ELTERN
17/10/2018 16:02 CEST | Aktualisiert 17/10/2018 16:02 CEST

Alle Eltern wollen hilfsbereite Kinder, machen jedoch einen Fehler

Wenn Kinder nicht mithelfen dürfen, werden sie auf Dauer unzufrieden und frustriert.

filadendron via Getty Images
Es ist ein Grundbedürfnis von Kindern, sich im Haushalt einzubringen. 
  • Kleinkinder haben das natürliche Bedürfnis, hilfreich zu sein und sich in die Gemeinschaft einzubringen. 
  • Viele Eltern schwächen die Hilfsbereitschaft ihrer Kinder jedoch versehentlich ab – mit bleibenden Folgen. 

Das Kleinkind greift beherzt in den Topf mit Mehl, nimmt eine Hand voll und wirft sie mit aller Kraft in Richtung Rührschüssel. Es wirft einen Blick in die Schüssel und strahlt: Ein bisschen Mehl ist sogar in der Schüssel gelandet! Als nächstes sind die Eier dran. Aber erst noch kurz den Finger tief in die Butter bohren. Kein Wunder, dass die Erwachsenen so gerne in der Küche arbeiten – das macht Spaß!

Eltern von kleinen Kindern brauchen starke Nerven und unendlich viel Geduld. Insbesondere, wenn sie zulassen, dass ihr Kleinkind ihnen bei der täglichen Arbeit hilft.

Meist haben sie durch die Hilfe des Kindes am Ende mehr Arbeit. Doch es lohnt sich: Kinder, die im Haushalt mithelfen dürfen, sind nicht zur ausgeglichener und zufriedener – sie werden es auch immer als selbstverständlich betrachten, hilfsbereit zu sein und anderen zur Hand zu gehen.

Doch gerade wenn die Kinder noch sehr klein sind, fällt es Eltern oft schwer, sie mithelfen zu lassen. Einerseits, um die Kinder vor Verletzungen zu schützen. Andererseits, weil es einfach noch mehr Arbeit für sie bedeutet. Das ist absolut verständlich. Allerdings kann es die Hilfsbereitschaft des Kindes stark einschränken. 

Warum Kinder unbedingt mithelfen wollen

Danielle Graf, Bestsellerautorin des Buchs “Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn” und Gründerin des gleichnamigen Blogs erklärt im Gespräch mit der HuffPost, warum Kinder so dringend mitmachen wollen:

Unsere Kinder haben den natürlich angeborenen Wunsch, die Menschen in ihrer Umgebung zu imitieren. Dabei handelt es sich um eine Überlebensstrategie, die sicherstellt, dass bewährte Handlungsweisen verlässlich von einer Generation in die nächste weitergegeben werden.”

Es ist daher sinnvoll, ihnen die Gelegenheit dazu zu geben. Außerdem sind Kinder von Natur aus hilfsbereit und kooperativ. Forscher vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig konnten schon 2015 belegen, dass Kinder von sich aus helfen wollen – ganz ohne Absprache und Belohnung. Es bereitet ihnen Freude.

Doch was passiert, wenn Kinder nicht mithelfen dürfen?

“Wird die Hilfe des Kindes immer wieder zurückgewiesen, wird es diese Art der Kooperation langfristig einstellen und unzufrieden werden”, erklärt Danielle Graf.

Die Kinder bekommen dann das Gefühl, dass sie offenbar nicht dazu in der Lage sind, einen wertvollen Beitrag für die Gemeinschaft leisten zu können. Das ist deswegen problematisch, weil so ihr Grundbedürfnis, zur Bereicherung einer Gemeinschaft beizutragen, nicht erfüllt wird.”

Kinder brauchen Aufgabe mit echter Verantwortung

Es sei ein menschliches Grundbedürfnis, von anderen gebraucht zu werden. Deshalb tun Eltern, die ihren Kindern viel abnehmen, ihnen am Ende keinen Gefallen. Im Gegenteil: Ein Kind, das nie das Gefühl hat, von den Eltern gebraucht zu werden, kann auf Dauer frustriert oder sogar aggressiv werden.

