erzeugst immer so unnötiges Drama!

Ich: Es tut mir leid! Wir müssen deswegen jetzt nicht telefonieren, ich wollte wirklich nicht so böse rüberkommen!

Er: Ist okay, ich verzeihe dir noch mal. Du musst aber unbedingt an deinem Eifersuchtsproblem arbeiten, wenn du mit mir zusammenbleiben willst.

Meine Eltern bezeichneten mich als Satansbraten

Zu einem späteren Zeitpunkt in meiner Therapie kamen wir auch auf meine Eltern zu sprechen. Die hatten mich schon früh als richtigen Satansbraten gezeichnet, der seine Erzieherinnen und die anderen Kinder im Kindergarten terrorisierte.

Über Facebook machte ich meine Kindergärtnerin von damals ausfindig und fragte sie, wie ich damals gewesen war.

Sie beschrieb mich als ruhiges, schüchternes Kind, das nur dann redete, wenn es direkt angesprochen wurde, Konflikten aus dem Weg ging und anderen Kindern lieber den Vortritt ließ, sei es nun beim gemeinsamen Mittagessen oder beim Spielen.

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Es passte so überhaupt nicht mit dem zusammen, was meine Eltern mir über mich erzählt hatten. Die Grundschulzeugnisse, die ich daraufhin von meiner alten Schule anforderten, bestätigten die Ausführungen meine Erzieherin im Kindergarten. Ich hatte in Betragen eine glatte 1 und wurde durchweg als höfliches, aber auch schüchtern bis ängstlich wirkendes Kind beschrieben.

Ich konnte nicht “Nein” sagen – das machte mich manipulierbar

Bis heute habe ich Probleme damit, “Nein!“ zu sagen, wenn ich etwas nicht möchte, weil ich Angst habe, meinem Gegenüber auf die Füße zu treten und als unhöflich oder bösartig wahrgenommen zu werden. Dabei bemühe ich mich, die absolut beste Version von mir selbst zu sein.

Gemeinsam mit meiner Therapeutin arbeite ich nun daran, dieses Muster loszuwerden, denn genau das ist es, was mich so manipulierbar macht und was auch meinem Ex-Freund ein leichtes Spiel mit mir ermöglichte.

Einige der traumatischen Erfahrungen, die ich als Kind und später auch als Erwachsene machen musste, hat mein Gehirn mehr oder weniger erfolgreich verdrängt.

Nur in bestimmten Situationen, in denen Orte, bestimmte Worte und Sätze oder auch ein Geruch mich triggern, schießen mir die Bilder von damals wieder in den Kopf.

Situationen, die vor ein paar Monaten unerträglich gewesen wären, sind heute für mich aushaltbar

Gegen dieses Wiederleben habe ich vor kurzem eine EMDR-Behandlung begonnen, die mir hilft, mich in solchen Momenten eben weniger hilflos und ausgeliefert zu fühlen.

EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, was auf Deutsch so viel wie Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung heißt.

Dabei handelt es sich um eine ganz bestimmte Form der Traumatherapie, mit der besonders belastende Ereignisse besser verarbeitet werden können. Dank dieser Therapie sind Situationen, die noch vor ein paar Monaten für mich unerträglich gewesen wären, heute für mich wieder aushaltbar.

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Natürlich ist es irgendwie unfair, dass ich als Gewaltopfer jetzt so viel Arbeit habe, den ganzen Missbrauch aufzuarbeiten und weder mein Ex-reund noch meine Eltern Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen.

Aber ich bin auch dankbar, dass ich heute an einem Punkt angekommen bin, wo ich mich aktiv gegen Manipulationen und psychische Gewalteinwirkungen wehren kann.

Und zwar, indem ich völlig bei mir selbst bleibe und den Tätern keinen Fuß breit Einlass in meinen Kopf gewähre.