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05/12/2018 17:29 CET | Aktualisiert 06/12/2018 18:38 CET

Eltern: Diese Dinge können Kinder mit 18 Monaten überraschenderweise schon alleine

Ab dem 18. Monat können Eltern ihr Kleinkind langsam an die ersten Schritte zur Selbstständigkeit heranführen.

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Elternsein bedeutet auch, sein Kind immer wieder zu unterstützen (Symbolbild).

Pascal Van Hoorn ist Vater von Zwillingen und Gründer des Blogs “Histoires de Papas” (Geschichten von Vätern), einem positiven und inspirierenden Blog für Väter und Mütter. In seinen Beiträgen gibt Van Hoorn praktische Ratschläge, portraitiert Väter und veröffentlicht Erfahrungsberichte von Experten. In diesem Blog erklärt er, wie Eltern ihre Kinder bereits im Alter weniger Monate nach und nach zu selbstständigen Kindern erziehen können.

Elternsein bedeutet, sein Kind dabei zu unterstützen, ein autonomer und verantwortungsvoller Erwachsener zu werden. Dem Kind hilft das, Zuversicht und Selbstvertrauen zu gewinnen, sowie sein Gefühl der Zugehörigkeit zur Familie zu entwickeln.

Und als Vater – vor allem bei Zwillingen – hilft es mir, allmählich wertvolle Zeit zu gewinnen. 

Natürlich neigen wir dazu, alles für unser Kind zu tun. Das bestärkt zwar uns selbst – “Ach, mein Spatz braucht mich“ – bereitet es aber nicht darauf vor, später mit uns zusammenzuarbeiten.

► Ich bin überzeugt: Schon mit weniger als zwei Jahren können wir die Selbstständigkeit unseres Kindes fördern.

Ab dem 18. Monat (das ist natürlich eine Durchschnittsangabe,  die vom Rhythmus des Kindes abhängt) können wir es langsam, Schritt für Schritt, an die Selbstständigkeit heranführen.

Meiner Erfahrung nach eignen sich dafür die folgenden drei großen Alltagssituationen: 

Mehr zum Thema: “Liebesbrief an mein eigensinniges Kind: Ich werde nicht versuchen, deinen Willen zu brechen”

1. Rund um alle Mahlzeiten

Für ein Kleinkind unter zwei Jahren sind die Mahlzeiten genau die Zeit, die es mit seinen Eltern verbringt. Ja, man braucht dafür Geduld und muss sich darauf einstellen, einen Handgriff 400 Mal zu wiederholen. Und vor allem zu akzeptieren, dass er nicht perfekt ist – und dass man nach zwei Tagen den angetrockneten Brei am Bein des Hochstuhls wiederfindet.

Aber vergessen wir nicht: Heute Zeit zu verlieren, heißt morgen welche zu gewinnen. Und da Mahlzeiten regelmäßig wiederkehren, ist das eine hervorragende Lerngelegenheit.

► Alleine mit dem Löffel essen:

Groß zu werden bedeutet, alleine zu essen. Wenn wir unseren Kindern geduldig zeigen, wie das geht, und akzeptieren, dass sie groß werden, klappt das. Sie lieben es, uns nachzuahmen. Zeigt eurem Kind eine Geste und es wird versuchen, sie nachzumachen.

Meine Zwillinge haben eine völlig unterschiedliche Beziehung zur Nahrung. Für meinen Sohn ist Essen eine wahre Leidenschaft – er liebt meine selbstgekochten Mahlzeiten. Für meine Tochter ist es eher belanglos. Ratet mal, wer schon alleine mit dem Löffel essen kann? Mein Sohn hat sich von Anfang an sehr angestrengt und der Lernprozess war recht einfach. Bei meiner Tochter war das und ist es bis heute anders. Aber jeder hat sein eigenes Tempo.

► Das Lätzchen ausziehen

Ich habe meinen Kindern beigebracht, nach dem Essen das Lätzchen auszuziehen und auf den Tisch zu legen. Anfangs warfen sie es noch grob hin. Mittlerweile machen sie das manchmal feinfühliger und ziehen es (fast) behutsam aus.

► Den Mund saubermachen

Nach dem Essen machen sie sich ganz alleine den Mund sauber. Ich gebe ihnen dazu ein Papiertaschentuch oder eine Serviette und – hopp – wischen sie sich damit über den Mund. Natürlich muss ich manchmal nachwischen, je nachdem, welche Wege der Löffel im Gesicht genommen hat. Ich habe nie verstanden, warum sie ein Karottenstück auf der oberen Wange nicht stört.

► Das Tischchen vom Hochstuhl abwischen

Das ist für meine Kinder ein Spiel. Und für mich eine Arbeit weniger. Zwei Fliegen mit einer Klappe also. Nachdem ich ihnen zwei, drei Mal gezeigt hatte, wie ich mit dem Taschentuch das Tischchen ihres Hochstuhls abwische, haben sie das übernommen. Sie haben auch gemerkt, dass es mit Wasser noch lustiger ist. Seitdem wischen sie auch reflexartig Wasser auf dem Boden auf, wenn sie welches verschütten. In der Familie müssen wir alle im Haushalt zusammenhelfen. 

► Zähne putzen

Als sie die ersten Zähne bekamen, habe ich ihnen eine Zahnbürste in die Hand gesteckt. Damit Zähneputzen wie ein Spiel ist. Ich will nicht lügen, dieses Ziel ist noch nicht ganz erreicht. Aber ich bin überzeugt, dass es eine gute Gewohnheit für später ist.

 

2. Rund ums Anziehen

Anziehen ist ebenfalls eine gute Methode, um Kleinkinder bei der Selbstständigkeit zu unterstützen. Das kann Spaß machen und ist vor allem weniger riskant und klecksig als die Übung mit den Mahlzeiten.

► Beim Heimkommen die Schuhe aufräumen

Wie ihre Eltern müssen auch Kinder nach dem Nachhausekommen die Schuhe ausziehen und vor allem aufräumen. Für Unter-Zweijährige ist es nicht selbstverständlich, dass sie ihre Schuhe alleine ausziehen können. Aber es ist kein Problem, sie aufzuräumen oder sie vor dem Ausgehen zu holen. Richtet im Eingangsbereich einen Platz für die Schuhe der Großen und Kleinen ein. Meine Zwillinge haben das so ganz einfach gelernt.

► Sich ausziehen lernen

Es schien mir einfacher, meinen Zwillingen vor dem Anziehen erst einmal das Ausziehen beizubringen. Mit unter zwei Jahren können sie das natürlich noch nicht ganz selbstständig. Meine Tochter ist geschickter darin und kann sich schon fast alleine ausziehen – und hat dabei ihren Wortschatz erweitert. Sie konnte früher “Strumpfhose“ als “essen“ sagen.                                                    

► Schmutzige Kleidung in den Wäschekorb legen

Alleine ausziehen ist gut, die dreckigen Sachen aufräumen ist besser. Ich habe ihnen einen kleinen Wäschekorb aufgestellt, an den sie gut hinkommen. Dort legen sie abends ihre Kleidung hinein. Auch das ist für sie wie ein Spiel. Sie lieben es, das ganz alleine zu tun. Und für mich ist es eine Sache weniger, die ich für sie erledigen muss.

3. Rund um den Alltag 

Die letzte Situation, bei der Eltern ihre Kinder unter zwei Jahren unterstützen können, selbstständig zu werden, sind schließlich die kleinen Alltagsaufgaben.

► Spielzeug und Bücher aufräumen

Vor dem Schlafengehen habe ich ein kleines Ritual eingeführt, bei dem die Zwillinge ihr Spielzeug und ihre Bücher aufräumen. Ehrlich gesagt, klappt das nicht immer. Die Erfolgsquote liegt schätzungsweise bei 80 Prozent. Gar nicht mal so schlecht. Ich bitte sie, aufzuräumen und beteilige mich dabei. Wir machen das spielerisch, damit das für sie nicht wie ein Zwang wirkt – und das klappt.

► Kleine Taschen in die Krippe oder zur Tagesmutter tragen

Es gibt kleine Thermotaschen, um das Frühstück und die Brotzeit für Kinder zu transportieren. Nachdem meine Kinder mich wochenlang mit diesen Täschchen gesehen hatten, forderte ich sie auf, sie selbst morgens und abends zu tragen. Sie machen das gerne. Klar, was sie wie die Eltern machen dürfen, finden sie lustig.

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Meine persönlichen Tricks 

In diesen verschiedenen Situationen mehr Selbstständigkeit zu erlangen, war relativ einfach in die Tat umzusetzen. Dafür müssen in erster Linie die Eltern mit gutem Beispiel vorangehen und ihr Kind dabei ermutigen. Hier meine vier erprobten Papa-Tricks, um das zu erreichen:

► Langsam zeigen: Für uns ist der Handgriff ein Automatismus, aber für ein Kleinkind ist er eine bahnbrechende Neuheit, die es erst für sich entdecken muss.

► Fehler positiv sehen: Es wird nicht beim ersten Mal perfekt hinhauen. Und sicherlich nicht beim zweiten Mal. Aber das ist nicht schlimm, ein Kind hat das Recht, Fehler zu machen. Es lernt dazu. Zu akzeptieren, dass man sich irrt, ist auch eine schöne Art, Lernen zu lernen.

► Ermutigen und loben: Ein Kind, das übt, selbstständig zu sein, braucht dazu Ansporn. Jeder weitere Schritt ist ein Erfolg. Euer Kind ist glücklich, es versucht oder gar geschafft zu haben – und wir Eltern sind es umso mehr. Und wie sollten wir nicht dahinschmelzen, wenn uns unser Liebling voller Stolz anlächelt, weil er wie ein Großer ganz alleine eine Aufgabe erledigt hat, die bis dahin Mama oder Papa übernommen haben?

► Zusätzliche Zeit einplanen: Wie gesagt, um Selbstständigkeit zu erlernen, braucht ein Kind Zeit. Das ist normal. Damit das klappt, sollten wir eine stressfreie Atmosphäre schaffen und einen ruhigen Moment abwarten, in dem wir uns dafür Zeit nehmen können. Und wenn es mal schnell gehen muss, riskieren wir keine unnötige Familienkrise, sondern erledigen es für unser Kind. Das ist nicht schlimm, es wird noch viele andere Gelegenheiten dazu geben.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der französischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Katharina Wojczenko aus dem Französischen übersetzt und angepasst.  

(nc)