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14/03/2018 19:20 CET | Aktualisiert 15/03/2018 12:27 CET

Ich telefoniere täglich mit einsamen Menschen – so groß ist ihre Not

Man spürt, wie sehr ihnen fehlt, was uns so selbstverständlich vorkommt.

Thanasis Zovoilis via Getty Images
Einsamkeit ist ein allgegenwärtiges Problem. 

Manche von ihnen leben in einer stummen Welt und warten nur noch auf den Tod – einsame ältere Menschen in Deutschland. Einsamkeit kann jeden treffen. Wenn Freunde und Verwandte sterben, wenn keine Kinder da sind, wenn man einfach niemanden mehr hat.

Gefährdet sind besonders alte Menschen. Wie viele es sind, die niemanden mehr zum reden haben und in ihrer leisen Eintönigkeit gefangen sind, das habe ich erst erfahren, als ich den Versuch unternahm, eine Hotline für einsame Menschen zu starten.

► 2015 habe ich den Verein “Silbernetz” gegründet.

► Wir wollen mit unserem dreistufigen Angebot vereinsamten und isoliert lebenden älteren Menschen helfen, sich wieder als Teil der Gesellschaft zu fühlen.

Da es uns nicht gelang, genügend Mittel aufzutreiben, unser Angebot in die Welt zu bringen, stellten wir testweise zwischen Weihnachten und Neujahr 2017 eine Hotline zur Verfügung, die 24 Stunden am Tag für vereinsamte Senioren erreichbar war.

In den wenigen Tagen haben wir 100 Gespräche geführt. Jetzt können wir beweisen: Viele Menschen leiden unter Einsamkeit – und sind unglaublich dankbar, jemandem davon erzählen zu können.

Ich wusste: Dagegen will ich etwas unternehmen 

Die Idee für das Silbernetz kam mir nach zwei Schlüsselmomenten, die meine Sichtweise auf das Problem der Einsamkeit änderte.

Erstens: der Tod meines Nachbarn. Wir hatten uns häufig auf dem Gang gegrüßt, ansonsten jedoch keinen Kontakt. Irgendwann sah ich ihn nicht mehr. Irgendwann erfuhr ich, dass er verstorben und in seiner Wohnung verrottet war.

Der zweite Schlüsselmoment war der Anruf einer alten Dame, als ich noch bei einem Krisentelefon arbeitete. “Ich bin 85 Jahre und ganz allein”, sagte sie in den Hörer. “Sagen Sie mir, warum ich noch leben soll.” Da musste ich erst mal tief Luft holen. Ich war gerade erst in Rente gegangen und sagte zu mir selbst: “In 20 Jahren kann dir das auch passieren.”

Ich wusste: Dagegen will ich etwas unternehmen.

Mehr zum Thema: Eine Studie warnt vor den tödlichen Folgen der Einsamkeit: Darum solltet ihr noch heute die alte Dame an der Ampel ansprechen

In England gibt es bereits einen sehr gut organisierten Telefondienst für einsame Menschen, die “Silver Line”.  Ich sah sie mir 2014 in London an und dachte, das können wir auch.

► Also gründete ich zunächst ein Netzwerk aus 12 Leuten, die alle auf unterschiedliche Weise Erfahrungen mit dem Thema hatten.

► Die Zahl der Unterstützer wuchs und 2015 gründeten wir dann den Verein “Silbernetz”. Zwischen dem 24.Dezember 2017 und dem 1. Januar 2018 organisierten wir dann den einwöchigen Testlauf.

“Ich habe 10 Minuten vor dem Telefon gesessen und gewartet, bis ich endlich anrufen kann.”

Acht Tage lang saßen 16 Menschen in Schichten rund um die Uhr am Telefon. 100 Gespräche haben wir in der Zeit geführt. Ich selbst habe acht Schichten übernommen. 40 Stunden saß ich am Telefon und nahm Gespräche entgegen.

An mein erstes erinnere ich mich besonders gut. Ich hatte die erste Schicht direkt nach der Freischaltung der Hotline. Da rief eine alte Dame an. Ihre Stimme strahlte vor Freude, als sie mir erzählte: “Ich habe 10 Minuten vor dem Telefon gesessen und gewartet, bis ich endlich anrufen kann.”

