BLOG
18/03/2018 16:36 CET | Aktualisiert 18/03/2018 16:36 CET

Eine wenig bezaubende Zauberin

‘Alcina’ an den Händelfestspielen in Karlsruhe

Auf eines kann man sich immer verlassen an den Händelfestspielen in Karlruhe: Dass dort die Barockmusik immer in höchster Qualität zu hören ist. Was die Inszenierungen angeht, die Regie und die Ausstattung, wo oft junge Kräfte zum Einsatz kommen, gibt es positive und negative Überraschungen. Die letztjährige Inszenierung der ‚Semele’ war da ein absolutes Highlight: Die Idee, wie das Thema des erotisch wildernden Jupiter in die Gegenwart zu übertragen sei, war perfekt umgesetzt. Man fand sich im Oval Office und anderen Orten des Weissen Hauses, wo Jupiter und Juno in den Gestalten zweier Präsidentenpaare ( Kennedy und Clinton ) diverse Szenarien ausspielten, deren Konnotationen stark an Ereignisse in deren Präsidentschaft erinnerten, wieder. Auch die Hauptdarsteller waren stark auf ihre ‚Vorbilder’ gestylt. Die ‚Geliebte Semele’ erleidet das Schicksal fast aller ausserehelichen Geliebten. Hier allerdings wurde dargestellt, dass sie zudem das Pfand zwischen zwei mächtigen Persönlichkeiten ist, die auch in der Liebe miteinander rivalisieren. Die Inszenierung auf der Drehbühne des Schauspielhauses erlaubt es die Szenerie immer wieder rotieren zu lassen, erinnernd an Schnitzlers ‚Reigen’, und machen die Wiederholbarkeit der Ereignisse deutlich. Das klare moderne Bühnenbild, die den Rollen angemessenen Kostüme und auch die zwischenmenschlichen Aspekte hervorhebende Regie sowie die schauspielerisch überzeugenden Sänger formten ein begeisterndes Ganzes. Dies zeigte, dass das Spiel mit der Macht immer noch modern ist und nach offensichtlich zeitlos gültigen Strategien gespielt wird. Der Macht- und der Sexualtrieb scheinen Brüder zu sein.

Staatstheater Karlsruhe
'Alaina und ihre 'Geister'

Auch die diesjährige Neuinszenierung ist musikalisch ausgezeichnet. Musikdirektor Andreas Spering überrascht sogar mit interpretatorischen Ideen, wie Arien auf nur ein Instrument gesungen, die überraschen und überzeugen. Nicht überzeugend ist allerdings die Inszenierung. Einmal sind die angebotenen Bilder verwirrend bis hässlich. Schon beim Eintritt überraschte eine Bühne mit ungebleichten Fetzen, die für das Kommende zumindest ästhetisch nichts Gutes verhiessen. Auch das Bühnenbild, hauptsächlich zwei rechtwinklig angeordnete weisse Wände, die in verschiedenen Farben angeleuchtet wurden oder kurze Jagdszenen und Grossaufnahmen der Sänger zeigten, überzeugte nicht, zumal die projizierten Darstellungen keiner erkennbaren Logik folgten. Auch der Sinn der zwischen den Wänden angebrachten Schnurvorhänge blieb verborgen. Eine dritte eingezogene Wand später in der Oper war mit an Anselm Kiefer erinnernde Reliefen versehen. Auch deren Existenz warf Fragen auf. Ähnlich war es bei den Kostümen: Fetzenmässig herunterhängende Gazebahnen in hellen Naturtönen als Kleidung der Geister passten zur Deko und liessen Hippiebilder entstehen. Auch die phantasievollen Kostüme der Zauberin ‚Alcina’ passten dazu. Doch was war mit dem Kostümen ihres Liebhabers Ruggiero? Sollten die steifen Brockatkörperpanzer darauf hinweisen, dass er ein Ritter war? Wirklich augenschädigend waren allerdings die Kostüme der armen Bradamante, Ruggieros Braut, die auf die Insel gekommen war um ihren Verlobten zurückzuholen und ihres Vertrauten Melisso. Man kann diese dunklen, unförmigen Teile auf gewissen Flohmärkten finden. Doch müsste ein Clochard diverse Nächte unter einer Brücke verbringen um sie in diesen Zustand zu versetzen. Ein Kompliment, dass die beiden in diesen ‚Ungeheuerlichkeiten’ noch so schön gesungen haben.

Staatstheater Karlsruhe
'Alcina' Layla Claire

Bei Stimme war auch Layla Claire als überzeugende Zauberin, wenn auch nicht immer differenziert. Countertenor David Hanson, hingegen, differenzierte zu stark. Sein Gesang schwankte zwischen Trompetentönen und gar nicht Hörbarem. Nachdem man gerade den ausgezeichneten Valer Sabadus in ebendieser Rolle in Basel gehört hatte, fielen diese Auswüchse noch mehr auf. Eine wirkliche Entdeckung war Aleksandra Kubas-Krux als Alcinas Schwester. Ihre wandelbare Stimme und ihr schauspielerisches Können kamen vor allem in der Szene zur Geltung als sie lange Bradamante in Gestalt ihres Bruders Ricciardo nachschmachtend und ihren Mann Oronte überzeugen will, sie als Gattin zurück zu nehmen. Die einschmeichelnde Süsse mit der sie singt und ihr kätzchenhaftes Umgarnen des zuerst unwilligen Partners, hätten wohl jeden Mann verführt. Sonst aber wurden die Beziehungen der Gestalten untereinander nicht ausgeführt. Eine Opernregie wie bei Luc Bondy, die auch einen Akzent auf Interpersonelles setzt, war nicht zu bemerken. Im grossen Ganzen war die Inszenierung konventionell mit einigen nicht ganz verständlichen Einstreuungen. Was sollte die Szene mit den Gegnern ‚Alcinas’ rund um ein Feuer mit Schwertern in der Hand? Sie erinnerte an Wagnerisches und passte so nicht ins Ensemble. Auch warum Alcina auf einmal mit einem mächtigen Hirschgeweih umhereilt bleibt unklar. Will sie damit etwa die von Tieren zu Menschen zurückverwandelten abgelegten Liebhaber bedrohen?

Staatstheater Karlsruhe
'Alcina' , Ruggiero ihr Liebhaber (David Hansen) und die Geister

‚Alcina’, die populärste Oper Händels, die oft aufgeführt wird und gerade erst in Basel in einer interessanten Inszenierung zu sehen war, wie auch in Paris, dort eher konventionell, und in Zürich mit Cecilia Bartoli und einem faszinierenden dreistöckigen Bühnenbild und Requisiten, die in die Gegenwart führen, bietet schon wegen der Konkurrenz der vielen Aufführungen eine Herausforderung auch in der Inszenierung. Die diesjährigen Händelfestspiele in Karlsruhe sind bezüglich der Inszenierung hinter ihren Möglichkeiten und den Erwartungen ihres treuen Publikums zurückgeblieben.