ELTERN
12/07/2018 17:46 CEST | Aktualisiert 12/07/2018 22:12 CEST

Wenn Eltern laut werden: Was ein Kind fühlt, das angeschrien wird

Verbale Gewalt ist mindestens genauso verletzend wie körperliche.

  • Wenn Kinder von ihren Eltern angeschrien werden, entsteht bei ihnen häufig ein echtes Gefühls-Chaos.
  • Wissenschaftliche Erkenntnisse machen deutlich, warum Eltern sich die Wirkung ihrer Worte bewusst machen müssen. 
  • Oben im Video erklärt ein Kinderarzt: Das ist der oft übersehene Grund, warum Kinder ihren Eltern nicht gehorchen.

Manchmal platzt es einfach aus den Eltern heraus. Die Wut hat sich angestaut. Das Kind wollte partout nicht hören. Die Zeit war knapp. Es ist passiert.

Dass man als Mutter oder Vater auch mal laut wird, ist menschlich. Es bedeutet nicht gleich ein Erziehungsversagen. Aber es sollte sehr ernst genommen werden.

Denn Schreien ist Gift für die kindliche Seele. Es kann auf Dauer eine gesunde Entwicklung beeinträchtigen. Und es kann die Beziehung zwischen Eltern und Kind nachhaltig beschädigen.

Es lohnt sich daher, den Blick durch die Augen des Kindes zu wagen und sich bewusst zu machen, wie es sich anfühlt, wenn der wichtigste Mensch in seinem Universum es anschreit.

Danielle Graf, Bestsellerautorin (“Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn”, Beltz-Verlag) und Betreiberin des gleichnamigen Blogs, beschäftigt sich seit Jahren mit der Gefühlswelt von Kindern und versucht durch ihre Arbeit, zwischen Eltern und Kindern zu vermitteln.

Häufig ist es nämlich ein Missverständnis zwischen Eltern und Kind, das dazu führt, dass die Erwachsenen die Fassung verlieren und laut werden. Sie fühlen sich absichtlich von ihren Kindern provoziert, dabei sind die Kinder von ihrem Entwicklungsstand her oft noch gar nicht dazu in der Lage, vorsätzlich zu handeln.

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“Kinder erreichen erst mit durchschnittlich vier Jahren den Meilenstein des Perspektivwechsels”, sagte Danielle Graf der HuffPost. “Bis dahin können sie sich nicht in andere einfühlen. Das heißt, das Kind kann auch nicht nachvollziehen, dass ein bestimmtes Verhalten von ihm ausgelöst hat, dass der Papa wütend geworden ist”, erklärt sie.

Was ein Kind fühlt, das angeschrien wird

Ein Kind, das angeschrien wird, durchlebt eine Reihe von Gefühlen, die ihm Angst machen können. Da ist Verletzung. Traurigkeit. Herabsetzung. Hilflosigkeit. Verunsicherung. Schuld. Da ist Hilflosigkeit. Und manchmal auch Verzweiflung.

“Das Anschreien ist ein ganz starker Vertrauensbruch in der Wertschätzung des Anderen”, sagt Graf. “Es erschüttert das Vertrauen zwischen Eltern und Kind. Und es kann sich negativ auf die Bindung auswirken.”

In dem Moment, in dem ein Erwachsener laut wird, demonstriere er auch Macht, erklärt Graf. Bei Kindern löse das ein Gefühl der Hilflosigkeit aus:

“Es macht sie unsicher, es macht sie traurig und belastet die Beziehung zum Elternteil.”

Kinder wollen als gleichwertige Mitglieder der Familie wahrgenommen werden. Sie wünschen sich, von ihren Eltern anerkannt und gesehen zu werden.

Ein Kind, das angeschrien wird, wird in seiner Würde verletzt. Und es muss – zumindest in dem Moment – daran zweifeln, ob es wirklich bedingungslos von seinen Eltern geliebt wird.

Die Angst, nicht geliebt zu werden

Bedingungslose Liebe ist nach Ansicht des bekannten Neurologen Gerald Hüther das wichtigste, was jedes Kind braucht, um sich frei entwickeln zu können und seine vollen Potenziale zu entfalten.

Ein Kind muss spüren, dass es so wie es ist, richtig ist. Dass es um seiner selbst willen und bedingungslos geliebt wird. Das ist die wichtigste Erfahrung, die jedes Kind braucht”, sagte Hüther der HuffPost.

Ein Kind, das regelmäßig angeschrien wird, macht jedoch nicht die Erfahrung, dass es sich der elterlichen Liebe absolut sicher sein kann. Auch wenn die Eltern wissen, dass sie ihr Kind bedingungslos lieben, kann das Kind das anders empfinden.