Sie wollte unbedingt die Erste sein, Sie erzählte mir, dass zwischen ihrer Tochter und ihr Schweigen eingekehrt sei – auch zu ihren Enkelkindern gebe es daher keinen Kontakt mehr.  Das war eine bittere Erfahrung.

Mehr zum Thema: “Ich bin einsam, egal wie viele Menschen um mich herum sind” - der Alltag einer hochsensiblen Person

Nicht immer ist es so, dass die Menschen keine Familie mehr haben, einige sind von ihren lebenden Verwandten verlassen worden. Und das kann mindestens genauso schmerzhaft sein wie der Tod geliebter Menschen. Alte Streitigkeiten, über die nicht gesprochen wird, tiefe Risse und Gräben in den Familien lassen Alte oft vereinsamen.

Es ist auch nicht mein Anspruch, Probleme zu lösen, sondern nur zuzuhören

Es gab aber auch schöne Erlebnisse, wenn wir bemerkten, dass wir helfen konnten. So erklärte sich zum Beispiel ein alter Herr gleich bereit, für ein Fernsehinterview zur Verfügung zu stehen, das uns dabei helfen sollte, unser Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Nachdem das Interview ausgestrahlt worden war, meldeten sich plötzlich Jahrzehnte lang verloren geglaubte Verwandte von ihm wieder.

Aber so konkrete Erfolge erleben wir natürlich selten. Es ist auch nicht mein Anspruch, Probleme zu lösen, sondern einfach nur zuzuhören. Die Reaktion, die wir mit Abstand am meisten vernahmen, war Erleichterung darüber, dass da überhaupt eine Person am anderen Hörer ist. Oft sagten die Leute am Telefon: “Gottseidank ist jemand da, der mit mir redet.”

Was den Menschen offenbar besonders wichtig war: Im Gegensatz zu anderen Krisendiensten mussten sie mit uns nicht über ein konkretes Problem sprechen. Man spürt, wie sehr ihnen fehlt, was uns so selbstverständlich vorkommt: das einfache Gespräch und das Gefühl, überhaupt wahrgenommen zu werden.  

Manchmal muss man ihren Zorn einfach akzeptieren

Aber nicht alle Gespräche sind schön, es gab auch andere. Manche wollten am Telefon einfach nur ihren Zorn und Frust abladen – das bekamen wir dann natürlich ab. So etwas kann belastend sein.

Wir mussten uns genau überlegen, wie wir damit umgehen. Das beste in solchen Fällen ist, man macht dem Anrufer klar, dass seine Wut legitim ist. Wir versuchen keine Erklärungen oder Ablenkung, die dann nur zu noch mehr Wut führen. Wir verhalten uns zurückhaltend und bestätigen die Menschen vorsichtig.

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Manchmal muss man ihren Zorn einfach akzeptieren. Wenn sie sich in ihrer Wut ernst genommen fühlen, entspannen sich die Anrufer eher.

Das Problem wird kleingeredet

Ich denke, in Deutschland ist Einsamkeit im Alter noch immer ein Tabu. Wenn ich das Thema öffentlich anspreche, merke ich, dass viele denken, einsame Menschen seien irgendwie “selbst schuld” an ihrer Lage.

Zudem wird das Problem kleingeredet. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen ist das Phänomen der Alterseinsamkeit sogar rückläufig. Das stimmt nur dann, wenn man sich die bis 80-Jährigen anschaut.

Für die über 85-Jährigen gibt es kaum Zahlen. Noch immer wird die Lage der Hochaltrigen in Deutschland nur stichprobenartig erfasst.

Weil das nicht so bleiben kann, haben wir bei “Silbernetz” eine Petition gegen Einsamkeit im Alter (GEiA!) gestartet. Wir wollen damit die Politik zum Handeln veranlassen, damit überhaupt einmal seriöse Forschung über diese Altersgruppe ermöglicht wird. Das Problem mit der Einsamkeit im Alter muss endlich ernst genommen werden

Damit das Silbernetz zum Tragen kommen kann, brauchen wir derzeit vor allem Spenden.