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19/06/2018 23:33 CEST | Aktualisiert 13/09/2018 14:26 CEST

Eingeklemmt im Lautsprecher, neben Knoblauchwurst und Benzin

Ich hatte einfach Lust auf Freiheit.

Die Rückwand des Lautsprechers von Marshall hatte 32 Schrauben. Ich hörte, wie mein Bandleader Nicu Covaci jede einzelne festzog. Denn ich steckte drin in dieser Box, eingeklemmt mit meinen knapp 1,90 Metern Körpergröße.

Was wir am 2. Juni 1977 gemacht haben, war Wahnsinn. Zwei meiner Bandkollegen steckten in weiteren Marshall-Boxen. Wir wollten uns darin aus dem Rumänien Nicolae Ceaușescus in die Freiheit schmuggeln lassen.

Die Boxen standen in einem Kleinbus, den Covaci und ein Fluchthelfer fuhren. Neben uns ein Korb mit Knoblauchwurst, einem Riesenbrocken Schafskäse und eine Tonne mit Benzin. Der Geruch sollte die Hunde der Zöllner irritieren, Sprit und Essen waren unsere Vorräte für die Flucht.

Hätten uns die Zöllner erwischt, hätten sie uns erschossen

Die Tragweite dessen, was ich da tat, habe ich damals mit meinen 19 Jahren nicht geblickt. Ich hatte einfach Lust auf Freiheit. Wäre ich länger in der Box geblieben, wäre ich erstickt. Hätten uns die Zöllner erwischt, hätten sie uns erschossen.

Rumänien war eine Diktatur. Das Land verlassen durfte nur, wer dafür eine der raren Genehmigungen bekam. Das kommunistische Regime bereicherte sich, während die Menschen ewig für Lebensmittel anstanden und Klamotten, Musik und Technik aus dem Westen bestenfalls einschmuggeln konnten. 

 Ich war das Küken in der Band

Seit ich 14 oder 15 war, spielte ich als Gitarrist und Violinist in der Band Phoenix. Das war für die Rumänen sowas wie die Beatles oder die Rolling Stones für die Leute im Westen.

Mein subjektiver Eindruck war, dass wir in Rumänien nicht weiterkommen würden mit unserer Musik. Ich selbst habe als Küken der Band zwar nie mit der Securitate, dem berüchtigten Geheimdienst, zu tun gehabt.

Aber uns Bandleader Covaci und die anderen haben immer wieder erzählt, dass sie sich mit Ceaușescus Sohn Nicu gutstellen mussten. Er war für Kultur zuständig, er entschied, welches Konzert stattfand und welches nicht.

Über Nacht verschwunden

Zu meiner Zeit in der Band haben wir Folk-Rock gespielt. Wir haben bewusst Folklore integriert, weil die Regierung das nicht so leicht verbieten konnte. Anders wäre es gewesen, wenn wir nur das angloamerikanische Feindbild plagiiert hätten. Wir haben unsere Songtexte von sehr guten Autoren schreiben lassen, metaphorische Texte waren das, deren Aussagen Raum für Interpretation ließen.

  • Rumänien im Jahr 1977: Diktator Ceaușescu nutzt das verheerende Erdbeben mit fast 1600 Toten als Vorwand, um religiöse Gebäude abreißen zu lassen, die ihm nicht passen.
  • Deutschland im Jahr 1977: Die Terroristen der RAF ermorden Generalbundesanwalt Siegfried Buback.

Was die Musik anging, lebten wir in einer subtilen Diktatur. Es war keine Kim-Jong-un-Herrschaft, in der die Menschen aus Lautsprechern 24 Stunden mit Gedöns nach Geschmack des Diktators beschallt wurden. Trotzdem mussten wir uns für unsere Musik rechtfertigen.

Covaci hat dann Mitte der 70er eine Holländerin geheiratet und war 1974 über Nacht aus dem Land verschwunden. Wir haben dann ohne ihn weitergespielt.

Sofort oder nie

Plötzlich tauchte Covaci wieder auf, nahm wie selbstverständlich die Zügel wieder in die Hand. Und bestellte uns am 2. Juni zum Haus seiner Mutter in Freidorf. Er hat uns vor die Wahl gestellt, entweder sofort mit ihm abzuhauen, ohne irgendwas mitzunehmen, ohne jemanden anzurufen, oder hierzubleiben.

Ich war total aufgewühlt, dachte nur, endlich raus. Allzu viele Bindungen hatte ich nicht, meine Eltern waren geschieden. Andere Kollegen waren sich nicht so sicher. Einer hatte eine schwangere Frau und wollte nicht mit, einer weinte.

Als Covaci sagte, wir müssten uns sofort entscheiden, meinte er das auch so. Zehn Minuten nach seiner Ankündigung saßen wir im Bus Richtung Grenze.

Pille gegen die Panik

Auf dem Weg haben wir noch die Speaker aus den Boxen gebaut, sonst hätten wir nie reingepasst, und die Gitter von innen mit Molton abgeklebt, damit die Zöllner uns nicht sehen konnten, wenn sie mit Taschenlampen durch die Öffnungen leuchteten.

