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16/01/2018 11:43 CET | Aktualisiert 01/02/2018 16:57 CET

Das mit der achtsamen Erziehung ist eine Lüge

Ich habe aufgehört mir einzureden, dass das Muttersein immer schön sein muss.

menerva
Menerva liebt ihre Tochter über alles, aber sie liebt nicht jeden Tag das Muttersein.

Ich liebe mein Kind über alles – das einmal vorweg. Merkt euch das, daran werdet ihr vielleicht im Laufe des Textes zweifeln.

Und vielleicht sollten wir uns darüber einig sein, dass jede Mutter ihre Kinder liebt, ganz abgesehen davon, wie oft sie über das Muttersein jammert, es ihr zu viel wird, oder sich die Scheißtage häufen.

Die große Lüge

Als Schwangere habe ich zum ersten Mal Mamablogs verschlungen. Alles, was mir Google ausgespuckt hat, habe ich angeklickt und durchgelesen.

Einige schreiben darüber, wie einfach und pflegeleicht Kinder seien, wenn man nur achtsam genug mit ihnen umgeht.

Sogar alltägliche Umgangsformen wie “Danke” und “Bitte” müsse man ihnen nicht mehr beibringen. Sich zu entschuldigen, sei auch nicht mehr wichtig. 

“Na das klingt eh einfach, warum regen sich dann so viele auf?”, dachte ich mir als nichts ahnende Schwangere dann.

Wo anders las ich, dass Mütter, denen das Muttersein zu viel sei, einfach unfähig seien. Ja, dort stand wirklich das Wort “unfähig”.

Auf Instagram gab es auch so gut wie nur Bilder von lachenden Kindern, die zu den oben genannten Beschreibungen passten. Es schien alles viel zu einfach, viel zu schön und trotzdem nicht realitätsfern zu sein.

Es sah echt aus. Ich glaubte diesem Bild der perfekten Mutterschaft sofort – bis ich Mutter wurde.

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Heute habe ich über 1000 Filter für solche Worte und Bilder, aber ich habe das Gefühl, belogen worden zu sein. Als Schwangere stehst du solchen Informationen und Eindrücken schutzlos gegenüber.

Wenn du dann später als Mutter nach einem Tantrum deines Kindes einfach nicht mehr weiter weißt und heulend in der Ecke hockst, dann weißt du genau:
Du bist eine Scheißmutter! Vor allem bist du aber unfähig!

Der Tod der Achtsamkeit

Wenn dich dein Kind nach einem langen Tag des erschöpften Mutterseins um halb vier in der Früh weckt, um dir du zeigen, dass es einen Popo hat – spätestens dann wirst du von allen guten Geistern der Achtsamkeit verlassen.

Dann gibt es gute Tage. Richtig gute. Instagram-reife Tage, in denen du dir ein innerliches High-Five gibst und das Gefühl hast, Erziehungsbücher schreiben zu können.

Ja, die gibt es, ich habe aber aufgehört mir einzureden, dass das Muttersein immer schön sein muss.

Jede Münze hat nämlich zwei Seiten und die Mutterschaft ist ebenso. Sie ist schön, aber verdammt anstrengend.

Solche Situationen kommen nämlich auch vor:

Dein Kind regt sich auf, schreit wie am Spieß, haut sich auf den Boden und stampft mit den Füßen, um diese Aufregung auszudrücken.

Dein Kind ist wütend, weil es im eiskalten Winter ohne Jacke und Mütze aus dem Haus will.

Draußen schneit es, aber nein, Jacke und Mütze sollen daheim bleiben. Egal wie spielerisch du versuchst es anzuziehen, es klappt nicht. An diesem Tag blieben wir eben daheim.

In manchen Situationen kannst du versuchen, diese achtsamen Methoden in all ihren Samthandschuhen anzuwenden – it ain´t gonna help.

Du kannst auf Augenhöhe gehen und dann eine Watschn von deinem Kind kassieren, anstatt, dass es dir zuhört. Ja, Kinder schlagen zu. Sogar fest!

Dann reißt du dich zusammen und erklärst warum das falsch ist, bevor du die zweite Watschn kassierst. Kommt vor.

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Manchmal wünschte ich mir, ich wäre keine Mutter. Ich liebe sie – erinnert euch bitte an den ersten Satz –, aber ich liebe nicht jeden Tag das Muttersein.

Und ich bin ein großer Fan der Achtsamkeit, weil die Bedeutung einfach eine sehr schöne ist und irgendwo auch einen logischen Kern hat, aber in echten Extremsituationen, hilft es – mir persönlich – nichts. Es ist ein Prozess, durch den ich als Mutter anscheinend durchgefallen bin.

Ich bin achtsam mit mir

Mir persönlich hilft eine andere Methode. Ich wende die Achtsamkeit sehr wohl noch an, aber an mir selbst und es projiziert sich gut auf unsere Mutter-Tochter-Beziehung.

Ich habe anerkannt und endlich akzeptiert, dass es Scheißtage gibt. Sie dürfen passieren und man darf – vor allem als Mutter – auch einmal Tage haben, die scheiße sind.

Im Vordergrund ist die Liebe zum Kind und das Vergeben sich selbst gegenüber, weil wir verdammt noch einmal Menschen sind, die an manchen Tagen leichter kaputt gehen als an anderen.

Manchmal muss man schlechte Tage zulassen, sein dürfen, dann aber auslaufen, – oder aussaufen – , ausweinen, ausatmen, austanzen, einfach loswerden, indem du etwas Negatives, als etwas Positives wieder ausatmest und raus in die Welt stellst.

Damit der Morgen mit neuen Herausforderungen, Liebe, Erfahrungen und Leben kommen kann und darf.

Sei achtsam zu dir, damit du später auch leichter mit deinem Kind achtsam sein kannst. Vergiss die gepostete Perfektion auf Social Media und nimm die imperfekte Realität, die du fühlen und schmecken kannst.

Wir sind so sehr mit Selbstkritik beschäftigt, dass es gar keinen Platz mehr für die Selbstliebe gibt. Und genau darauf sollten wir achtsam achten, damit wieder Platz für das Wesentliche entsteht.

Der Beitrag erschien zuerst auf Hotel Mama, dem Blog der Autorin.

Mernerva Hammad ist freie Journalistin, Wiener Mutti mit Migrationsblabla und führt seit einem Jahr den Blog “Hotel Mama”. Ihre Hauptthemen sind Lebensgeschichten von Frauen aus aller Welt, Mutterschaft und Feminismus, Multikulti-Lifestyle und Reisen mit Kind.

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(kap)