POLITIK
19/03/2018 10:04 CET | Aktualisiert 19/03/2018 10:07 CET

Allein in Deutschland: Wie Einsamkeit die Integration erschwert

Das erzwungene Nichtstun machte meine Mutter fast wahnsinnig.

Hastig verstaue ich alles in Supermarkttüten, was noch lose rumliegt. Die Uhr zeigt zehn vor drei, um drei werde ich von meiner Schwester abgeholt. Als ich im Türrahmen stehe, lasse ich noch einen letzten Blick durch mein leeres Kinderzimmer schweifen.

Es sieht jetzt gespenstisch und irgendwie fremd aus.

Die nackten Wände zieren nur noch die Spuren meiner Möbel. Früher hingen dort unzählige Poster meiner Lieblingsbands. Nur noch mein altes Bett ist da, das ich extra nicht gemacht habe.

Ich wollte nicht, dass es zu sehr nach Abschied aussieht.

Meine Eltern sind im Urlaub und bekommen von alldem nichts mit. Dass sich mein Auszug mit ihrer Reise überschneidet, wussten sie.

Alleinsein erschwert die Integration

Das ist jetzt zehn Jahre her. Mittlerweile habe ich meinen Eltern verziehen, dass sie mich bei meinem Aufbruch in die große weite Welt nicht unterstützt haben.

Ich weiß, dass ihr Urlaub zu diesem Zeitpunkt eine Flucht vor den Tatsachen war. Der Gewissheit, dass ihr schlimmster Albtraum nun unausweichlich wahr werden würde: die erneute Einsamkeit.

Mehr zum Thema Einsamkeit: “Manchmal spreche ich mit dem Fernseher” – Hartz-IV-Empfängerin erzählt, wie die Arbeitslosigkeit sie isoliert hat

Der Auszug der Kinder ist wahrscheinlich für die Mehrheit der Eltern kein erfreuliches Ereignis. Für meine Eltern bedeutete der Auszug ihrer Kinder allerdings ein bisschen mehr als die ohnehin schon schwer annehmbare Erkenntnis, dass “die Kleinen“ erwachsen geworden sind.

Denn mit unserem Auszug verloren meine Eltern auf einen Schlag ihre einzigen Bezugspersonen und Integrationshelfer - sie wurden einsam.

Es ist nicht so, als würden sich meine Eltern nicht selbst um ihre Integration kümmern. Allerdings ist es ein gravierender Unterschied, ob man hier aufgewachsen ist oder mit Ende zwanzig nach Deutschland kommt. Meine Mutter erzählt mir oft davon, wie schwer es für sie und meinen Vater war, allein in Deutschland Fuß zu fassen.

Fakten zur Einsamkeit in Deutschland:

 Studien belegen, dass sich jeder zehnte Deutsche einsam fühlt

► Am schlimmsten trifft es ältere Menschen über 80: Von ihnen ist jeder fünfte einsam

► Laut einem Untersuchungsbericht aus Großbritannien ist Einsamkeit genauso gesundheitsschädigend wie täglich 15 Zigaretten zu rauchen.

► Der Psychiater Martin Spitzers geht sogar so weit zu sagen, Einsamkeit sei “die Todesursache Nummer eins in den westlichen Ländern”.

► Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2017 zeigt, dass bei einsamen Menschen das Risiko, an Altersdemenz zu erkranken, um das doppelte steigt.

► Die Professorin für Psychologie Julianne Holt-Lunstad fand in zwei große Meta-Analysen heraus, dass Einsamkeit ein größeres Gesundheitsrisiko für die amerikanische Bevölkerung darstelle als Fettleibigkeit.

Das erzwungene Nichtstun machte meine Mutter fast wahnsinnig

Weil mein Vater als Arzt oft Nachtdienst hatte, war meine Mutter viel auf sich allein gestellt.

Sie verbrachte viele Abende einfach nur vor dem Fernseher, obwohl sie wenig davon verstand, was dort gezeigt wurde. Wenn Sendeschluss war, stellte sie sich ans Fenster und starrte auf leere deutsche Straßen. In Syrien waren die Straßen zu jeder Uhrzeit voller Menschen.

