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22/09/2018 16:03 CEST | Aktualisiert 22/09/2018 16:03 CEST

Eine Hommage an die Untergewichtigen

Neulich schlendere ich so durch die Flure, Gedankenversunken, als mich folgende Worte wie die Fäuste der Klitschko Brüder ins Gesicht treffen:

„Herr Tasch, sie sehen aber dünn aus. Das ist ja schon fast krankhaft!“

Vor mir steht eine Frau mittleren Alters. Ihr mitleidiger Blick mustert meinen Körper. Ich stehe nur da und suche nach einer Antwort. Doch es kommt nix. Wo ist denn die Schlagfertigkeit, wenn man sie mal braucht. Ihre Worte reßen tiefe Wunden auf, denn „Dünnsein“ begleitet mich schon mein ganzes Leben.

In der Pubertät, hochgeschossen, schief gewachsen, Hühnerbrust, Hohn und Spott. Kinder halt. Im Sportunterricht immer der schlechteste im Turnen, ich komme einfach nicht die Kletterstange hoch. Da hole ich mir lieber ein Attest. Also auf der Bank sitzen und zusehen. Neben mir sitzt ein Klassenkamerad im hautengen V-Shirt. Alle Mädchen kleben mit an seinen Muskeln, während ich immer mehr zusammensacke. Nie wieder Freibad, drei Pullover übereinander gezogen, Moped frisiert, um vom Körper abzulenken. Dann die erste Freundin, ich versuche mich für mein Aussehen zu rechtfertigen, sie kauft mir mitleidig Pizza, Eis und Döner. Es ändert nichts daran. Ich bleibe eine Bohnenstange. Mein Hautarzt sagte als Kind nach jeder Untersuchung zu meiner Mutter:

„Der sieht ja aus wie eine Hundehütte. In jeder Ecke ein Knochen.“

Eine Frage: Ist es erlaubt, den „Dünnen” immer und überall zu vermitteln, wie dünn sie doch eigentlich sind. Gibt es da irgendeinen Freifahrschein? Ich gehe ja auch nicht durch die Stadt und spreche adipöse Menschen an:

„Entschuldigung, sie sehen aber dick aus. Das ist ja schon fast krankhaft!“

Tut man nicht. Ist Pietätlos! What Else. Bis zu meinem 40. Geburtstag rannte ich aus diesem Grund nur einem Ideal hinterher. Einem Ideal, welches dir überall suggeriert wird:

Hab einen kräftigen, muskulöse Körper, dann bist du gesund und wirst Erfolg haben!

Ich landete bei Youtube. Dort gab es plötzlich etliche Fitnesspäpste, die dir mit ihren tollen Ernährungs- und Trainingsplänen mit maximalen Erfolgen versprachen. Vom „Hardgainer“ zum Muskelpaket. In nur 6 Wochen. TOP!! Ich hatte das Pech, bei einem der Dümmsten zu landen (sein Name lasse ich hier mal beiseite). Er bat als Lösung an: „Trainieren bis zum Muskelversagen, Fressen, bis nix mehr rein geht. Am besten nur Kohlenhydrate.“ Ich kaufte mir einen Standmixer, vermengte 100 Gramm Haferflocken mit einem Liter Hafermilch, schluckte die Pampe runter, kotze und machte mir den nächsten Shake. Mit dieser Ernährungsweise nahm ich sogar etwas zu, ca. 2 kg Bauchspeck. Sah echt scheiße aus. Ich meldete mich bei McFit an, um mit dröhnender Motivatinsmusik auf die Ohren meine Körper zu stählen. Unter Tränen mühte ich mich an den 8 Kilo Hanteln ab, trotzend der mitleidigen Blicke aller muskelbepackten Mitglieder. Über 3 Jahre hinweg trainierte ich mir ein paar kleine Muskeln sowie eine große Fehlhaltung an. Der große Knall kam mit 40, mein Körper sagte. „Nö“, zu diesen Umständen. So nicht weiter!

Es kam der Zusammenbruch.

Manchmal braucht man die Keule, um zur Vernunft zu kommen. Heute habe ich eine ganz andere Sichtweise auf die Dinge. Ich bin mittlerweile Läufer geworden. Meditationsläufer aus Leidenschaft. Und, ich liebe meinen Körper! Weil ich so „dünn“ bin, kann locker 5 – 10 Kilometer barfuß joggen, federnd im Vorderfuß-Lauf, ohne Probleme an den Gelenken. Dies ist meine Bestimmung: das Laufen. Ich habe dazu eine Theorie, die aus der Vergangenheit stammt. Aus der Zeit, als wir noch in Höhlen lebten:

Die Natur hat nicht umsonst unterschiedliche Körpertypen geschaffen. Der Muskulöse, wie mein Freund Dirk zum Beispiel, der erschlägt das Mammut. Er hat die Kraft dazu. Sein Körper besteht zum großen Teil aus „weißen Muskelfasern“. Diese sind sehr kräftig, ermüden jedoch schnell. Er braucht nur ein Schlag und das Mammut ist Tod 😊

Dafür kann er nicht besonders lang laufen. Und nun komme ich ins Spiel. Ich bestehe zum großen Teil aus „roten Muskelfasern“, diese sind nicht besonders kräftig, dafür sehr ausdauernd. Ich jage die Gazelle, stundenlang, bis sie umkippt. Das ist ja auch wichtig, sonst gäbe es ja ständig Mammutfleisch. Das will ja auch keiner.

Spaß beiseite, die Natur hat sich etwas dabei gedacht. Vielleicht kann ich den einen oder anderen „Dünnen“ dazu ermutigen, nicht denselben Fehler zu machen. Gerade du solltest lieber Ausdauersport betreiben, anstatt dich in irgendwelchen Fitnessstudios abzuquälen. Es liegt in deiner Natur und es wird dich glücklicher machen. Bestimmt!

Mittlerweile habe ich durch das Laufen sogar mehr Muskulatur aufgebaut, als damals im Fitnessstudio. Die „Rote“ natürlich, die man eh nicht sieht. Ist mir aber auch egal.