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Ein Kind muss sich immer wieder rückversichern, dass auch wirklich alles in Ordnung ist. Das ist Teil seines evolutionären Erbes. Schließlich ist es von den Eltern abhängig und könnte ohne sie nicht überleben.

Deshalb entstehen bei den Kindern Verlustängste, wenn sie angeschrien werden:

“Kinder haben wahnsinnige Angst, die Liebe ihrer Eltern zu verlieren. Und in so einem Moment fühlen sie das auch: Sie haben tatsächlich Angst, Mama oder Papa könnten mich nicht mehr lieb haben”, sagt Graf.

Der Kampf um Anerkennung 

Damit dieses ungute Gefühl verschwindet, versuchen die Kinder dann, ihr Verhalten entsprechend anzupassen, um die elterliche Zuwendung und Anerkennung zurückzugewinnen.

Das bringt jedoch auf Dauer weitere Probleme mit sich, wie Gerald Hüther erklärt:

“Wenn die Kinder sich derart verbiegen, ist der Schmerz zwar vorbei, aber sie führen im Grunde nie ein glückliches Leben, weil sie nie loslassen können. Sie sind immer unter Anspannung und müssen sich immer zu anstrengen.”

Verbale Gewalt ist genauso schlimm wie körperliche

Unseren Kindern zu Liebe müssen wir uns bewusst machen, dass auch Worte verletzen, ja, sogar Narben hinterlassen können. Mehrere wissenschaftliche Studien haben in den letzten Jahren bewiesen, das verbale Gewalt mindestens genauso schlimme Auswirkungen hat, wie körperliche.

Kinder, die regelmäßig von ihren Eltern angeschrien, beleidigt oder herabgesetzt werden, leiden zum Beispiel häufiger unter Depressionen und Angststörungen. Das haben Psychologen der University of Pittburgh herausgefunden.

Außerdem lügen und stehlen sie als Jugendliche häufiger und verhalten sich aggressiver.

Auch wenn Eltern nur ab und zu zu harter, verbaler Disziplin greifen, können sie Schaden anrichten”, schrieb Studienleiter Ming-Te Wang in einer Pressemitteilung. “Selbst wenn sie Ihr Kind normalerweise unterstützen, ist es immer noch schlecht, wenn sie die Fassung verlieren.”

Denn:

Wenn man schreit, verletzt man das Selbstwertgefühl des Kindes. Es gibt ihm das Gefühl, dass es untauglich ist, wertlos und unbrauchbar ist.”

Untersuchungen am Traumazentrum des Justice Resource Institute im US-Bundesstaat Massachusetts haben zudem gezeigt, dass Kinder, die Opfer von emotionaler Gewalt geworden waren, genauso häufig unter Depressionen, Angstzuständen, Suizidgedanken, geringem Selbstbewusstsein und posttraumatischen Stresssymptomen litten wie gleichaltrige Kinder, die körperliche Misshandlung erlebt hatten.

Schreie hinterlassen Spuren im Gehirn 

Kinder sind besonders anfällig für jede Form von Gewalt, denn ihr Gehirn befindet sich mitten in der Entwicklung. Was sie in der Kindheit erleben, prägt ihre Gehirnstruktur. Das haben Forscher der Harvard University herausgefunden.

“Die Veränderungen sind nicht nur auf physische und sexuelle Gewalt beschränkt; es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass auch verbale Angriffe die Art verändern, wie das Gehirn sich vernetzt”, sagt Martin Teicher, der die Studie leitete.

Eltern müssen Verantwortung übernehmen 

Schreie sind eine Form von Gewalt. Das lässt sich nicht länger leugnen. Um sie zu verhindern, ist es sehr hilfreich, sich als Eltern bewusst zu machen, dass hinter dem kindlichen Verhalten meistens keine bösen Absichten stecken.

Die Kinder wollen ja mit uns zusammenarbeiten. Wir Erwachsenen müssen eben nur sicherstellen, dass wir die Kommunikation mit den Kindern so gestalten, dass möglichst wenig Missverständnisse entstehen.
Und dazu gehört, dass wir ihren Entwicklungsstand kennen”, erklärt Danielle Graf.

Die Erwachsenen müssten daher die Verantwortung übernehmen und sich damit auseinandersetzen, was ihr Kind zu welchem Zeitpunkt kann.

“Wenn ihnen klar wird, dass ihr Kind sie gar nicht vorsätzlich provozieren kann, weil es von seiner Entwicklung her dazu noch gar nicht in der Lage ist, können sie einen ganz anderen Blick auf ihr Kind gewinnen und sich entspannen”, sagt Graf.

Das hilft am Ende nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern. Denn Eltern, die nicht schreien, quälen sich auch nicht mit Selbstvorwürfen – und erziehen glückliche, selbstbewusste Kinder.

 

(kap)