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14/01/2019 13:55 CET | Aktualisiert 14/01/2019 13:55 CET

Immer mehr Eltern weigern sich, ihre Kinder zu erziehen – Experten stimmen ihnen zu

“Erziehung ist nicht so nett gemeint, wie sie klingt.”

Lisa5201 via Getty Images

Vor ein paar Wochen ging ein Artikel um. Gleich mehrere Personen schickten mir den Text von Silvia Risch, der in der “Hamburger Morgenpost” erschienen war zu und wollten wissen, was ich davon hielt. Bei einem Blick auf den Titel war mir schnell klar, warum dieser Text für Aufsehen sorgte.

Risch hatte etwas zur Sprache gebracht, das viele Menschen wütend und fassungslos macht: Sie hatte nicht nur öffentlich zugegeben, dass sie ihre dreijährige Tochter nicht erzieht – sie hatte auch noch andere Eltern dazu aufgefordert, es ihr gleichzutun.

“Hört auf, eure Kinder zu erziehen!” stand da über einem Artikel, in dem die Mutter erklärte, warum sie ihrer dreijährigen Tochter lieber auf Augenhöhe begegnen möchte und beschrieb, welche positiven Auswirkungen das auf ihr Zusammenleben habe.

“Unerzogen” ist eine Bewegung, die immer mehr Anhänger findet. Eine wachsende Zahl an Eltern will ihre Kinder nicht länger erziehen. Und immer mehr Experten geben ihnen Recht.

Kinder brauchen doch Regeln – oder?!

Ich muss sagen, dass mir der Gedanke anfangs absurd vorkam. Kinder nicht erziehen? Wie sollte das funktionieren? Und was würde das für die Kinder bedeuten?

In meiner Vorstellung sah ich halbnackte Kinder mit Filzstiften in der Hand Amok laufen, während ihre Eltern ihnen milde lächelnd dabei zusahen.

Doch ich hatte den Gedanken von Unerzogen falsch verstanden.

Der Grund, warum manche Eltern das Konzept Erziehung ablehnen, ist, dass sie es als gewaltvoll empfinden.

Die Kinderrechtsaktivistin und Bloggerin Aida S. de Rodriguez sagte in einem Interview mit der Zeitschrift “Eltern”:

Der Gedanke, dass ein Mensch einem anderen Menschen vorschreiben darf, wie er zu sein hat, nur weil zwischen diesen beiden Menschen ein Altersunterschied besteht, ist in unserer Gesellschaft so tief verankert, dass uns die tiefe Ungerechtigkeit darin oft gar nicht mehr auffällt.”

Rodriguez bezeichnete Erziehung in dem Interview als “gemein”, “diskriminierend” und als “Machtmissbrauch” gegenüber Kindern.

Wenn wir Kinder erziehen, machen wir sie zu Objekten

“Natürlich ist für Kinder wichtig, dass wir uns um sie kümmern und sie ins Leben begleiten”, sagte Rodriguez.  “Doch solange wir sie dabei erziehen, machen wir sie zu Objekten, die wir in unserem Sinne formen.”

Ich hatte Erziehung bisher nicht als etwas Negatives empfunden, sondern als etwas, das wir wohlüberlegt und im liebevollsten Sinne unseren Kindern angedeihen lassen, weil wir uns wünschen, dass sie glückliche Menschen werden.

Doch dieser letzte Satz hallte in meinen Gedanken nach. Er erinnerte mich an etwas, das der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther mir einmal gesagt hatte:

“Wenn ein Kind zum Objekt elterlicher Erwartungen, Wünsche, Ziele, Vorstellungen oder Maßnahmen gemacht wird, dann zerreißt das Band des Vertrauens und der Verbundenheit zu den Eltern.”

Hüther meinte, dass wir die Würde eines Kindes verletzen, wenn wir versuchen, es nach unseren Vorstellungen zu formen.

Für das Kind bedeute das großen Schmerz, denn es könne den Eindruck gewinnen, dass es nur geliebt werde, wenn es den Erwartungen seiner Eltern entspreche – nicht aber um seiner Selbst willen.

“Die meisten Kinder reagieren auf diesen Schmerz, indem sie sich anstrengen, das zu machen und so zu werden, wie ihre Eltern das wollen”, sagte Hüther.

“Wenn die Kinder sich derart verbiegen, ist der Schmerz zwar vorbei, aber sie führen im Grunde nie ein glückliches Leben, weil sie nie loslassen können. Sie sind immer unter Anspannung und müssen sich immer zu anstrengen”, sagte der Hirnforscher.

Und jetzt verstand ich es: Erziehung kann tatsächlich als eine Form von Gewalt betrachtet werden. Sogar dann, wenn sie gut gemeint ist.

Denn die Botschaft, die am Ende bei einem Kind ankommt ist: Ich möchte, dass du dich auf eine bestimmte Weise verhältst – du sollst so sein, wie ich es möchte, nicht so, wie du bist.

Aber wir wollen doch nur das Beste für unser Kind!

In den Kommentaren unter dem Text von Silvia Risch und auch unter dem Interview mit Aida S. de Rodriguez sind viele wütende und ungläubige Kommentare zu finden. Die meisten Eltern wehren sich – verständlicherweise – gegen die Vorstellung, dass Erziehung etwas Schlechtes sein könnte.

Denn die meisten Eltern wollen schließlich nur das Beste für ihr Kind. Sie wollen, dass es glücklich ist. Sie wollen, dass es erfolgreich und beliebt ist. Sie wollen, dass es gesund ist. Und das ist wunderbar.

