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01/04/2018 19:46 CEST | Aktualisiert 01/04/2018 19:46 CEST

Ich traf eine ältere Frau im Bus – sie zeigte mir, was Einsamkeit wirklich bedeutet

"Heute ist mein 75. Geburtstag, weißt du. Und ich kann es nicht ertragen, ihn alleine in meinen vier leeren Wänden zu verbringen.“

Artistan via Getty Images
Ältere Frau sitzt allein in einem Londoner Bus. Die Briten haben nun ein eigenes Ministerium für Einsamkeit.

Warst du beim Pendeln schon einmal zu Tränen gerührt? (Nein, Verspätungen der S-Bahn oder das Verpassen des Busses zählen nicht.)

Vergangene Woche bin ich nach Hause gefahren – und die Reise ist ziemlich emotional gewesen. Abends habe ich mir sogar gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können. Um mich anders zu verhalten.

Und das ist der Grund:

Stellt euch folgende Situation vor: Ich war auf dem Weg zu einem Arzttermin in einem Bus, jede Ampel schien rot zu sein.

Die Angst vor meinem bedrohlich näher kommenden Termin, gepaart mit der ruckeligen Fahrt, die dem zögerlichen Fuß des Busfahrers geschuldet war – und seiner ständigen Falscheinschätzung, ob er jetzt Gas geben oder abbremsen sollte – bedeutete, dass ich eh schon nicht die angenehmste Reise hatte.

Eine Begegnung, die mein Leben veränderte

Auf dem Weg setzte sich eine ältere Frau neben mich. Sie war elegant gekleidet, ihr Make-up saß perfekt und an den Händen trug sie lange, schwarze Handschuhe aus Spitze. Während ich noch ihre geschmückten Arme anstarrte, setzte sie sich neben mich. Keine zwei Sekunden später drehte sie sich zu mir um und sagte:

“Entschuldige, meine Liebste, ich suche nach einem Kino. Kannst du mir sagen, ob dieser Bus an einem Kino vorbeikommt? Mir ist egal, welches.”

Weil ich dort nun schon seit einigen Jahren lebe, erklärte ich ihr, dass es das Odeon gebe. Dazu müsse sie an der Haltestelle Camden Town Station aussteigen.

Was sie dann sagte, berührte mich zutiefst.

“Heute ist mein 75. Geburtstag, weißt du. Und ich kann es nicht ertragen, ihn alleine in meinen vier leeren Wänden zu verbringen. Es ist mir auch egal, was ich anschaue.Es geht mir eigentlich nur darum, irgendetwas zu hören.”

 

 

Plötzlich machte mein Herz einen Sprung.

Für die verbleibenden zwei Haltestellen, die ich noch vor mir hatte, unterhielten wir uns über ihren Geburtstag und einige Gebäude, an denen wir vorbeifuhren.

Wir sahen aus dem Fenster und diskutierten über die Wohnungen in den Hochhäusern, die das Straßenbild säumten, über das Wetter und über die Geschäfte.

Ich fing an, über Einsamkeit nachzudenken

Das kurze Gespräch, das für mich völlig normal war, machte ihren Nachmittag zu etwas Besonderem. Der Bus kam an meiner Haltestelle zum Stehen. Ich dankte ihr, wünschte ihr einen wunderschönen Geburtstag und stieg aus.

Der Warteraum beim Arzt ist der schlimmste Ort, um noch einmal nachzugrübeln. Wenn du versuchst, nicht zu viel darüber nachzudenken, was für Keime du dir gerade einfängst, schweifen deine Gedanken zwangsläufig ab.

Mal ehrlich: Wie viele Broschüren, die dich glauben lassen, dass dein infizierter Zeh Wundbrand bedeutet, braucht es überhaupt?

Doch ein Gedanke ging mir in dem kalten Wartezimmer nicht mehr aus dem Kopf: Warum zum Teufel habe ich die Dame nicht ins Kino begleitet?

Du fragst dich das auch, richtig?

Mehr zum Thema:Ehrenamtliche Pflegerin: “Jeden Tag sehe ich, was es bedeutet, einsam zu sein”

Ich versank vollends in meinen Gedanken. Ich hätte der alten Dame nicht nur den Geburtstag, sondern ihr ganzes Jahrzehnt erhellen können – hätte ich ihr nicht nur bei der Suche nach einem Kino geholfen, sondern ihr an ihrem Geburtstag auch Gesellschaft geleistet.

Sie feierte, 75 Jahre am Leben zu sein. Das sind 75 Jahre des Lachens, der Kraft und der Unterhaltungen. Warum sollte das jetzt aufhören?

Ich fing an, über die tausenden Menschen nachzudenken, die es akzeptiert haben, dass Tage, Wochen und Monate vergehen, ohne dass sie mit jemandem reden können. Und dass das jetzt ihr Leben ist.

