POLITIK
20/06/2018 16:37 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 17:54 CEST

Zeitung liegt Liste mit 34.641 Toten bei – der Grund ist beschämend

Erschreckend – und ernüchternd.

MAHMUD TURKIA via Getty Images
Afrikanische Migranten an der libyschen Küste.
  • Der britische “Guardian” hat am Mittwoch eine Liste abgedruckt, die Migranten aufzählt, die im Mittelmeerraum bei ihrer Flucht nach Europa gestorben sind.
  • Die Botschaft dahinter: Der Preis der europäischen Abschottung ist der Tod zehntausender Menschen. 

Die Liste beginnt mit vier Toten. 

Wir kennen weder ihre Namen, noch ihr Alter. Nur von einem kennen wir das Geschlecht. Aber was wir wissen: Sie sind ertrunken. Im Mittelmeer. Vor der Küste der libyschen Hauptstadt Tripolis

34.637 weitere Tote folgen in dieser 56 Seiten langen Liste. Sie liegt an diesem Mittwoch der britischen Tageszeitung “Guardian” bei. Bei den Toten handelt es sich um Menschen, die seit 1993 nach Europa fliehen wollten – und dabei ihr Leben verloren haben.

Der nasse Tod 

Die Liste stammt von der NGO United mit Sitz in den Niederlanden. Die Aktivisten sammeln die Berichte über tote Migranten und Flüchtlinge im Mittelmeerraum seit 1993. In diesem Jahr trat der Maastricht-Vertrag in Kraft, wo sich die EU-Mitgliedsstaaten verpflichten, bei der Kontrolle ihrer Außengrenzen zusammenzuarbeiten. 

► Die Menschen auf der Todes-Liste starben an Herzversagen, weil die illegale Überreise mithilfe von Schleppern sie traumatisiert. Andere starben bei Autounfällen, weil die Schlepper bei Kontrollen durchdrehten. Die allermeisten aber ertranken im Mittelmeer bei der Überfahrt nach Europa.

► Im Fall der vier Toten, mit denen die Liste beginnt, ist die libysche Küstenwache mitverantwortlich für den Tod: Im Mai verhinderte sie, dass zwei Schiffe von Seenotrettern Migranten auf einem Boot hilft, das drohte zu kentern. Das berichtete die Nachrichtenagentur AFP.

Der Preis der Abschottung

Das Boot der Migranten war demnach heillos überladen, die libysche Küstenwache wollte die Menschen zurück an Land bringen, doch die sprangen ins Wasser.

Sie wussten, was sie an der libyschen Küste erwartet: Vielleicht Folter, vielleicht ein Dasein als Sklave. In jedem Fall aber ein Lager, in denen Zustände herrschen, die deutsche Diplomaten laut einem geleakten internen Bericht des Auswärtigen Amt mit Konzentrationslagern vergleichen

Laut der AFP hatte die italienische Regierung die libysche Küstenwache angewiesen, sich um das Flüchtlingsboot zu kümmern. Rom hat ein Abkommen mit den Libyern geschlossen. Seitdem sinken die Zahlen der Menschen, die an der italienischen Küste ankommen.

Der Preis sind Episoden wie diese im Mai. Der Preis ist, dass Menschen Gefahr laufen, im Mittelmeer den Tod zu finden. Der Preis ist, dass die Liste der Toten immer länger wird.

Die Tode der vier Menschen an diesem Tag im Mai ist eine von vielen tragischen Geschichten, die sich jede Woche im Mittelmeer abspielen.

Vom Abstrakten zu den Toten

Wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wie so viele ihrer europäischen Kollegen vom “Schutz der europäischen Außengrenzen” spricht, dann sind damit Abkommen wie zwischen Italien und Libyen gemeint. 

Der “Schutz der Außengrenze” klingt abstrakt. Mit der Liste, die der “Guardian” am Mittwoch anlässlich des Weltflüchtlingstages abdruckt, bekommen die Toten zwar kein Gesicht – aber die Folgen der europäischen Abschottungspolitik werden deutlich. 

Viele Menschen loben die britische Tageszeitung daher für die Aktion.

► Torcuil Crichton der schottischen “Daily Record” schreibt auf Twitter: “Diese Gewässer sind das größte, nicht gekennzeichnete Grab Europas.”

► Alan Gosschalk vom Kinderhilfswerk “Plan UK” nennt die Liste “erschreckend und sehr ernüchternd”.

► Auch die “Guardian”-Kolumnistin Frances Ryan spricht von einem “ernüchterndem und wichtigem” Stück Journalismus

“Es geht um Leben und Tod”

Nachdem die neue populistische Regierung in Rom durch Anweisung von Innenminister Matteo Salvini italienische Häfen für Schiffe von NGOs, die Migranten in Seenot retten, gesperrt hatte, schrieb der Grünen-Politiker Erik Marquardt in einem Gastbeitrag für die HuffPost: “Was wir dieser Tage erleben, ist unmenschlich und eines europäischen Staates unwürdig.”

Er ist mit dem Schiff “Sea Watch 3” der Berliner NGO Sea Watch im Mittelmeer unterwegs gewesen und verurteilte die gegenwärtigen Versuche, die Abschottung Europas voranzutreiben. 

Marquardts Fazit, das uns alle angehen sollte: “Es geht hier nicht um einfache Schreibtischentscheidungen in Brüssel oder Berlin, sondern um Leben und Tod.”

(mf)