POLITIK
02/08/2018 22:24 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 22:45 CEST

Europa hat eine Völkerwanderung erlebt, die kaum jemand mehr wahrnimmt

Migration ist in weiten Teilen eine Erfolgsgeschichte – trotzdem knallen vielen Deutschen leicht die Sicherungen durch.

Michaela Rehle / Reuters
Flüchtlingskinder an der österreichisch-deutschen Grenze bei Passau. (Archivbild vom Oktober 2015)

Wir müssen über das Thema Migration reden. Und darüber, wie leicht den Deutschen derzeit die Sicherungen durchknallen.

Zwei Fakten vorweg:

  1. Vier der fünf wichtigsten Herkunftsländer von Deutschen mit Migrationshintergrund sind Stand 2017 christlich.
  2. Es gibt in Deutschland etwa doppelt so viele Menschen mit polnischem Wurzeln wie Menschen mit arabischer Familiengeschichte. Und damit sind ALLE arabischen Staaten gemeint. Inklusive Syrien. Stand 2017, also nach dem Höhepunkt der Flüchtlingsmigration.

Was machen wir? Wir reden über den Islam

Tatsächlich aber ist unser Blick auf das Thema merkwürdig eng. Wenn es um Migration geht, reden wir seit Jahren nur noch über den Islam. Das ist ein Sieg jener rechten Kräfte in Deutschland, denen es in Wahrheit nicht um eine Debatte um Einwanderung, sondern um den Hass auf eine Weltreligion geht.

Hier zeigt sich ein Reflex, der in diesen Debatten immer wieder greift: Migration wird als Bedrohung gesehen. Und wir versteifen uns immer wieder auf das, was uns am Fremdesten und damit am Bedrohlichsten vorkommt.

Der Zuzug aus Osteuropa

Daran musste ich denken, als ich kürzlich in der “Neuen Zürcher Zeitung“ über eine Datenanalyse des Soziologen Thomas Sobotka las. Er untersuchte die Auswanderungsbewegungen aus Osteuropa von 1990 bis 2017.

► Seinen Erkenntnissen nach haben binnen 27 Jahren insgesamt 12 bis 15 Millionen Menschen ihre Heimat im Osten des Kontinents verlassen.

► Allein Lettland hat demnach 25 Prozent seiner Bevölkerung auf diese Weise verloren. In Bulgarien sind es 19 Prozent, in Rumänien 17 Prozent. Die meisten fanden innerhalb der Europäischen Union eine neue Heimat.

Polen hat so viele Einwohner verloren, dass die rechte Regierung nun darüber nachdenkt, Gastarbeiter aus den Philippinen anzuwerben.

► In Deutschland etwa wäre die Bevölkerungszahl ohne Einwanderung um 4,2 Prozent gesunken. Dass sie dennoch stieg, liegt zu einem großen Teil an den Zuwanderern aus Osteuropa.

► Nicht eingerechnet ist hier die Migration aus vielen ehemaligen Sowjetrepubliken.

Wie die Fertighäuser für Spätaussiedler die Leute erzürnten

Ich komme aus einer kleinen Stadt in Hessen, die in den 1990er-Jahren Hunderte Spätaussiedler aus den Nachfolgestaaten der UdSSR aufgenommen hat. Für sie wurde eine kleine Siedlung aus Fertighäusern gebaut. Allein das erzürnte so manchen Kleinstädter.

In meiner Nachbarschaft redeten sich die Menschen in Rage und sprachen davon, dass man sich nun bewaffnen müsste. Wer könne denn garantieren, dass die Spätaussiedler sich nicht durch Einbruch einen Nebenerwerb erschließen würden? Dass manche der neuen Bürger tagsüber Wodka tranken und hier und da etwas Müll produzierten, heizte die Stimmung zusätzlich an.

Das Fremde und Bedrohliche hatte plötzlich ein Gesicht.

Die Angst vor dem Anderen ist verschwendete Energie

Wir fingen irgendwann an, mit den Jüngeren Fußball zu spielen. Später trafen wir uns fast jeden Tag, sprachen mit den neuen Bürgern über ihre Geschichte, entdeckten auf diese Weise auch eine 30-malige sowjetische Fußballnationalspielerin, die wir in die Frauen-Bundesliga vermittelten.

Irgendwann merkten auch die Scharfmacher um uns herum, dass die Angst vor dem Anderen verschwendete Lebensenergie ist. Heute sind die Russlanddeutschen bestens in meiner hessischen Heimat integriert.

Die Einwanderer von damals arbeiten heute zum Teil in leitenden Positionen. Sie übernehmen Verantwortung bei der Bundeswehr, in den mittelständischen Betrieben, als Unternehmer oder in Vereinen. Deutschland hat sich dadurch zum Besseren gewandelt.

Auch wenn ich heute nur schwer verstehe, warum überproportional viele Russlanddeutsche die AfD wählen – in der sich ausgerechnet jene früheren Angstbürger tummeln, die sich gegen die Ankunft der Menschen aus der früheren Sowjetunion zur Wehr setzen wollten.

Die Erwartung: Die “Ausländer” sollen in Vorleistung gehen

Die Angst vor Einwanderern hat in Deutschland eine lange Geschichte. Und sie hat eine Konstante: Stets wird von den “Ausländern“ erwartet, dass sie in Vorleistung treten müssen. Von einer Verantwortung der deutschen Gesellschaft gegenüber den Migranten ist nur selten die Rede.

Das zeigt nicht zuletzt die quälend lang geführte Debatte darüber, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist.

Dass das Denken über Migration seit Jahren auf den Islam reduziert wird, ist da nur der nächste Schritt. Obwohl Religion im deutschen Alltag seit Jahrzehnten eine immer unwichtigere Rolle spielt, gelingt es den Scharfmachern auf diese Weise, eine beinahe unüberwindbare Angstbarriere aufzubauen.

Der Islam ist nun das “Fremde“ und “Bedrohliche“. Was natürlich mal wieder Unsinn ist.

Migration ist größtenteils eine Erfolgsgeschichte

Und doch es gelingt den Rechten, sogar das linke Lager auf dieses Denkschema festzunageln. Denn wenn fortschrittlich denkende Menschen – wie im Fall Mesut Özil – die Themen Integration und Zuwanderung selbst nur noch vor dem Hintergrund des Islam diskutieren, dann haben die Rechten gewonnen. Egal, wer am Ende die besseren Argumente hat.

Stattdessen sollten wir uns eigentlich viel öfter daran erinnern, dass Migration und Integration in weiten Teilen Westeuropas eine große Erfolgsgeschichte sind. Statt uns selbst mit einer Angstdebatte aufzuhalten, können wir auf die große Migrationsbewegung der Osteuropäer verweisen.

Sie kamen einst auch als Fremde. Für manche Deutsche hatten sie auch etwas “Bedrohliches“. Heute sind sie unverzichtbar für dieses Land.

(sk)