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14/03/2018 19:00 CET | Aktualisiert 15/03/2018 12:27 CET

Millionen Deutsche sind einsam – das sind die beunruhigenden Folgen

Einsamkeit fördert Depression, Krankheit und Armut.

Jaromir Chalabala / EyeEm via Getty Images
Studien belegen, dass sich jeder zehnte Deutsche einsam fühlt.
  • Laut Studien fühlt sich jeder zehnte Deutsche einsam
  • Die Folgen für die Betroffneren können verherrend sein

Fast 83 Millionen Menschen leben in Deutschland – meist dicht beieinander. Man müsste meinen, die Deutschen sind nie allein. Einsam sind trotzdem Millionen von ihnen.

Unsere Autorin Agatha Kremplewski schrieb vor Kurzem:

“Selbst wenn Familie und Freunde präsent sind, kann das jahrelang empfundene Gefühl, allein zu sein, dazu führen, den Alltag nicht mehr bewältigen zu können. Mein Vater lebte am Ende nicht mehr, er vegetierte. Er sah fern, aß, schlief.

Selten sah er den Tag. Selten sprach er mit anderen Menschen - es gab auch fast niemanden mehr, mit dem er sich überhaupt noch unterhalten konnte. Seine Isolation war endgültig, er schaffte den Weg zurück nicht.

Als einsamer Mann starb er im Alter von nur 52 Jahren.”

Wie Agathas Vater geht es Millionen anderen Deutschen.

Einsamkeit kann jeden treffen

Am meisten trifft die Einsamkeit vor allem Menschen über 80: Von ihnen fühlt sich jeder fünfte einsam. Doch das Problem ist längst nicht mehr nur ein Phänomen bei alten Menschen.

Studien belegen, dass sich jeder zehnte Deutsche einsam fühlt. Bei den 30 bis 40-Jährigen sind es sogar 15 Prozent.

Einsamkeit hat nichts damit zu tun, ob Menschen alleine leben, nur wenige Freunde haben oder ihre Zeit am liebsten in abgelegenen Regionen verbringen.

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Einsame Menschen können viel Kontakt mit anderen Menschen haben, doch fehlt ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit. Einsamkeit ist ein Leiden. Das sagen Forscher wie die Psychologin Maike Luhmann.

“Anhaltende Einsamkeit zu schwerwiegenden körperlichen und psychischen Problemen und zu einer verringerten Lebenserwartung führen”, schreibt sie in einem aktuellen Artikel.

Die Folgen von Einsamkeit werden oft unterschätzt:

► Laut einem Untersuchungsbericht aus Großbritannien ist Einsamkeit genauso gesundheitsschädigend wie täglich 15 Zigaretten zu rauchen.

► Der Psychiater Martin Spitzers geht sogar so weit zu sagen, Einsamkeit sei “die Todesursache Nummer eins in den westlichen Ländern”.

► Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2017 zeigt, dass bei einsamen Menschen das Risiko, an Altersdemenz zu erkranken, um das doppelte steigt.

► Die Professorin für Psychologie Julianne Holt-Lunstad fand in zwei große Meta-Analysen heraus, dass Einsamkeit ein größeres Gesundheitsrisiko für die amerikanische Bevölkerung darstelle als Fettleibigkeit.

Einsamkeit hat viele Gesichter – doch oft gibt es ähnliche Auslöser

“Einsamkeit ist häufig eine Folge heftiger Umbrüche im Leben, die das soziale Netzwerk verändern”, sagt Luhmann. Dazu gehören Umzüge, Trennungen oder Todesfälle.

Häufig sind daher ältere Frauen betroffen. Sie überleben ihre Ehemänner – und stehen von da an allein da.

Doch Schicksalsfälle sind nicht die einzigen Auslöser.

Auch Armut und gesundheitliche Probleme können zu Einsamkeit führen. Wer wenig Geld hat oder gesundheitlich eingeschränkt ist, ist von vielen sozialen Aktivitäten ausgeschlossen,” klärt Luhmann auf.

