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24/10/2018 13:46 CEST | Aktualisiert 25/10/2018 08:47 CEST

"Elternschule": Ich bin entsetzt, wie Medien Gewalt als Erziehung verkaufen

"In keiner Justizanstalt Deutschlands werden die Insassen so würdelos und menschenverachtend behandelt, wie in dieser 'Kinder- und Jugendklinik'."

Screenshot / privat

Seit dem 11. Oktober läuft in ausgewählten Kinos der Dokumentarfilm “Elternschule”. Der Film handelt von einer Kinderklinik in Gelsenkirchen, in der verhaltensauffällige Kinder therapiert werden. Während die Presse den Film lobt, sind viele Eltern über die propagierten Erziehungsmethoden entsetzt. So auch Kinderforscher Michael Hüter.

Als Historiker und Kindheitsforscher bin ich über den aktuellen Film “Elternschule” aus gleich mehreren Gründen entsetzt.

Zudem wirft der Film ein paar dringliche Fragen auf, die in den bisherigen medialen Kommentaren und Debatten weitgehend ungestellt sind: Welche Motivationen und Absichten verfolgen die beiden Regisseure über eine solche Einrichtung, die “Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen”, ausschließlich einen Kino-Dokumentarfilm in der Länge von 120 Minuten zu drehen?!

Ein Film, der mit hoher Wahrscheinlichkeit ja kaum in den Kinos gesehen, sondern in weiterer Folge wiederholt in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ausgestrahlt wird.

“Elternschule” wird als Dokumentarfilm bezeichnet. Sinn und Zweck eines “Dokumentarfilms” ist, in welchem Ausmaß auch immer, das Für und Wider zumindest ansatzweise zu beleuchten, den Blick auf die Andere- oder Gegenseite zu werfen, andere Wege und Möglichkeiten aufzuzeigen und jedenfalls zu hinterfragen.

Was in dieser Klinik praktiziert wird, ist Kindesmissbrauch

Wieso wird nicht wenigstens für zehn Minuten auch der Kamerablick auf Orte und “Einrichtungen” geworfen, in denen so hochgradig verhaltensauffällige Kinder und vor allem deren Eltern nachhaltig in Würde, Liebe und Empathie geholfen wird? Gewaltfrei.

Mit Verlaub: Was in dieser Klinik (auch) praktiziert wird, ist Kindesmisshandlung und in jedem Fall Kindesmissbrauch. Der renommierte österreichische Psychologe Erwin Ringel stellte einmal fest: “Vorenthaltende (elterliche) Zuneigung ist die ärgste Kindesmisshandlung.”

Entsetzt und besorgt bin ich über die Statements einiger Journalisten und staatstragender Medien wie des WDR, der diesen Film und die darin gezeigten menschen- und kindesverachtenden Methoden als “Geheimnis guter Erziehung” betitelt, und der ARD, der ihn mit “ganzheitliches Verhaltenstraining” bewirbt.

Soviel historisches (faktisches) Wissen sollte jedes Staatsmedium und jeder Journalist haben, dass es exakt solche Einrichtungen und Kliniken mit den gleichen Methoden schon einmal in der jüngeren Geschichte des Sapiens (nicht nur in Deutschland) gab.

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Ebenso sollte den “Machthabenden” – auch Medien – bekannt sein, was ich hier nur kurz ausführen kann: In einem kollektiven gesellschaftlichen Rausch wurde spätestens vom 19. Jahrhundert an im “Bürgertum” die Erziehungsgewalt zur gesellschaftlichen Norm. Nicht nur das Schlagen des Kindes, sondern beispielsweise auch das in der Gelsenkirchener Klinik praktizierte Schreien lassen des (Klein-)Kindes bis fast zur Bewusstlosigkeit, wurde zur mehrheitlichen bürgerlichen Erziehungsnorm.

Aus gedemütigten Kindern werden demütigende Erwachsene

Dieser kollektive Rausch namens “richtiger und guter Erziehung” (Kindesmisshandlung) endete in einem kollektiven Gewaltrausch namens 2. Weltkrieg, Faschismus, Totalitarismus (1).

Sigmund Freud war ein Kind seiner Zeit. Aber er irrte gewaltig, in dem er der Ansicht war, nur eine “Erziehungsdiktatur” könne die “Menschenbestien” niederhalten und domestizieren (2). Aus erniedrigten und gedemütigten Kindern (wie es in dieser Klinik auch praktiziert wird), werden (fast) immer später Erwachsene, die in welcher Form auch immer, sich selbst oder andere – oder beides – erniedrigen, demütigen, zerstören.

Das ist mittlerweile hundertfach (!) wissenschaftlich durch verschiedenste Disziplinen (Pädagogik, Medizin, Neurobiologie und auch der Psychologie) fundiert abgesichert.

Rudolf Höß, von 1940 bis 1943 Kommandant des Konzentrationslagers Ausschwitz, gab nach seiner Verhaftung (unter anderem) zu Protokoll: “Von meinen Eltern war ich so erzogen, dass ich allen Erwachsenen und besonders Älteren mit Achtung und Ehrerbietung zu begegnen hätte, ganz gleich aus welchen Kreisen sie kämen. (...) Ganz besonders wurde ich immer darauf hingewiesen, dass ich Wünsche oder Anordnungen (...) aller Erwachsenen bis zum Dienstpersonal unverzüglich durchzuführen bzw. zu befolgen hätte und mich durch nichts davon abhalten lassen durfte. (...) Soweit Rudolf Höß zum “Geheimnis guter Erziehung“(3).

Der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky und Zeitgenosse Willy Brandts pflegte gerne öffentlich zu sagen: Lernt Geschichte!

“Elternschule” zeigt schwere Kindesmisshandlung

Zurück in das Jahr 2018 und zum Film “Elternschule”: Wenn (Klein-) Kinder hier in einer Klinik in speziellen Dunkelräumen und in (hohen) Gitterbetten alleine gelassen werden und man sie bis zur Erschöpfung schreien lässt (damit sie das “Alleinschlafen” lernen), dann ist das vor allem eines: schwere Kindesmisshandlung, mit verheerenden langfristigen Folgen für das jeweilige Individuum und die gesamte Gesellschaft.

In dieser Klinik werden Kinder lebenslang schwer traumatisiert, mit denen sich dann noch viele Therapeuten und die Pharmaindustrie eine goldene Nase verdienen.

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Das wahre “Geheimnis guter Erziehung” bringt glückliche, gesunde und durchaus leistungsfähige Kinder und Menschen hervor. Sogar Pioniere, Wissenschaftler und Visionäre (4).

In Gelsenkirchen steckt nicht das Geheimnis “guter Erziehung”, sondern dort wird vor allem die Würde aller Beteiligten (Kinder, Eltern, Therapeuten) verletzt. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es auch im deutschen Grundgesetz. In keiner Justizanstalt Deutschlands werden die Insassen so würdelos und menschenverachtend behandelt, wie in dieser im Film “Elternschule” gezeigten “Kinder- und Jugendklinik”.

Und vor allem bitte wieder mehr Ehrlichkeit: In dieser “Einrichtung” geht es doch vor allem darum, aus welchen Gründen auch immer, schwer verhaltensauffällige Kinder möglichst rasch und mit Gewalt (!) wieder “funktionstüchtig” und “gesellschaftsfähig” zu machen. 

Die wenigen Kinder, die im Übrigen fast alle “führenden” Industrienationen nur noch haben, (mit Verlaub) so zu verheizen, wird sich früher oder später bitter rächen – für die gesamte Gemeinschaft. Vor allem: Es geht auch anders, würdevoller, humaner, liebevoller. Für Eltern und Kind.

Gewalt am Kind rächt sich für die gesamte Gesellschaft

Ca. 200.000 Kinder jährlich werden nicht nur “häuslich” in Deutschland misshandelt (5). Die Gewalt am Kind – speziell die psychische – ist längst auch (wieder) in so manche Krippe und Grundschule eingezogen (6). 

Donald Trump und mit ihm zahlreiche weitere Politiker verweigern bekanntlich das Lesen von Büchern. Journalisten dürfen und sollten aber schon noch Bücher lesen. Und vor allem: Lernt aus der Geschichte!

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Gewalt am Kind, gleich in welcher Form und gleich unter welchen ideologischen Vorwand, rächt sich früher oder später an der gesamten Gesellschaft – kultureller, gesellschaftlicher aber auch wirtschaftlicher Art.

Mit der positiven Bewerbung dieses zutiefst MenschenKind verachtenden Films durch einige staatstragende Medien wird wohl kaum die seit Jahren zunehmende Gewalt am Menschen Kind geringer werden, noch ist so ein Film wohl kaum geeignet, die chronisch tiefe Geburtenrate und das Bildungsniveau langfristig zu heben.

Last but not least: Wieder einmal sind es Herren und Frauen in weißen Kitteln, Ärzte und Therapeuten, Psychoanalytiker und Psychologen, die – mit was auch immer begründet – die rohe Gewalt am Kind legitimeren.

Der Historiker Y. N. Harari schrieb (sinngemäß) in einem seiner Bücher: Die Führer kommender totalitärer Systeme werden keine Uniformen mehr tragen.

Ich ergänze noch: Sollten wir jemals wieder einen Faschismus (wo auch immer) haben, dann werden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch Frauen darin eine tragende Rolle spielen und möglicherweise wird sich der nächste Totalitarismus als “ganzheitlich” legitimieren.

Quellenverzeichnis:

1.) Siehe dazu: Michael Hüter, Kindheit 6.7. Ein Manifest, Melk a. d. Donau: Edition Liberi & Mundo, 2018

2.) Ausführlich dazu: Helmut Dahmer, Libido und Gesellschaft, Frankfurt: Suhrkamp, 1973

3.) Zitiert in: Alice Miller, Am Anfang war Erziehung, Frankfurt: Suhrkamp, 1983

4.) Ausführlich dazu: Michael Hüter, Kindheit 6.7. Ein Manifest, Melk a. d. Donau: Edition Liberi & Mundo, 2018

5.) Siehe dazu Michael Tsokos/Saskia Guddat: Deutschland misshandelt seine Kinder, München: Droemer, 2014

6.) Ausführlicher in: Michael Hüter, Kindheit 6.7. Ein Manifest, Melk a. d. Donau: Edition Liberi & Mundo, 2018

(ujo)