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02/05/2018 09:41 CEST | Aktualisiert 02/05/2018 13:30 CEST

Erziehung: Wir Eltern müssen unseren Smartphone-Konsum einschränken

Schon dreijährige Kinder beobachten dieses Suchtverhalten und halten es für Normalität.

Smith Collection via Getty Images
"Ohne Smartphone haben wir mehr Kontakt zu unseren Kindern." 

“Hanna, Sie wissen, dass Sie deutlich besser in Französisch wären, würden Sie nicht ständig aufs Smartphone gucken.”

Die Schülerin sieht mich an – und verblüfft mich mit ihrer Antwort:

“Ja, das weiß ich. Aber es ist wie eine Sucht.”

Wow. In der Regel sind Kinder und Jugendliche zu einer solchen Selbsterkenntnis nicht in der Lage. Aber ist es nicht unsere Aufgabe, sie vor der Smartphone-Sucht zu schützen? Damit sie ihre Noten nicht ruinieren? Damit sie ihre Zeit sinnvoller verwenden?

Ja, das ist unsere Aufgabe. Und wir Eltern müssen uns als Erste – Verzeihung! – kräftig in den Arsch treten. Denn wir Eltern haben längst aufgehört, Vorbilder zu sein – und sind selbst genauso süchtig wie unsere Kinder.

Die Mutter schaute wie hypnotisiert auf ihr Smartphone

Beobachtungen: Ein entsetzlich schreiendes Kind im Zug. Ich wundere mich, denn in der Regel hört ein Kind ja auch irgendwann auf zu schreien. In diesem Fall hat die Mutter aber Besseres zu tun. Sie guckt wie hypnotisiert auf ihr Smartphone.

Ein Papa, der sein ungefähr zweijähriges Kind im Kinderwagen schiebt. Ich bin immer ganz gerührt, wenn ich dergleichen sehe, weil ich lange Zeit Vollzeitpapa  war.

Doch was muss ich beobachten? Das Kind zeigt mit wachen Augen auf einen Bobtail. Der Vater bekommt es leider nicht mit. Denn er wischt gerade über sein Smartphone, und er scheint etwas Lustiges gefunden zu haben. Denn er lächelt sein Smartphone – ein bisschen verliebt – an.

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Es ist doch einfach nur noch grässlich. Überall Erwachsene, die ihr Smartphone in der Hand halten, als sei es eine Prothese, die sie nur nachts entfernen. Das Smartphone gehört inzwischen zum Menschen dazu, als sei es ein unersetzliches Organ wie Herz, Leber oder Lunge. Und wenn sein Akku alle ist, ist das wie der persönliche Supergau, weil das soziale Leben plötzlich stillzustehen scheint.

Was die Erwachsenen vergessen: Schon dreijährige Kinder beobachten dieses Suchtverhalten und halten es für Normalität.

Wen wundert’s also, dass Kinder und Jugendliche Smartphonejunkies werden?

Eltern müssen Smartphonekonsum massiv einschränken

Was tun? Ganz einfach: Wir Eltern sollten beginnen, unseren Smartphonekonsum massiv einzuschränken und so zeigen, dass ein Leben ohne Smartphone nicht nur möglich, sondern attraktiv ist.

Denn man hat plötzlich wieder viel Zeit und Ruhe. Genau das ist das zentrale Problem: Smartphones sind in unserer Welt wie die grauen Herren bei Momo. Zeitdiebe. Und wer nie Zeit hat, ist immer gestresst.

Man schafft auch definitiv weniger, wenn man jeden Tag ständig aufs Smartphone schaut. Zum Beispiel auf der Arbeit, und in vielen Berufen führt das dazu, dass etwas liegen bleibt, und auch das verursacht Stress.

Und wem gelingt es heutzutage eigentlich noch, sich im Alltag wirklich zu erholen? Kaum jemandem. Denn mit einem Smartphone in der Hand ist es unmöglich, einfach mal einen Augenblick die Augen zu schließen und abzuschalten.

Smartphones sind inzwischen längst unverzichtbare Alltagsmanager. Ja ja, der Blick auf die Wetter-App kann nützlich sein. Aber wie oft verpasst man heutzutage wohl manch ein Abenteuer?

Ohne Smartphone haben wir mehr Kontakt zu unseren Kindern 

Beispiel: Während meines Referendariats bin ich mit einer zehnten Klasse in der Prä-Smartphonezeit Kanu gefahren. Am frühen Nachmittag zog ein Unwetter auf. Es schüttete. Aus den Kanus musste Wasser geschöpft werden. Aber hatte ich mit Schülern jemals wieder so viel Spaß? Heute werden Ausflüge abgebrochen oder gleich abgesagt, wenn die Wetter-App Unheil aufziehen sieht.

Mehr zum Thema: Wie ich durch Vorlesen ein viel besserer Vater geworden bin

Weniger Smartphone bedeutet nicht nur generell mehr verbalen Kontakt mit Menschen, sondern mehr Kontakt zu den eigenen Kindern, so lange sie nicht eigene Smartphones haben – man spielt und redet mehr miteinander.

Verlieren wir nicht manchmal schon unsere acht- oder neunjährigen Kinder, wenn wir ihnen täglich zeigen, dass auch wir nicht mehr ohne Smartphone leben können?

Ich rufe dazu auf, ein Experiment zu wagen: Jeden Tag sollten einige Stunden zur smartphonefreien Zeit erklärt werden. Ich glaube, dass langfristig alle dadurch gewinnen. Denn unser Alltag wird entschleunigt, wenn wir nicht mehr ständig erreichbar sind und andere erreichen wollen.

Wenn wir mit dem täglichen Verzicht nicht heute beginnen, werden Menschen, die all das nicht brauchen – die also weder ein Smartphone besitzen noch sich auf Facebook ausbreiten und nicht in WhatsApp-Gruppen sind – wahrscheinlich schon in wenigen Jahren zu einer Art Idiotentest geschickt werden.

Sie werden vermutlich ein Zwangssmartphone verschrieben bekommen und in zwanzig Jahren neben den Schimpansen ein eigenes Gehege im örtlichen Zoo erhalten. (Vermutlich wird ein kleines Gehege reichen.)

 Arne Ulbricht, 46, ist Lehrer und Autor. In seinem Roman ”Nicht von dieser Welt” geht es um einen Lehrer, der an der heutigen Gesellschaft scheitert (und am Ende Amok läuft), weil er sich für ein analoges Leben entschieden hat. Mehr über Arne Ulbricht und seine Bücher auf: www.arneulbricht.de