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05/06/2018 12:58 CEST | Aktualisiert 05/06/2018 12:58 CEST

Liebe Eltern: Lasst das Auto zu Hause stehen – eure Kinder werden euch danken

Je weniger Auto, desto früher werden Kinder selbstständig.

kate_sept2004 via Getty Images
Kinder können sich im Bus und vor allem in der Bahn übrigens deutlich mehr bewegen als im Auto. 

Einige Fakten: Momentan sind in Deutschland über 46 Millionen Autos zugelassen.

Da Kinder nicht fahren dürfen und ältere Menschen oft nicht mehr fahren wollen, bedeutet diese Zahl: Quasi jeder Deutsche besitzt ein Auto. Diese zugelassenen Autos sind laut Kraftfahrtbundesamt im Jahr 2016 auf deutschen Straßen 725,8 Milliarden Kilometer gefahren. Das entspricht ungefähr zwei Millionen Mal der Entfernung zum Mond.

Angesichts dieser Zahlen wundert man sich. Denn dass das Autofahren eher schädlich für die Umwelt und damit auch für unsere Gesundheit ist, das weiß, abgesehen von US-Präsident Donald Trump und seinen Sympathisanten, jeder.

Und dass das Autofahren entsetzlichen Lärm verursacht, das weiß auch jeder.

Ohne Auto hat man mehr Zeit für andere Dinge

Wenn man vorsichtig im Umfeld nachhakt, warum das Auto so lebensnotwendig sei, dann bekommt man folgende Standardantworten:

1. “Ich brauche das Auto für die Getränkekästen.“
2. “Ich spare extrem viel Zeit.“

Kurz zu den Argumenten 1 und 2: Getränkekästen werden geliefert und dadurch spart man Zeit. Damit komme ich zum Zeitargument: Ja, auf vielen Strecken ist man mit dem Auto schneller.

Aber welcher Autofahrer denkt eigentlich an Zweitzeitverwertung? In der Bahn habe ich in den zurückliegenden Jahren ungefähr tausend Bücher gelesen und tausend Stunden gearbeitet. Die Tageszeitung lese ich im Bus. Auf dem Fahrrad und zu Fuß entspanne ich mich allein deshalb, weil ich mich bewege.

Der Verzicht aufs Auto entschleunigt den Alltag, man hat Zeit für andere Dinge, und er fördert das eigene Wohlbefinden. Ist wirklich so. Den Verzicht aufs Auto empfinde ich längst als Freiheit und nicht als Entbehrung.

Eltern sind Chauffeure geworden

Doch es gibt noch ein Standardargument für das Auto – das Eltern-Argument.

► “Ohne Auto geht es nicht bei all den Terminen, die die Kinder haben.“

So so. In diesem Zusammenhang hat sich der Begriff Elterntaxi durchgesetzt. Aber wenn man das Fahrverhalten der Eltern beobachtet, geht dieser Begriff am Kern des Problems vorbei. Denn ein Taxi ruft man, wenn man es wirklich braucht.

Eltern sind eher Chauffeure, dauerhaft zum Einsatz bereit. Morgens werden die Kinder zu ihren Schulen oder in die Kita gefahren, am frühen Nachmittag abgeholt.

Dann werden sie wieder ins Auto gepackt, und nachdem man Kind 1 vor der Turnhalle abgeliefert hat, parkt man sein Auto im Parkhaus (in dem sich die Abgase konzentrieren), geht mit Kind 2 eine neue Hose kaufen, anschließend bezahlt man die Gebühren, und holt Kind 1 wieder ab.

Das Auto als einziges Fortbewegungsmittel

Das ist doch… wie bei Loriot. Einfach absurd. Und zwar aus vielen Gründen:

Kinder sind junge Menschen mit extremem Bewegungsdrang. Wenn nun aber der Klassenraum der erste Ort ist, an dem sie sich bewegen können, weil sie bis vor die Schule gebracht worden sind, wie sieht es dann mit der Konzentrationsfähigkeit der Kinder aus?

Kinder bekommen durch den Eltern-Shuttleservice beigebracht: Ein Auto ist das einzige Fortbewegungsmittel, und da ich nicht Auto fahren darf, muss es halt Mami (oder in seltenen Fällen Papi) machen.

Das stimmt aber nicht: Es ist möglich, mit dem Bus oder mit dem Fahrrad (sobald das Kind im Kindersitz sitzen und später selbst fahren kann) und lange Strecken mit der Bahn zu fahren und oft kann man auch zu Fuß gehen. All das… geht!

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Anschnallgurte sind wie Zwangsjacken für Kinder

Nur: Viele probieren es gar nicht erst, denn das Auto steht ja vor der Tür, weshalb man nicht mal die acht Minuten zur Bushaltestelle laufen muss.

Kinder können sich im Bus und vor allem in der Bahn übrigens deutlich mehr bewegen als im Auto (abgesehen von Stoßzeiten findet man auch meistens einen Platz). Denn sie werden dort nicht angeschnallt.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Eltern schnallen ihre Kinder an, weil sie nicht auf die vermeintlichen Vorzüge des Autos verzichten wollen. Anschnallgurte sind in dem Alter wie Zwangsjacken für Erwachsene. Aber, da man die Kinder früh daran gewöhnt, merken sie es nicht mal.

Ein weiteres Argument gegen den Autoirrsinn: Je weniger Auto, desto früher werden Kinder selbstständig. Desto früher trauen sie sich zu, etwas allein zu machen. Sie sind, wenn sie etwas allein geschafft haben, stolz und strahlen einen richtig an.

Und last but not least das zentrale Argument, das durch ewiges Wiederholen nicht falscher wird: Für die Umwelt und für die Luft, also für die direkte Umgebung, in der die Kinder aufwachsen, bedeutet jede unterlassene Autofahrt konkret weniger SMOG und weniger Lärm.

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Lasst das Auto mal stehen

Meine Kinder sind übrigens ziemlich normale Kinder mit ziemlich normalen Marotten (zu viel League of Legends, zu viel Gezicke, zu viel Gemecker, wenn es um Gemüse geht, und vieles mehr). Sie gelten aber in unserem Freundeskreis als sehr selbstständig.

Das finde ich immer lustig. Als ich meinen Vater neulich darauf ansprach, hat er gelacht und gesagt: “Früher waren alle Kinder so. Damals gab es gar keine Helikoptereltern.“

Damit meinte er nicht die Nachkriegszeit, sondern die Achtziger. Früher war gewiss nicht alles besser. Aber vieles war eben auch nicht schlechter. Dass man seinen Kindern viel mehr zugetraut hat und seine zwölfjährigen Jungs nicht um fünf zum Sport gekarrt hat, das wiederum war definitiv besser.

Also, liebe Eltern: Testet es einfach mal! Lasst das Auto tagsüber stehen. Holt die Kinder abends von wo auch immer ab – dann freuen sie sich vielleicht sogar richtig und sehen in dieser Autofahrt etwas Besonderes. Und darüber, dass sie den Rest des Tages ein bisschen selbstständig sein dürfen – darüber freuen sie sich auch.

(jg)