Aber möglicherweise vergessen sie in ihrem Eifer, die Wünsche und Vorstellungen des Kindes zu berücksichtigen und es als den Menschen zu akzeptieren, der es ist – ohne ihn verändern zu wollen.

“Erziehung ist nicht so nett gemeint, wie sie klingt”, sagte mir Ruth Abraham am Telefon. Abraham ist Soziologin, Mutter von drei unerzogenen Kindern und Gründerin des Blogs Derkompass.org.  

“Die Grundunterstellung von erzieherischem Denken ist, dass ich jemanden ändern muss, weil es so, wie er ist, nicht richtig ist. Und das ist die Definition von Gewalt. Aber das ist den meisten Eltern überhaupt nicht bewusst.”

Abraham erklärte mir, dass Eltern ihre Kinder vor allem deshalb erziehen, weil sie Ängste haben.

Die Angst vor den kleinen Tyrannen

Viele Eltern würden zum Beispiel befürchten, dass ihre Kinder zu kleinen Tyrannen werden, wenn sie ihnen zu viel durchgehen lassen.  

Alle Tyrannen, die wir heute auf der Welt haben, wurden erzogen”, erwiderte Abraham. “Wenn man irgendeine Gemeinsamkeit finden kann bei Straftätern, oder bei Menschen, die sich psychopathisch verhalten, dann ist das nicht das Fehlen von Erziehung. Sondern es ist Gewalt.”

Okay, das stimmt wahrscheinlich. Aber wenn ich mein Kind nicht erziehe, muss ich dann nicht befürchten, dass es Schwierigkeiten haben wird, sich in einer Gesellschaft voller Regeln, Grenzen und Gesetzmäßigkeiten zurechtzufinden? Abrahma sagt:

“Wenn ich wirklich Zweifel an der Fähigkeit meines Kindes habe, sich sozial zu verhalten, dann muss ich es erziehen. Allerdings widerspricht das allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die wir haben. Denn die Wissenschaft sagt, dass Menschen von Anfang an soziale Wesen sind und immer fähig zu verstehen, was die Regeln in ihrem Umfeld sind.”

So sieht es auch der bekannte Familientherapeut Jesper Juul. Von ihm stammt der Satz: “Kinder brauchen nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten.”

Das bedeutet zum Beispiel, dass man einem Kind nicht beibringen muss, bitte und danke zu sagen. Jedes Kind wird von alleine lernen, sich höflich zu verhalten, wenn es dieses Verhalten bei den Menschen beobachtet, die ihm am nähesten sind.

Auch Kinder sind Menschen 

Es erfordert ein wenig Übung und auch ein gewisses Umdenken, wenn wir unseren Kindern friedvoll begegnen wollen. Denn fast jeder Mensch, der heute Kinder hat, ist von seinen eigenen Eltern erzogen worden. Wir kennen es gar nicht anders. Viele von uns finden es deshalb okay, Kinder auf gewisse Weise zu unterdrücken.

Wer das ändern möchte, muss zunächst akzeptieren, dass Kinder Menschen sind, die Würde und Respekt verdienen.

Nur weil Kinder kleiner und unerfahrener sind als Erwachsene und noch dazu von ihnen abhängig, sollten sie nicht schlechter behandelt werden.

Warum sollten wir denn mit einem Kind, das wir lieben, anders umgehen als zum Beispiel mit einem Partner, den wir lieben?

Der Bindungsforscher Karl Heinz Brisch sagte mir einmal:

“Wenn Sie in Erwägung ziehen, Ihrem Kind gegenüber irgendeine ‘Methode’ anzuwenden, dann überlegen Sie zuerst, ob Sie etwas Entsprechendes mit Ihrem Partner tun würden. Lautet die Antwort ‘Nein’, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine schlechte Idee – es sei denn, Sie würden zu jenen Erwachsenen gehören, die immer noch nicht einsehen wollen, dass es sich bei Kindern um richtige Menschen handelt.”

Würden wir von unserem Partner erwarten, dass er sich immer so verhält, wie wir es gerade wollen, würde die Beziehung vermutlich schnell darunter leiden.

Stellt euch vor, ihr würdet eurem Partner eine Zahnbürste in den Mund schieben, obwohl er ganz klar gesagt hat, dass er das nicht möchte. Wie würde euer Partner reagieren, wenn ihr ihm den Nachtisch verbietet, nur weil er euren Broccoli-Auflauf nicht essen mochte?

Mehr Frieden für unsere Beziehungen

Anders als Lebenspartner, die wir uns selbst wählen, können Kinder sich ihre Eltern nicht aussuchen. Sie müssen jede Behandlung von ihnen akzeptieren. Und weil sie sie bedingungslos lieben, sind sie meistens sogar bereit, sich so zu verbiegen, wie sie es wollen.

Als Eltern sollten wir uns deshalb immer wieder bewusst machen, wie viel Macht wir haben und uns gut überlegen, wie wir sie einsetzen wollen.

Das bedeutet aber nicht, dass wir nie wieder Nein sagen, oder jedem Konflikt aus dem Weg gehen sollten. Es bedeutet nur, einen Konflikt auf Augenhöhe auszutragen und dabei Kompromisse und Lösungen zu finden, die für beide Seiten akzeptabel sind.

Denn wenn immer nur der Stärkere gewinnt, gerät jede Beziehung ins Ungleichgewicht. Auch die zu unseren Kindern.

(ujo)