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Wer schon allein lebt und in die Armut abrutscht, verliert schnell alle sozialen Kontaktmöglichkeiten. Eine beunruhigende Tatsache, denn nach Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat ist in Deutschland jeder dritte Alleinstehende armutsgefährdet.

Und die Anzahl der alleinstehenden Erwachsenen ohne Kinder steigt in Deutschland rapide an – auf über 16 Millionen. Alleinstehende machen damit 41 Prozent der Haushalte in Deutschland aus.

Sicher also ist: Millionen Deutsche sind von Einsamkeit betroffen, und noch Millionen weitere gefährdet.

Andere Länder sind im Kampf gegen die Einsamkeit viel weiter

In Deutschland ist das Thema trotz allem lange nicht behandelt worden. Andere Länder, insbesondere Großbritannien, sind da schon weiter.

Dort gibt es seit Anfang des Jahres eine Staatssekretärin für Einsamkeit, die sich um Entwicklung und Umsetzung von Projekten zur Bekämpfung des Phänomens einsetzen soll.

Ein wichtiger Schritt, denn wie das Rote Kreuz in Großbritannien meldet, hätten im Land 200.000 Senioren nur einmal im Monat Kontakt zu einem Freund oder Familienmitglied.

In Deutschland beginnt die Politik zumindest, das Thema zu erkennen.

“Es muss für das Thema Einsamkeit einen Verantwortlichen geben, bevorzugt im Gesundheitsministerium, der den Kampf gegen die Einsamkeit koordiniert“, fordert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der “Bild”-Zeitung.

Auch von der CDU kommen ähnliche Aussagen. So fordert der familienpolitische Sprecher Marcus Weinberg: “Wir müssen uns des Themas Einsamkeit annehmen, Forschung hierzu fördern, Programme auflegen, neue Konzepte entwickeln.”

Diagnose Einsamkeit

Noch aber ist fraglich, ob die Politik das Problem angehen will. Denn auch wenn Einsamkeit viele Krankheiten hervorrufen kann, eine anerkannte Diagnose dazu gibt es nicht.

Viele Forscher sind sich auch unsicher, ob Einsamkeit wirklich der Auslöser für Krankheiten ist, oder ob sie ein Symptom darstellt.

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Depressive Menschen fühlen sich oft einsam. Aber: Einsamkeit fördert auch Depression. Es klingt wie das alte Henne-Ei-Problem.

Experten wie die Psychologin Maike Luhmann sprechen daher von der Einsamkeit auch als Teufelskreis. Einsamkeit fördert Depression, Krankheit und Armut und Armut, Krankheit und Depression fördern die Einsamkeit.

Den Kreis gilt es zu durchbrechen. Und die Politik kann und muss hier helfen.

Dabei sieht Luhmann drei konkrete Dinge, die die Politik tun kann:

Erstens kann sie gezielt Initiativen und Institutionen fördern, die einsame Menschen unterstützen und von ihnen aufgesucht werden können. Dazu gehört auch, den Zugang zu sozialen Aktivitäten für Personen mit finanziellen oder gesundheitlichen Einschränkungen zu erleichtern.

Zweitens benötigen wir eine gezielte Förderung von Forschungen zu diesem Thema. Zwei Fragen sind dabei besonders akut: Wie kann man Einsamkeit vorbeugen und bekämpfen, und welche Rolle spielen soziale Medien und die allgegenwärtigen Smartphones bei der Entstehung oder auch Verminderung von Einsamkeit?

Drittens benötigen besonders chronisch einsame Menschen einen schnellen und unkomplizierten Zugang zu professioneller Unterstützung, zum Beispiel im Rahmen einer psychologischen Psychotherapie. Kassenpatienten müssen derzeit meist mehrere Monate auf einen Therapieplatz warten.

Vermutlich wird aber keiner der drei Punkte bald umgesetzt werden. Denn einsame Menschen haben per Definition keine Lobby.

Die Probleme der Menschen, mit denen niemand spricht, können nicht gehört werden. Noch nicht.

(ll/br)