Fakten zur Einsamkeit in Deutschland:

 Studien belegen, dass sich jeder zehnte Deutsche einsam fühlt

► Am schlimmsten trifft es ältere Menschen über 80: Von ihnen ist jeder fünfte einsam

► Laut einem Untersuchungsbericht aus Großbritannien ist Einsamkeit genauso gesundheitsschädigend wie täglich 15 Zigaretten zu rauchen.

► Der Psychiater Martin Spitzers geht sogar so weit zu sagen, Einsamkeit sei “die Todesursache Nummer eins in den westlichen Ländern”.

► Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2017 zeigt, dass bei einsamen Menschen das Risiko, an Altersdemenz zu erkranken, um das doppelte steigt.

► Die Professorin für Psychologie Julianne Holt-Lunstad fand in zwei große Meta-Analysen heraus, dass Einsamkeit ein größeres Gesundheitsrisiko für die amerikanische Bevölkerung darstelle als Fettleibigkeit.

Wenn du alleine durchs Leben gehen musst, dann bedeutet das nicht, dass sich Gespräche nur noch in deinem Kopf abspielen müssen. Niemand entscheidet sich für die Isolation. Wenn es also passiert, dann kann es schnell geschehen, dass man steckenbleibt.

Nicht zu wissen, an wen man sich wenden kann, welche Hilfsorganisationen einen unterstützen oder wie man die Stille durchbricht.

Sicher, man hat sich selbst. Aber manchmal ist das nicht genug. Wenn das Leben, das man kennt, sich plötzlich fremd anfühlt und man seit Jahrzehnten keine neuen Freunde kennengelernt hat.

Und man Meilenweit von der Familie entfernt wohnt. Oder es gar keine Familienangehörigen mehr gibt, weil sie schon alle tot sind. Und man selbst der Letzte ist. Dann wird es richtig schwierig.

Einsamkeit kann jeden treffen

Unterhaltung und Gesellschaft. Zwei Dinge, über die wir zu selten nachdenken. Die meisten von uns haben entweder beides in der Nähe oder zumindest nur einen Wischer auf dem Smartphone entfernt.

Schon kann man eine vertraute Stimme hören. Doch wer sind wir eigentlich, Leuten dieses menschliche Recht zu verwehren, nur weil sie ein Alter erreicht haben, in dem das alles neu für sie ist?!

Auch wenn ich diese Erfahrung bislang nur bei älteren Menschen gemacht habe, kann dieses Problem doch jeden treffen.

Mehr zum Thema:Hartz-IV-Empfängerin erzählt, wie die Arbeitslosigkeit sie isoliert hat

Du musst keine 82-jährige Witwe sein, um einsam zu sein. Es gibt viele Menschen, die aus vielen verschiedenen Gründen von der Außenwelt abgeschnitten sind. Manche Menschen entscheiden sich für so ein Leben. Und das ist auch in Ordnung. Es sollte jedem freigestellt sei.

Aber ich werde mich immer schuldig fühlen, mit der Dame aus dem Bus nicht ins Kino gegangen zu sein. Ich werde aber auch für immer dankbar sein, dass sie mir die Augen für dieses Problem geöffnet hat.

Möglichkeiten, zu helfen

Nach dieser emotionalen Fahrt habe ich mich informiert, wie ich helfen kann. Das Problem lässt sich zwar nicht gänzlich ausmerzen, aber nach einigen vermeintlich verschwendeten Stunden in den Sozialen Netzwerken, tat sich doch eine Möglichkeit auf, wie wir alle helfen können.

Wenn wir uns Zeit für etwas nehmen wollen, dann sollten wir das auch machen. Es ist einfach.

Es gibt eine Vielzahl von Wohltätigkeitsorganisationen, die sich darum bemühen, der Einsamkeit entgegenzuwirken. Jede mit einer eigenen Technik, um das Leben ohne Begleiter zu vereinfachen.

Deshalb bin ich nun eine Freiwillige bei Age UK. Diese Telefonvermittlung bringt einen mit älteren Personen zusammen. Mit denen kann man dann eine halbe Stunde jede Woche telefonieren – und so vielleicht eine Freundschaft aufbauen.

Mehr zum Thema:Ich telefoniere täglich mit einsamen Menschen – so groß ist ihre Not

Heutzutage scheint doch sowieso jeder nur noch am Handy zu hängen. Das Gerät klebt permanent an unseren Händen und sorgt dafür, dass wir in Zukunft Rücken- und Nackenprobleme bekommen – weil wir jeden Tag mindestens fünf Stunden auf das Smartphone herabschauen.

Also dürfte es doch auch kein Problem sein, es sinnvoll zu nutzen. Und 30 Minuten unserer Zeit dafür zu nutzen, jemandem ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern? Ein Lächeln, das die Kraft hat, bis zum nächsten Telefonat im Gesicht zu bleiben. Ein Lächeln, das auftaucht, wenn es nicht mehr lange hin ist.

Lasst uns alle dafür kämpfen, mehr Lachfalten auf fremde Gesichter zu bekommen. Denn das wird den Menschen um uns herum so viel mehr bedeuten, als ihr vielleicht ahnt.

Der Artikel erschien zuerst bei der HuffPost UK und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt.