POLITIK
24/01/2018 10:06 CET | Aktualisiert 02/02/2018 17:03 CET

“Einer der größten Killer unserer Zeit”: Was Luftverschmutzung weltweit anrichtet

12 Prozent der Todesfälle weltweit sind auf verpestete Luft zurückzuführen.

Sanjeev Verma
Das Ausmaß der Folgen von Luftverschmutzung wird bisher von Politikern völlig unterschätzt und ignoriert.
  • Jedes Jahr sterben weltweit Millionen Menschen an Luftverschmutzung
  • Die Politik ignoriert das Problem weitgehend

Als sich im vergangenen Jahr mit Winterbeginn dichter Smog über die indische Stadt Neu-Delhi legte, sahen sich Ärzte und medizinische Fachkräfte gezwungen, den gesundheitlichen Notstand auszurufen.

Scharenweise strömten die Menschen mit Atemwegsproblemen in die Krankenhäuser der Stadt. Cricketspieler mussten bei einem Länderspiel gegen Sri Lanka Atemmasken tragen. Und United Airlines stornierte wegen der bedenklichen Luftqualität Flüge nach Neu-Delhi. 

Das waren aber nur die sichtbaren Folgen der Luftkrise in Delhi. Die unsichtbaren sind viel gravierender. 

Mehr als sechs Millionen Tote 2016

Luftverschmutzung ist keine Todesursache, die Ärzte auf dem Totenschein notieren. Aber Erkrankungen, die auf Luftverschmutzung zurückzuführen sind,  Lungenkrebs oder Emphyseme zum Beispiel, verlaufen oft tödlich.

Das Ausmaß der Folgen von Luftverschmutzung wird bisher von Politikern völlig unterschätzt und ignoriert.

Laut dem Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der Universität von Washington starben 2016 6,1 Millionen Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung. Das sind fast 12 Prozent der Todesfälle weltweit.

SANJEEV VERMA/HINDUSTAN TIMES VIA GETTY IMAGES
Smog über Gurgaon, einer Stadt südwestlich von Neu-Delhi in Nordindien.

“Die Luftverschmutzung gehört zu den größten Killern unserer Zeit“, schreibt Philip Landrigan von der US-amerikanischen Icahn School of Medicine at Mount Sinai in einem Artikel, der in der medizinischen Fachzeitschrift “The Lancet” erschien. 

EU will Deutschland verklagen

Doch nicht alle sind zu dieser Erkenntnis gekommen. Der verstorbene Umweltminister Indiens, Anil Madhav Dave, sorgte zum Beispiel im vergangenen Jahr für Schlagzeilen, als er abstritt, dass es Beweise dafür gebe, dass die Luftverschmutzung in Indien eindeutig für den Tod von Menschen verantwortlich sei.

Der amtierende indische Umweltminister, Harsh Vardhan, stellt sich ebenfalls auf den Standpunkt, “dass es zu weit geht, für jeden Todesfall die Ursache in der Luftverschmutzung zu sehen.“

Aber nicht nur in Indien verharmlosen Politiker die Folgen von Luftverschmutzung. Auch im Westen tun Politiker zu wenig, um gegen Luftverschmutzung vorzugehen. Die EU-Kommission droht Deutschland gar mit einer Klage wegen der zu dreckigen Luft in deutschen Metropolen.

Dabei gibt es zahlreiche Studien, die die Verbindung zwischen einer niedrigeren Lebenserwartung und Luftverschmutzung aufzeigen. 

Mehr zum Thema: Diese Menschen leben an den schmutzigsten Straßen Deutschlands - und haben eine klare Botschaft an die Politik

DAVID HENRY MONTGOMERY/HUFFPOST
Weltweite Todesrate durch Luftverschmutzung.

Entwicklungsländer sind Hauptleidtragenden der Umweltverschmutzung 

Barry Levy, Lehrbeauftragter für öffentliche Gesundheit an der amerikanischen Tufts University School of Medicine sagt:

“Es gibt sehr viele Daten, die die Luftverschmutzung im Außen- und Innenbereich mit negativen gesundheitlichen Auswirkungen in Verbindung bringen. Hierzu gehören auch akute und chronische Erkrankungen, die Verschlimmerung chronischer Erkrankungen mit teilweise tödlichen Folgen.”

Die zunehmende Luftverschmutzung ist ein Problem, das die gesamte Weltbevölkerung betrifft, aber nicht alle Länder sind gleichermaßen betroffen. 

Laut IHME waren im Jahr 2016 in Indien rund 1,6 Millionen Todesfälle auf die Luftverschmutzung zurückzuführen.

“Was die Anzahl der Todesfälle durch Luftverschmutzung angeht, ist Indien die Nummer 1“, sagt Philip Landrigan gegenüber der HuffPost. 

