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19/06/2018 23:39 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 13:14 CEST

Ich bin zweimal vor einer Diktatur geflohen – was ich den Deutschen sagen will

Arasch Bromand erzählt von seiner Flucht aus der DDR.

arasch bromand

Ich heiße Arasch Bromand und bin 1989 aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland geflohen. Geboren wurde ich 1963 in Teheran im Iran, dem Land, in dem ich auch aufgewachsen bin.

Für meine Familie und mich war die Lage dort nach der Islamischen Revolution 1979 unerträglich geworden. Ich selbst bin Atheist und gehörte einer linken Partei an, die von den religiösen Fundamentalisten verboten wurde. Sämtliche Parteiführer wurden verhaftet. Mein Vater war in den intellektuellen Kreisen bekannt, nicht nur als Philosoph, sondern auch als Chefredakteur einer Zeitung, die ebenfalls verboten wurde.

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1983 flüchteten wir zunächst nach Afghanistan. Viele Möglichkeiten hatten wir nicht, da der Weg in den Westen durch den Krieg mit dem Irak versperrt war.

In Afghanistan habe ich eine Perserin geheiratet und bin drei Jahre später, im Jahr 1986, mit meiner Frau in die DDR gegangen. Zuerst haben wir in Leipzig gewohnt, dann in Berlin.

Von der religiösen Diktatur in die kommunistische Diktatur

Der Anfang dort war sehr hart für mich. Ich fühlte mich wie ein kleines Baby, weil ich die Menschen dort nicht verstand, weder lesen, noch schreiben konnte. Ich sprach nur Russisch, was die Menschen nicht mochten, und Englisch, was sie nicht konnten.

Weil in den Geschäften die Verpackungen alle gleich aussahen und ich nicht richtig lesen konnte, kam es oft vor, dass ich die falschen Sachen mit nach Hause nahm. Acht Stunden täglich habe ich Deutsch gebüffelt. Und nach und nach lernte ich es.

Doch die Zustände in der DDR waren für mich nicht hinnehmbar. Ich war aus einer Diktatur geflohen und in der nächsten gelandet.

In der neuen Heimat wollte man uns verbieten, frei mit anderen Iranern im Westen Kontakt aufzunehmen. Das wollte ich nicht akzeptieren.

Flucht in die Bundesrepublik Deutschland

Mai 1989 gelang mir zusammen mit einer kleinen Gruppe von Iranern nach langer Auseinandersetzung mit der SED über den Grenzübergang Friedrichstraße die DDR zu verlassen.

Möglich war das, weil die DDR-Regierung uns bei unserer Ankunft in Ostdeutschland falsche Pässe ausgestellt hatte. Als die Regierung uns nicht gehen lassen wollte, haben wir gedroht, in den Hungerstreik zu treten, westliche Journalisten einzuladen, und ihnen die gefälschten Pässe zu zeigen. Das wäre für die sowieso schon angeschlagene Regierung eine weitere Peinlichkeit gewesen, also hat man uns gehen lassen. Im Mai 89 habe ich dann in West-Berlin einen Asylantrag gestellt.

  • Iran im Jahr 1989: Die Symbolfigur der Iranischen Revolution, Ajatollah Ruhollah Chomeini, stirbt. Neuer Präsident wird nach den Wahlen im Juli Akbar Hāschemi Rafsandschāni. Ali Chamenei wird neuer oberster Religionswächter.
  • Deutschland im Jahr 1989: Nach massiven Protesten und einer Ausreisewelle aus der DDR verkündet SED-Sprecher Günter Schabowski Reisefreiheit und Öffnung der Grenzen in die Bundesrepublik. Was über Jahrzehnte als unmöglich galt, wird Wirklichkeit: der Fall des “eisernen Vorhangs” zwischen Ost und West.

Auch wenn mir die erste Zeit in Westdeutschland schon viel leichter fiel, weil ich ja nun schon Deutsch sprach, hatte ich zunächst Probleme, mich zu integrieren. Ich fühlte so etwas wie eine “innere Bremse”, weil ich meine iranische Staatsbürgerschaft nicht aufgeben wollte.

Das änderte sich aber vor allem durch die Kinder. “Ihre Mutter ist Deutsche, sie gehören nach Deutschland”, dachte ich mir. Heute denke ich überhaupt nicht mehr in nationalen Schablonen.

Im Iran war ich kein Fremder, aber ich habe mich fremd gefühlt. In Deutschland bin ich fremd, und dennoch habe ich hier ein Heimatgefühl.

Ich habe in Berlin Informatik studiert und war als IT-Berater bei vielen Unternehmen wie etwa der Bundesdruckerei oder der Deutschen Post, bei Energieversorgungsunternehmen und Banken tätig. Seit 2014 arbeite ich für eine IT-Firma, die von zwei Brüdern mit Migrationshintergrund gegründet wurde und spezielle Produkte für die Pilotenausbildung entwickelt.

Der Planet gehört uns allen

Ich lebe in Berlin, arbeite in meiner Freizeit ehrenamtlich als Vorstandsmitglied der Iranischen Gemeinde in Deutschland und versuche, meine Erfahrungen mit Integration an andere Geflüchteten und Migranten weiterzugeben.

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Drei Dinge würde ich den Deutschen gerne sagen:

► Seid offen! Wir alle werden zufällig irgendwann und irgendwo geboren. Das berechtigt uns nicht dazu, einen Teil der Welt als persönliches Eigentum zu betrachten. Denn der Planet gehört uns allen.

► Deutschland profitiert von der Vielfalt! Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Ländern die Offenheit immer genutzt hat. Denn solche Länder sind ein Magnet für das Denken, für neue Ideen und für Kultur.

► Schließlich will ich mich bedanken bei allen Deutschen, die sich für mich eingesetzt haben, und die mir mit ihrer Arbeit ermöglicht haben, hier ein neues Leben aufzubauen.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Veit Lindner.

(ll)

1980 bis 1989