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18/07/2018 13:21 CEST | Aktualisiert 18/07/2018 13:44 CEST

An die Familie, der ich meine Eizellen gespendet habe

"Egal was passiert, ihr werdet immer meine Liebe haben."

Nadezhda1906 via Getty Images
Ihr sollt wissen, dass ich an euch denke – und an den kleinen Jungen, den ihr bekommen habt.

Vor einer Weile machte ich einen IVF-Zyklus durch, um euch meine Eizellen zu spenden – einem Paar in den Dreißigern, das ich nicht kannte. Warum? Weil es für mich mit 35 Jahren hieß: Jetzt oder nie.

Weil ein großzügiger Samenspender uns den Traum einer Familie ermöglicht hat und ich mich verpflichtet fühlte, etwas zurückzugeben. Es ging um Integrität, Dankbarkeit und darum, das Richtige zu tun.

Ich fühlte mich sehr stark dafür verantwortlich, dass es funktionieren musste. Ich wollte nicht injizierte Arzneien, Terminverlegungen, überstimulierte Eierstöcke und das ewige Hin- und Herfahren zur Kinderwunschklinik durchmachen, nur damit ihr am Ende nicht schwanger werdet.

Das Geschenk der Hoffnung

Ich hielt eure Träume in meinen Händen und ich hätte es nicht ertragen, euch enttäuschen zu müssen. Doch dann erklärte mir die Beraterin der Klinik, dass es gar nicht darum geht. Schließlich würde ich euch kein Baby schenken, sondern eine Chance – das war das Geschenk, ob es funktionieren würde oder nicht.

Dadurch sah ich die ganze Sache viel entspannter und mir wurde klar, dass das Geschenk nicht nur meine Eizellen waren – es war ein Geschenk der Hoffnung, der Menschlichkeit, der Liebe.

Das klingt wahrscheinlich sehr merkwürdig und ziemlich kitschig. Wir haben uns nie kennengelernt. Ich weiß nicht, wer ihr seid. Aber das Geschenk der Liebe schwindet nicht. Es bleibt.

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Wir haben jetzt eine Verbindung

Früher dachte ich, dass eine Spende leidenschaftslos sei – etwas Selbstloses, das man schnell hinter sich lässt. Aber so fühlt es sich nicht an. Natürlich muss dir “klar” sein, dass auch wenn du deine Eizellen, Sperma oder deinen Mutterleib ausleihst, es nicht dein Kind ist – niemand möchte diese Art von Verpflichtungen bei einem solchen Verfahren.

Aber darüber hinaus ist eine Spende nichts Belangloses, das man einfach gibt und dann vergisst – und auch nicht einfach nur eine Verwendung für ansonsten verschwendete Zellen.

Denn jetzt gibt es eine Verbindung zwischen eurer und meiner Familie. Es ist eine seltsame, aber wundervolle Sache, wie ein Schatz, der in einer Schublade versteckt ist.

Ihr seid mir nichts schuldig

Ihr sollt wissen, dass ich an euch denke – und an den kleinen Jungen, den ihr bekommen habt – und dass ihr euch davor nicht fürchten müsst. Ich frage mich, ob euer Sohn meinen Kindern ähnlich ist und ob sie sich verstehen würden.

Ich hoffe, je nach dem wie weit meine DNA greift, dass euer Sohn nur das Beste von mir geerbt hat – mein Gedächtnis, aber nicht meine Unsportlichkeit, meine schönen Haare aber nicht meine furchtbare Haut.

Ich weiß, dass er nur das Beste von euch aufnehmen wird. Denkt ihr manchmal an mich? Fragt ihr euch manchmal wie ich aussehe, denkt ihr an meine Kinder, die irgendwie die Geschwister eures Sohnes sind, aber eigentlich auch nicht?

Ich möchte nicht, dass ihr denkt, dass ihr mir etwas schuldig seid, oder denkt, dass ich ein perfekter Engel bin.

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Ihr habt mir auch geholfen

Ich hoffe, dass ihr mutig gewesen seid und eurem Sohn erzählt habt, dass ich Teil seiner Geschichte bin.

Ich hoffe, dass er sich dadurch besonders fühlt, dass er weiß, dass er so sehr gewollt war, dass wir zusammengearbeitet haben, um ihn auf die Welt zu bringen.

Ich hoffe, dass er dadurch an Güte gewinnt und Vertrauen in die Menschheit entwickelt.

Ihr habt mir geholfen, meinen eigenen Kindern beizubringen, wie wichtig es ist, jemandem zu helfen, einfach nur, weil man es kann.

Aber am meisten hoffe ich, dass es keine Geheimnisse gibt. Dass – wenn er eines Tages zu mir kommen sollte, dies aus Neugier und Interesse geschieht – und nicht aus Schmerz und Verlust.

In einer Zeit, in der die genetische Herkunft online zu finden ist, bleiben Geheimnisse nicht verdeckt. Darum hoffe ich, dass seine Wahrheit mit Liebe geteilt wird und dass er nicht alleine am Computer darüber stolpern wird. Wenn ihr es ihm noch nicht erzählt habt, seid mutig. 

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Ihr müsst keine Angst haben

Als Mutter von Spenderkindern, die inzwischen schon Teenager sind, weiß ich, dass man sich dafür nicht schämen und auch keine Angst haben muss. Er wird sich wohlfühlen, wenn ihr es ihm gut erklärt.

Eines Tages, wenn unsere Kinder groß sind, werden wir uns vielleicht treffen. Ich hoffe, euer Sohn wird die Möglichkeit haben, uns zu kontaktieren, wenn er es möchte – meine Familie ist für ihn da und auch für euch. 

Es würde mich interessieren, wie unsere kuriose Verbindung vielleicht unsere Leben auf neuen Wegen bereichern könnte. Wenn er sich aber dafür entscheidet uns nicht finden zu wollen, ist das auch gut.

Das Spenden war eine unglaublich positive Sache in meinem Leben und ich habe keine Erwartungen.

Egal was passiert, ihr werdet immer meine Liebe haben.

Eure Spenderin

 

Der Artikel erschien zuerst bei HuffPost UK und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

(glm)