Es wird nur dann zufrieden sein, wenn es Aufgaben mit echter Verantwortung übernehmen darf. Graf erklärt:

“Es müssen gar keine komplizierten Aufgaben sein: Mama tragen helfen, die Katze füttern oder die Sauce im Topf umrühren und vorm Anbrennen retten. Alle Aufgaben, bei denen die Familie (auch nur für einen kurzen Moment) wirklich auf die Mithilfe des Kindes angewiesen ist, damit alles reibungslos laufen kann, befriedigen das Bedürfnis danach, eine Bereicherung für die Gemeinschaft zu sein.”

Mithilfe muss keine Last sein 

Ein Kind, das regelmäßig in die Aufgaben des Familienhaushalts eingebunden wird, wird diese Aufgaben nicht als Last empfinden – solange seine Eltern ihm nicht diese Sichtweise vorleben.

Der Psychologe Peter Gray schreibt in einem Artikel für “Psychology Today”: “Wir empfinden Arbeit als etwas, das Menschen nicht gerne tun und diese Sichtweise übertragen wir häufig auf unsere Kinder. Wir glauben, dass wir Kinder nur dazu bewegen können, mitzuhelfen, wenn wir sie belohnen oder ihnen Strafe androhen.”

Doch sowohl Lob als auch Strafe haben hier den gegenteiligen Effekt. Die Forschung hat gezeigt, dass Kinder von Natur aus hilfsbereit sind, weil sie helfen wollen – nicht, weil sie irgendetwas dafür erwarten. Doch wenn wir Erwachsenen anfangen, sie für ihre Mithilfe zu loben, berauben wir sie versehentlich dieser wunderbaren Eigenschaft.

Kinder sollten nicht gelobt werden, wenn sie mithelfen

Gray schreibt: “Wenn wir Kinder für ihre Hilfe loben oder ihnen sogar eine Belohnung dafür geben, vermitteln wir ihnen die Botschaft, dass Menschen nur dann helfen, wenn sie im Gegenzug dafür auch etwas bekommen.”

Auch Danielle Graf betont, dass Lob die Hilfsbereitschaft des Kindes stark einschränken kann:

“Lob sorgt im Belohnungszentrum des Gehirns für eine Ausschüttung des Glückshormons Dopamin. Dieses Glücksgefühl ist für Kinder natürlich toll, kann aber süchtig machen. Daher kann es passieren, dass Kinder nicht mehr um des Helfens willen helfen, sondern weil sie immer wieder gelobt werden sollen.”

Lob kann jedoch noch weitere negative Folgen für das Kind haben, wie Graf erklärt. Beim Kind könne so der Eindruck entstehen, dass Mama und Papa es nur lieb haben, wenn es hilft – die elterliche Liebe also an Bedingungen geknüpft sei. Das ist eine sehr schlimme Erfahrung für ein Kind.

“Um die (viel stärkere) intrinsische Motivation bei Kindern zu erhalten, sollte man sie nicht mit einem bewertenden ‘Das hast du aber toll gemacht!′ loben, sondern ihnen lieber Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegen bringen. Ein von Herzen ehrliches ‘Danke, dass du mir geholfen hast!’ zeigt Anerkennung, ohne dass die Leistung des Kindes bewertet wird. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied”, erklärt Graf.

Ein Kind, das helfen darf, wächst in jeder Hinsicht

Wem es schwerfällt, sein Kind in die Arbeiten des Familienhaushalts einzubeziehen, der solle sich bewusst machen, dass ein Kind in jeder Hinsicht an der Mithilfe daran wachsen könne, schreibt Peter Gray:

“Diese Hilfe ist langfristig nicht nur gut für euch, sondern auch für euer Kind. Es erwirbt dabei wertvolle Fähigkeiten, ein Gefühl von Unabhängigkeit, Selbstwert und Zugehörigkeit, indem es zum Wohlergehen der Familie beitragen kann.”

(ak)