Johner Images via Getty Images

Das erzwungene Nichtstun machte meine Mutter damals fast wahnsinnig.

Bevor sie nach Deutschland kam, hatte sie als Mathelehrerin gearbeitet und war gerade erst zur Schulleiterin befördert worden. Nebenbei hatte sie sogar ein Jurastudium angefangen. Leider konnte sie in Deutschland aufgrund von Formalitäten weder ihre Lehrtätigkeit noch ihr Jurastudium fortführen.

Das Gefühl der Nutzlosigkeit legte sich wie ein bleierner Schleier über ihr neues Leben.

Mehr zum Thema Einsamkeit: Millionen Deutsche sind einsam – das sind die beunruhigenden Folgen

Während mein Vater von neuen Eindrücken im Krankenhausalltag erzählte, zog sich meine Mutter immer mehr zurück.

Weil es damals noch kein Facetime und kein WhatsApp gab, musste meine Mutter für Telefonate mit ihren syrischen Verwandten viel Geld bezahlen. Das führte dazu, dass sich die Möglichkeiten des sozialen Austauschs für meine Eltern erheblich limitierten.

Zwar fanden meine Eltern mit der Zeit Freunde – mit und ohne Migrationshintergrund – allerdings ließ das Zugehörigkeitsgefühl auf sich warten.

Für meine Mutter, einen neugierigen und engagierten Menschen, glich dieser Zustand einer Hölle auf Erden.

Fakten über Einsamkeit unter Migranten in Deutschland 

► Untersuchungen über Einsamkeit speziell bei Migranten gibt es nur wenige. Die Zahlen, die existieren, deuten aber daraufhin, dass Migranten öfter als Deutsche ohne Migrationshintergrund von Einsamkeit betroffen sind.

► So fand eine Studie im Jahr 2012 heraus, dass jeder vierte ältere sowie jüngere Migrant mit türkischen Wurzeln unter Einsamkeit leidet. Laut der Studie tun das nur 17 Prozent der Deutschen ohne Migrationshintergrund. 

► Diese Zahlen bestätigt auch die Erfahrung aus der Praxis. So hat zum Beispiel die Hälfte der älteren Menschen, die das Münchner “Alten und Service”-Zentrum im Münchner Westend besuchen, einen Migrationshintergrund, wie die Leiterin des Zentrums, Melanie Ritter, der HuffPost sagt.

► Der Grund, warum Menschen mit Migrationshintergrund häufiger von Einsamkeit betroffen sind, laut Ritter: Eine verfehlte Integrationspolitik.

Die Schwangerschaft war der Wendepunkt

Dies änderte sich mit ihrer ersten Schwangerschaft. Meine Mutter freute sich, endlich ihr Wissen und Kulturverständnis weitergeben zu können.

Als meine Schwester geboren wurde, kehrte tatsächlich ein Stück Lebensqualität zurück.

Durch ihre Kinder fühlten sich meine Eltern gebraucht und weniger fremd in Deutschland. Außerdem eröffneten sich durch die neue Situation viel mehr Möglichkeiten, gesellschaftlich integriert zu werden.

Ein weiter Nebeneffekt war, dass unser Aufwachsen in der deutschen Gesellschaft dazu führte, dass meine Eltern immer “deutscher“ wurden. Mit der Zeit hatten sie sich sogar so weit von der syrischen Kultur entfernt, dass sie Probleme hatten, mit der “echten“ arabischen Mentalität zurechtzukommen.

Mehr zum Thema: “Deutschland ist nicht meine Heimat und wird es niemals sein” - was es bedeutet, als Syrerin in Deutschland aufzuwachsen

So lebten wir viele Jahre in einem Zustand der dauernden Kultur-Symbiose.