Kurz vor der Grenze hat uns Covaci dann eine Beruhigungspille gegeben, damit mir nicht durchdrehen, und uns dann in die Boxen reingeschraubt.

Das war Psycho

Wir hörten dann, wie der Bus an der Grenze stehenblieb und Covaci und der andere Fluchthelfer zu den Zöllnern gingen. Dann ging die Warterei los. Neben dem Bus ging ständig ein Grenzer auf und ab, das war Psycho.

Eigentlich hätten sie die Marshall-Boxen, Westware, auch nicht haben dürfen und schon gar nicht mit rausnehmen. Aber es konnte sich eben auch keiner vorstellen, dass jemand so dreist wäre, nicht nur die Boxen, sondern auch noch Leute darin zu schmuggeln.

Die Zöllner kamen mit ihren Hunden, haben die Box mit mir hochgehoben. Ich weiß nicht, wie lange das alles dauerte. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit.

Irgendwann hörte ich, wie die Grenzer sagten, ihr könnt raus, aber kommt nie wieder – und ihr wart auch niemals hier, wenn jemand fragt.

Tür zu und los.

Mein Körper war komplett taub

In Jugoslawien ist Covaci sofort in ein Wäldchen oder einen Park gefahren, um uns rauszulassen. Ich habe nichts mehr gefühlt, mein Körper war komplett taub. Wir waren einfach froh, dass wir noch lebten.

Vier, fünf Tage später kamen wir dann in Bramsche bei Osnabrück an, wo wir im Haus eines Holländers unterkamen.

Von unterwegs aus hatten wir noch zuhause angerufen. Meine Mutter glaubte erst nicht, dass wir wirklich weg waren. War ja eigentlich auch nicht vorstellbar.

Meine Mutter meldete die Flucht der Securitate

Dann ging sie zur Securitate, dem rumänischen Geheimdienst, um zu sagen, dass ihr Sohn geflohen sei. Ich glaube, sie hatte Angst, dass ihr was passiert, wenn sie es nicht meldet. Zunächst haben die sie weggeschickt. Liebe Frau, hieß es, wenn ihr Sohn weg wäre, wüssten wir das schon lange.

Nun, ein paar Tage später haben sie es dann auch mitbekommen und haben meine Mutter befragt. Aber ihr ist nichts passiert. Sie konnte weiter in einem Kindergarten arbeiten.

Wir Spinner dachten damals, wir könnten in Deutschland sofort Konzerte spielen und Geld machen. Hat natürlich nicht geklappt, schon deswegen nicht, weil ich der einzige Deutschstämmige war und das mit Arbeitserlaubnis für die Kollegen mit rumänischer Staatsangehörigkeit nicht einfach war.

Wir konnten die 2000 Mark Kaltmiete fürs Haus nicht mehr bezahlen, man hat uns den Strom abgedreht und schließlich rausgeschmissen.

Ein Jahr später hat sich Phoenix getrennt, mit zwei anderen von uns habe ich die Band Madhouse gegründet, damit hatten wir endlich Gigs, die nicht Geld gekostet, sondern gebracht haben.

Die bestbezahlten Jobs, die ich je hatte

Später habe ich dann angefangen, Filmmusik zu machen, auch Musik für Werbung. Es waren die bestbezahlten Jobs, die ich je hatte. Damit bin ich sozialtauglich geworden, hatte endlich genug Geld für Miete und was man sonst so braucht.

Dann hat sich rumgesprochen, dass es da einen Gitarristen gibt, der emotionale Musik macht. So kam ich zu meinem Vierteljahrhundert-Job im Orchester von James Last. Bis heute habe ich acht Alben aufgenommen.

Deutschland ist nicht mehr, wovon ich geträumt habe

Heute ist Deutschland nicht mehr das Land, von dem ich einst geträumt habe. Wir leben in einer Kulturdiktatur, die Musiker noch mehr einschränkt als das Regime Ceaușescus.

Radiosender spielen mit ganz wenigen Ausnahmen nur noch Eintagsfliegenmusik, werbefinanzierten Einheitsbrei. Die Leute sagen, sie könnten das Zeug nicht mehr hören – und hören es dann doch.

Erbärmliche Formate

Plattenfirmen schmeißen jeden raus, dessen Musik nicht nach Schema X funktioniert. Clubs kassieren von kleineren Bands noch Gebühren, statt dass sie ihnen was zahlen. Mit Streaming-Diensten hat man die Verdienstmöglichkeiten völlig an die Wand gefahren. Förderung gibt’s nur noch eingeschränkt. Im TV gibt’s für Bands nur noch erbärmliche Formate.

Für Kultur ist das tödlich. Ich habe mein Ding gemacht, habe meine Alben produziert, ich muss also nicht jammern. Aber für die Jungen ist das Mist.

Ehrlich: Für jemanden, der aus einer Diktatur geflohen ist, ist die aktuelle Situation schon bizarr.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

(ben)

1970 bis 1979