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19/06/2018 23:34 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 02:39 CEST

Ohne Unterstützung der Menschen vor Ort kommt man als Flüchtling nicht weit

Salomon Ykealo erzählt von seiner Flucht aus Eritrea.

salomon ykealo

Ich heiße Salomon Ykealo und ich komme aus Eritrea. Geboren wurde ich in Himbrti, einem Ort etwa 35 km westlich der Hauptstadt Asmara.

Mit Sechzehn musste ich meine Heimat verlassen wegen des Unabhängigkeits-Kriegs mit Äthiopien, das war 1979. Mein Vater war Mitglied der eritreischen Untergrundbewegung und hatte bereits ein Jahr zuvor das Land verlassen.

Zuerst floh ich in den Sudan, wo mein Vater mittlerweile lebte. Von dort kam ich dann 1980 nach Deutschland. Zusammen mit etwa 250 anderen Eritreern, aber doch allein, ohne meine Familie. Im Vergleich zu heute war die Asylpolitik nicht polarisiert.

Die Ankunft war wie eine Marslandung

Untergebracht wurden wir in Konstanz in einer ehemaligen französischen Kaserne, bevor wir in ein heruntergekommenes Haus in Willisbach bei Heilbronn transferiert wurden.

Das war ein Schock damals, wir hatten nicht damit gerechnet, in Deutschland in so einer Ruine leben zu müssen. Es regnete durch das Dach, alles war klamm. Nur durch Vermittlung einer Bekannten und über die Caritas haben wir es damals geschafft, eine bessere Unterkunft zu finden.

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Für mich war die Ankunft in Deutschland wie eine Marslandung. Noch vom Flugzeug aus staunte ich, warum alles so weiß wie Watte war - ich kannte einfach noch keinen Schnee. Alles kam mir so extrem fremd vor, und ich hatte Angst. 

 

Es gab absolut nichts Vertrautes, noch dazu war ich ja ganz allein. Ich war erschüttert aber zugleich hoffnungsvoll, ein neues Leben beginnen zu können. Aber man weiß ja nicht, wohin die Fahrt geht.

Ich hatte Glück, weil ich Menschen gefunden habe, die mir geholfen haben. Die rechtliche Anerkennung als Flüchtling ist zwar sehr wichtig; dennoch kommt man als Flüchtling nicht weit, wenn die Leute vor Ort einen nicht unterstützen.

  • Eritrea im Jahr 1980: Der bewaffnete Kampf gegen die äthiopische Besatzung dauerte von 1961 bis 1991. Im Laufe des Kriegs kam es auch zum Konflikt zwischen rivalisierenden eritreischen Rebellengruppen, der 1980 neu entflammte.
  • Deutschland im Jahr 1980: Im Januar wird die Bundespartei der GRÜNEN gegründet. Auf dem Münchner Oktoberfest verüben Neonazis einen Bombenanschlag, bei dem 23 Menschen getötet und 200 verletzt werden.

Die Ängste sind nicht verschwunden

Ich selbst bin jetzt seit 25 Jahren Deutscher, und ich lebe gern hier. Die Ängste sind aber nicht ganz verschwunden und kommen immer wieder, vor allem jetzt mit dem Erstarken der rechten Parteien.

Es gibt Beispiele aus der Geschichte, die zeigen, dass eine Gesellschaft in falsches Fahrwasser geraten kann. Dagegen muss sie kämpfen. Und gegen den Rassismus muss man sein Gesicht zeigen und sich wehren.

Heute lebe ich in Frankfurt, und habe zwei Kinder. Ich bin kaufmännischer Angestellter und arbeite auch als Dolmetscher - mit Flüchtlingen. Das ist beinahe etwas ironisch, denn so schließt sich ein Kreis. Die eigene Geschichte lässt einen eben nie ganz los.

Die Schicksale der heutigen Flüchtlinge machen mich immer wieder betroffen, weil ich genau weiß, wie diesen Menschen zumute ist. Einmal Flüchtling, immer Flüchtling. Das klingt erstmal negativ, aber für diese Erfahrung bin ich dankbar.

(Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Veit Lindner)

(ben)

1980 bis 1989