Das machte uns Kinder zum absoluten Lebensmittelpunkt meiner Eltern, was meine Mutter gerne betont. Und wenn sie besonders auf die Tränendrüse drücken will, sagt sie:

“Wir haben nur euch.“

Ich wende dann immer ein, dass sie ein kluger und eigenständiger Mensch ist und auch ohne mich zurechtkommen würde.

Das negiert sie mit der Begründung, dass sie beispielsweise immer noch Probleme habe, perfekt Deutsch zu sprechen. Jeder noch so kleine Sprachfehler ist ihr unglaublich peinlich. Um nicht als integrationsunwilliger “Ausländer“ wahrgenommen zu werden, nimmt sie vorher lieber meine Hilfe in Anspruch.

Mit uns im Rücken bewegten sich meine Eltern selbstbewusst auf deutschem Terrain.

Orientierungslosigkeit durch Auszug der Kinder

Bis zu dem Zeitpunkt, als wir nach und nach das Elternhaus verließen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Irgendwie wussten meine Eltern nicht so recht, was sie ohne uns mit sich anfangen sollten.

Mittels sozialer Medien versuchten sie daraufhin, wieder Fuß in der syrischen Diaspora zu fassen, die allerdings auch nicht mehr zu ihnen passte.

Aus Langweile wurde Einsamkeit, wurde Orientierungslosigkeit.

Meine Eltern hatten sich vorher nie wirklich Gedanken darum gemacht, wie ihr Leben aussehen würde, wenn sie alt sind. Die syrische Gesellschaft hält für diese Fälle das Konzept der Großfamilie parat. Das heißt, dass es unüblich ist, dass Kinder mit der Volljährigkeit irgendwann einfach ausziehen.

Mehr zum Thema Einsamkeit:  Nie habe ich mich so einsam gefühlt, wie nach der Geburt meiner Kinder

Weil meine Eltern jedoch nicht hinter dem Mond leben, ließen sie uns natürlich ziehen, ohne zu murren. Trotzdem katapultierte sie unser Auszug auf emotionaler Ebene wieder zurück zu ihren Anfängen in Deutschland.

40 Jahre Leben zwischen den Kulturen lässt sich nicht einfach mit dem Eintritt in einen Kegelklub oder sonstigen Tätigkeiten wegwischen, denen deutsche Rentner so nachgehen, um ihre Einsamkeit zu kompensieren.

Viele Migranten unterschätzen die Einsamkeit

Meine Eltern haben ihr Problem schlussendlich etwas eigenwillig gelöst, indem sie uns einfach hinterhergezogen sind. Ich finde das schön, weil ich sehr mit meinen Eltern verbunden bin.

Ich glaube, viele Migranten unterschätzen die Einsamkeit, die sie am Anfang und am Ende in ihren Zielländern erwartet. Und viele Deutsche wissen nicht, dass viele Migranten das selbst unterschätzen.

Es ist für fast alle Eltern hart, sich wieder ein eigenes Leben aufzubauen, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Das gilt für Migranten besonders, weil ihre Kinder als Brücke wegfallen, da in ihrer Wahlheimat eben auch fürs Alter andere Konventionen gelten als im Heimatland.

Integration ist, anders als viele denken, ein lebenslanger Prozess.

Meine Geschwister und ich versuchen meinen Eltern zu helfen, indem wir sie oft besuchen und aktiv an unserem Leben teilhaben lassen.

Wenn ich beispielsweise shoppen gehe, lasse ich meine Mutter oft via Video-Call darüber entscheiden, ob ich mir das betreffende Kleidungsstück kaufen soll oder nicht.

Auf diese Art und Weise kann ich meiner Mutter zeigen, dass sie niemals aus meinem Leben verschwinden wird. Und ich kann ihr das Gefühl vermitteln, dass ich immer in ihrer unmittelbaren Nähe bleiben werde.

Vielleicht fasst sie so auch den Mut, noch einmal etwas Neues anzupacken. Es muss ja nicht Kegeln sein.

Ich hoffe, dass dieser Weg meine Eltern davor bewahrt, erneut die Einsamkeit zu erleiden, an der sie damals fast zerbrochen wären.

(tb)