Umweltfaktoren verschärfen das Problem

In Afghanistan und in verschiedenen afrikanischen Ländern ist allerdings die Sterberate, die auf Luftverschmutzung zurückzuführen ist, noch höher als in Indien.

Das liegt vermutlich daran, dass es in diesen Ländern extrem staubig und trocken ist. Zusätzlich wird die Luft noch durch Autoabgase und durch das Abbrennen von Feldern belastet.

“Im Zuge der Globalisierung wurden Rohstoffabbau und Produktion in ärmere Länder verlagert, in denen die Umweltvorschriften und deren Durchsetzung teilweise recht lax gehandhabt werden”, sagt Karti Sandilya, der für die Fachzeitschrift “The Lancet” ein großes Forschungsprojekt zum Thema Luftverschmutzung betreut, der Nachrichtenagentur Reuters. 

“Die Menschen in ärmeren Ländern ― zum Beispiel Bauarbeiter in Neu-Delhi ― sind der Luftverschmutzung außerdem stärker ausgesetzt und können sich weniger davor schützen, weil sie zur Arbeit laufen oder mit dem Fahrrad oder dem Bus fahren.”

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Menschen verlassen Schmutzmetropole Neu-Delhi

Die geographische Lage Nordindiens verstärkt die Probleme mit der Luftverschmutzung zusätzlich.

Die Gegend ist wie ein Kessel, in dem sich die schlechte Luft von den abgebrannten Feldern außerhalb der Stadt staut und sich mit den industriellen Abgasen innerhalb der Stadtgrenzen vermischt.

Das Problem ist mittlerweile sogar so groß, dass Menschen ganz aus Neu-Delhi wegziehen.

Das berühmteste Beispiel ist vielleicht der TV-Star Mayur Sharma: Er hat seinen Job aufgegeben und ist mit seiner Familie aus der Hauptstadt weggezogen, um der Luftverschmutzung zu entkommen. 

“Das Recht zu atmen, so möchte man meinen, ist das grundlegendste aller Rechte ― grundlegender noch als Essen oder Wasser. Und dieses Recht ist gerade ernsthaft in Gefahr”, sagte Sharma gegenüber dem Nachrichtensender NPR. 

In Bezug auf die Luftverschmutzung und die Bevölkerungsdichte stehen China und Indien vor ähnlichen Problemen. In China hat sich die Zahl der vorzeitigen Todesfälle durch Luftverschmutzung jedoch mittlerweile stabilisiert

Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass in China Unternehmen, die die Luft übermäßig verpesten, Geldbußen und Klagen drohen. Der indischen Regierung scheint jedoch wirtschaftliches Wachstum wichtiger zu sein als die Luft, die die Bürger atmen.

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Luftverschmutzung macht nicht vor Landesgrenzen halt

Da die Luftverschmutzung und die damit einhergehenden Gesundheitsprobleme nicht vor Ländergrenzen Halt machen, kann kein Land seine Umweltprobleme allein lösen.

► Laut eines Artikels, der im vergangenen Jahr in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde, hatte die Luftverschmutzung in China im Jahr 2007 Einfluss auf schätzungsweise 3100 vorzeitige Todesfälle in den USA und in Westeuropa.

► Gleichzeitig werden knapp 110. 000 vorzeitige Todesfälle in China mit der Luftverschmutzung, die in den USA und in Westeuropa entsteht, in Verbindung gebracht.

Luftverschmutzung kann sich über weite Strecken hinweg ausbreiten und in den Gebieten, die in Windrichtung liegen, gesundheitliche Auswirkungen haben“, erklärt der Umweltforscher Qiang Zhang von der Tsinghua-Universität in Peking. 

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Wie der Klimawandel die Luftqualität beeinflusst

Auch der Klimawandel trägt zur wachsenden Luftverschmutzung bei: Höhere Temperaturen erhöhen auch das Risiko für Lauffeuer und Lauffeuer verschmutzen die Luft. 

Im Zuge des Klimawandels erhöht sich auch die Konzentration an bodennahem Ozon, das einer der Hauptbestandteile des urbanen Smogs ist Laut der US-Umweltbehörde EPA kann es Gesundheitsprobleme wie Brustschmerzen, Halsschmerzen und Lungenentzündungen auslösen.

Doch anders als beim Klimawandel fehlt eine globale politische Allianz, die sich des Problems annimmt.

Kirk Smith, Professor für globale Umweltgesundheit an der University of California in Berkeley, drückt es folgendermaßen aus: “Luftverschmutzung kümmert sich nicht um politische Grenzen.” 

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der US-Ausgabe der HuffPost. Die HuffPost wird sich in einer Serie von Artikeln mit den Auswirkungen von Luftverschmutzung beschäftigen - und Projekte und Ideen präsentieren, die die Luftqualität verbessern und Leben retten können. 

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(amr)