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13/03/2018 11:01 CET | Aktualisiert 15/03/2018 13:10 CET

5 Jahre Schweigen: Wie der Jobverlust meines Vaters unsere Familie zerriss

Die Menschen, die mir am nächsten stehen sollten, schienen plötzlich am weitesten entfernt.

spukkato via Getty Images

Einer der am meisten unterschätzten Aspekte der Armut ist die Einsamkeit. Jobverlust bedeutet oft nicht nur, dass man sich jetzt nicht mehr die teure Markenbutter leisten kann, sondern auch soziale Isolation. So war es auch bei meiner Familie.

Mit der zunächst harmlos wirkenden Diagnose Diabetes begann der soziale und wirtschaftliche Abstieg meines Vaters. Als sich sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte, verlor er seinen Job und zog sich immer mehr zurück.

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Sein Unglück wurde zum Unglück unserer Familie, seine Isolation zerriss uns und führte dazu, dass wir, obwohl wir auf engstem Raum zusammenlebten, einander fremd wurden.

Mein Vater war eigentlich ein intelligenter und humorvoller Mann. Seine Freunde schätzten ihn wegen seiner großzügigen Art und Unternehmungslust. Das alles änderte sich, als er krank wurde.

Krankheit und Jobverlust

Ich war etwa fünf, als mein Vater mit Diabetes diagnostiziert wurde - einer Krankheit, die oft unterschätzt wird. Aber auch eine Krankheit, mit der man letztlich gut leben kann. Für meinen Vater bedeutete sie den Anfang vom Ende.

Nach einigen Krankenhausaufenthalten, weiteren Stoffwechselerkrankungen und Operationen fühlte er sich nicht mehr in der Lage, normal arbeiten zu gehen. Zur etwa gleichen Zeit wurde der Großhandel, in dem mein Vater angestellt war, aufgelöst.

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Der Kontrollverlust über seinen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Zustand führte bei meinem Vater zu großem Missmut. Seine Launen wurden unerträglich und führten dazu, dass er nicht mehr mit anderen Menschen zusammenarbeiten konnte.

Sein Ausweg war, sich einen Job als Selbstständiger zu suchen: Er lieferte Zeitungen aus, das kann man schließlich alleine.

Teufelskreis der Arbeitslosigkeit

Die Isolation führte dazu, dass mein Vater sich immer mehr in sein Unglück hineinsteigerte und seine Launen an meiner Mutter und mir ausließ. Und je mehr er seine Launen an uns ausließ, umso stärker drifteten wir auseinander.

Aber auch die selbstständige Tätigkeit währte nicht lang - mein Vater ging pleite. Von da an war er eigentlich nur noch zu Hause, wurde immer kränker. Weitere Diagnosen folgten.

Die Krankheit bedingte die Arbeitslosigkeit, die Arbeitslosigkeit die miese Laune, die miese Laune die Krankheit - ein Teufelskreis, der unsere Familie von innen auffraß.

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Immer häufiger sperrte sich mein Vater in seinem Zimmer ein. Ein gemeinsames Schlafzimmer hatten meine Eltern schon lange nicht mehr, meine Mutter schlief im Wohnzimmer auf einer Matratze.

Die Gespräche verebbten - meine Eltern hatten sich einfach nichts mehr zu sagen.

Was sollte mein Vater, der den ganzen Tag mies gelaunt vor dem Fernseher lag, auch erzählen? Von da an beschränkte sich die Kommunikation auf das Nötigste: Tu dies, mach das, bring mir jenes. Und wenn mein Vater besonders schlecht gelaunt war, schrie er uns an.

Totaler Kontrollverlust

Den endgültigen Riss durch unsere Familie provozierte mein Vater, indem er ganz aufhörte, mit mir zu sprechen.

Auslöser war ein simpler Streit nach der Schule. Ich war 13, gerade nach Hause gekommen und auf dem Sofa eingedöst. Mein Vater weckte mich und wollte wissen, wie es in der Schule gewesen war.

“Wie immer”, sagte ich. Ich wollte nicht unfreundlich klingen, ich war nur müde. “Ich erzähl dir später mehr, aber jetzt muss ich mich kurz hinlegen.”

Das wollte mein Vater nicht akzeptieren. Er hatte schon keine Kontrolle mehr über seine Gesundheit, seine Arbeit, sein soziales Umfeld, das sich immer mehr distanzierte. Also wollte er wenigstens die Kontrolle über seine pubertierende Tochter behalten.

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Ich gab eine trotzige Antwort und mein Vater tickte völlig aus.

Er schrie mich an, dass er rot wurde im Gesicht, seine Stimme überschlug sich, er beschimpfte mich, drohte mir, mich zu schlagen. Sein Ausbruch endete mit den Worten:

“Wende niemals mehr ein Wort an mich.” Ein fünf Jahre lang anhaltendes Schweigen folgte.  

Cholerische Ausbrüche, Schlafstörungen, Depression

Meine Mutter war angesichts dieser Situation machtlos. Sie wusste, wenn sie sich auf meine Seite stellen würde, würde er mich noch mehr schikanieren, nur, um ihr wehzutun. Also entschied sie sich, lieber nichts mehr zu sagen. Unsere Familie wurde sprachlos.

Bis zum Tod meines Vaters lebten wir also zu gemeinsam auf knapp 70 Quadratmetern und sprachen kein Wort miteinander. 

Unsere Familie wurde sprachlos.

Die Freunde meines Vaters, die mitbekamen, wie er meine Mutter und mich behandelte, distanzierten sich - auch sie konnten und wollten mit den cholerischen Ausbrüchen nicht umgehen.

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Mein Vater bekam Schlafstörungen, verfiel immer tiefer in seine Depression. Vernachlässigte seine Arztbesuche. Ging nicht mehr vor die Haustür. Irgendwann wurde ihm auch das Tageslicht unerträglich - er vernagelte sein Fenster mit Brettern, wie um die Außenwelt wegzusperren.

Soziale Isolation

So lebten wir zusammen, aber nicht gemeinsam. Die Menschen, die uns am nächsten stehen sollten, schienen plötzlich am weitesten entfernt. Die soziale Isolation voneinander lähmte uns, und niemand traute sich, die Erstarrung anzuklagen.

Es ist ein Satz, der im Plural ausgesprochen schon ein Widerspruch in sich ist: Wir waren einsam. Aber wie konnten wir einsam sein, wenn es doch ein “wir” gab?

Einsamkeit kommt bei allen Menschen jeder Altersgruppe vor, besonders häufig jedoch bei älteren: Laut einer Studie von Psychologie-Professorin Maike Luhmann fühlt sich jeder siebte zwischen 45 und 65 Jahren einsam.

Jeder kennt das Gefühl, von allen anderen isoliert zu sein. Wird dieses Gefühl jedoch zum Dauerzustand, kann es krank machen. Gerade wenn zur Einsamkeit gesundheitliche und finanzielle Probleme hinzu kämen, stünden laut Diakonie-Präsident Ulrich Lilie viele Menschen allein da.

Selbst wenn Familie und Freunde präsent sind, kann das jahrelang empfundene Gefühl, allein zu sein, dazu führen, den Alltag nicht mehr bewältigen zu können.

Mein Vater lebte am Ende nicht mehr, er vegetierte. Er sah fern, aß, schlief. 

Selten sah er den Tag. Selten sprach er mit anderen Menschen - es gab auch fast niemanden mehr, mit dem er sich überhaupt noch unterhalten konnte. Seine Isolation war endgültig, er schaffte den Weg zurück nicht.

Als einsamer Mann starb er im Alter von nur 52 Jahren.

Selbstverschuldete Einsamkeit

Hat mein Vater seine Einsamkeit selbst verschuldet? Ja, hat er.

Er hätte besser mit seiner Krankheit umgehen können. Hätte sich von seiner Familie unterstützen lassen sollen. Hätte sich stärker um einen geregelten Arbeitsalltag bemühen müssen. Aber habe ich das Recht, ihm etwas vorwerfen?

Es fing alles damit an, dass mein Vater sich von seinem Körper in Stich gelassen fühlte und seinen Job verlor. Also ließ er nach und nach die Welt um ihn herum in Stich.

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Seine Vorstellung, wie sein Leben aussehen sollte, ging nicht auf, und er war nicht stark genug, neu zu denken. Sein Außenseitertum nahm überhand, seine Reaktion auf den Kontrollverlust war der Rückzug, und sein Rückzug drängte auch meine Mutter und mich von ihm weg.

Erst nach seinem Tod fanden meine Mutter und ich wieder zueinander. Konnten wieder offen miteinander sprechen. Konnten unsere Erfahrungen und Gefühle gemeinsam verarbeiten.

Unsere Geschichte schweißt uns zusammen - auch, wenn ein Teil davon die Geschichte eines Mannes ist, der sich gegen uns entschieden hat, obwohl wir ihm eigentlich so nahe standen.