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05/07/2018 17:07 CEST | Aktualisiert 05/07/2018 17:07 CEST

"Die Pro-Erdoğan-Medien manipulieren – und ich bin einer der Akteure"

Im Inneren der regierungsnahen türkischen Presse.

Murad Sezer / Reuters
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf einem Monitor einer TV-Kamera. (Archivbild vom Juli 2017)

Für Tausende Journalisten in der Türkei ist die Anstellung bei einem der von der Regierung beeinflussten Medienhäuser die letzte Möglichkeit auf einen Job.

Einige der Journalisten leisten passiven Widerstand gegen die Linie, die ihnen vorgegeben wird. Andere resignieren und fügen sich, aus Angst um ihren Job.

 Tuğba Tekerek hat für das International Press Institute (IPI) zahlreiche Kolleginnen und Kollegen interviewt. Sie geben einen exklusiven Einblick, wie die staatlich beeinflussten türkischen Medienunternehmen arbeiten.

“Das was ich tue, ist vielleicht Verrat, durch und durch”, sagte Murat*.

Murat, der sich selbst als Sozialist beschreibt, arbeitet bei einer der türkischen Zeitungen, die der Regierung am nächsten stehen. Im Gespräch mit mir nannte er die Zeitung ein “ideologisches Flugblatt” und einen “Fetzen”.

“Niemand liest uns, wir füllen einfach nur die Seiten”, fügte er noch an.

Zeitungen dieser Art machen fast 90 Prozent des Marktanteils in der Türkei aus. Fast täglich liefern zehn bis 15 Zeitungen Schlagzeilen, die das exakt gleiche Zitat des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan enthalten. Mittlerweile gibt es nur noch einige wenige unabhängige Zeitungen.

Viele kennen die Gefahr für unabhängige Berichterstattung, die vom Monopol der von der Regierung beeinflussten Medien ausgeht. Doch wie geht es den Tausenden Journalisten in der Türkei, die für diese Nachrichtenunternehmen arbeiten?

Interviews mit ihnen zeigen die Herausforderungen und liefern exklusive Einsichten über die Arbeitsweise der regierungsnahen Nachrichtenmaschinerie. 

Der Lieblingssport des Präsidentenkindes

Sportreporter Murat gab überraschende Auskunft darüber, wie Journalisten wie er bei der Arbeit beeinflusst werden.

“Sogar die routinemäßigen Glückwünsche des Präsidenten an Sportpersönlichkeiten werden groß aufgebauscht“, sagte er. “Wir berichten viel über Bogenschießen, da es der Lieblingssport des Sohns des Präsidenten, Bilal Erdoğan, ist. Wir berichten auch viel über die Tätigkeiten von bekannten Sportlern wie Hidayet Türkoğlu und Hamza Yerlikaya, die offenkundige Unterstützer des Präsidenten sind. Die anderen regierungsnahen Medien machen das auch.“

Murat erklärte außerdem, dass seine Zeitung Erdoğan im Referendum über das präsidentielle Regierungssystem im Jahre 2017 unterstützt habe.

″(Die Fußballer) Rıdvan und Arda starteten in den sozialen Medien eine ‘Ja’-Kampagne. Ich selbst schrieb eine Schlagzeile, die so klang, als würden alle Fußballer die ‘Ja’-Kampagne unterstützen. Die Schlagzeile lautete: ‘Fußballer sagen Ja zu einer starken Türkei.’ Aber wenn Fans der Eintritt ins Stadion verwehrt wird, weil sie einen ‘Nein’-Anstecker tragen, dann kann man nicht darüber berichten.“

Murat verteidigte seine Arbeitsweise mit dem Argument, dass er nicht für die politische Presse schreibe und die sportorientierten Medien die “unwichtigsten der Unwichtigen” seien. Laut seiner Auffassung wird niemand durch seine Beiträge dazu gebracht, Erdoğans Regierungspartei AKP zu wählen.

Außerdem merkte er an, dass er nicht seine einzige Einkommensquelle verlieren wolle.

Für Erdoğan und über Erdoğan

Irfan, der im vergangenen Jahr als Online-Redakteur bei einer regierungsnahen Zeitung arbeitete, sagte im Interview: “Was hier geschieht, ist Manipulation und ich bin einer der Akteure in diesem Prozess.“ Seine Auffassung von Verantwortung unterscheidet sich von Murats.

Irfan arbeitete für die TürkMedya Group, die unter anderem die Zeitungen “Akşam” und “Güneş” veröffentlicht. Die TürkMedya Group ist Eigentum von Hasan Yeşildağ, der Erdoğan im Jahre 1999 ins Gefängnis begleitete, um ihn vor einem Mordanschlag zu schützen.

Zum Hintergrund: Erdoğan wurde 1999 für das Vortragen eines Gedichts zu einer viermonatigen Haftstrafe verurteilt.

Im Hinblick auf die redaktionelle Linie und die Auswahl der Berichterstattung sagte Irfan:

“Nachrichtenbeiträge über die Inflation oder Menschen, die der Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung beschuldigt werden und gegen Kaution entlassen wurden, würden es niemals auf unsere Website schaffen. Nachrichten über Kılıçdaroğlu, den Anführer der Oppositionspartei CHP, würden nur im Falle eines Skandals von uns verbreitet werden. Alles erscheint komplett willkürlich und man muss sich immer vor Augen führen: Alles ist für Erdoğan und über Erdoğan.”

Anadolu Agency via Getty Images
Ein Journalist berichtet von den jüngsten türkischen Wahlen.

Laut Irfan wenden die Journalisten bei seinem früheren Arbeitgeber diese einfache “Erdoğan-Regel“ ständig an. Das allein reiche aber nicht, um den Nachrichten den richtigen Beigeschmack zu geben.

“Falls deine Schlagzeilen nicht reißerisch genug sind, wirst du als schwach angesehen und jemand anderer bekommt deinen Job“, sagte er.

Irfan zufolge gibt es in diese System keine Instanz, an die man sich wenden könnte. ”Man lebt mit dieser Frustration”, erklärte er. “Jedem von uns ist klar, wie der Hase läuft. Sie zwingen dich nicht, für sie zu arbeiten. Ich habe gerade erst online gesehen, dass 2000 Menschen Interesse haben an dem Job, den ich ausübte. Es gibt niemanden, an den man sich wenden kann, keine Gegenwehr.”

Irfan sagte, dass er als “ungefährlich” eingeschätzt werde und deshalb seinen Job behalten dürfe. Obwohl bekannt ist, dass er kein Unterstützer der AKP ist.

Trotzdem werden im Fall von Beförderungen normalerweise Kollegen bevorzugt, die ein Foto von Erdoğan auf ihrem Schreibtisch oder als Hintergrundbild ihres Computers haben. Irfan war monatelang arbeitslos und bewirbt sich nun zusammen mit Tausenden anderen online um dieselben Jobs. Es ist ihm mittlerweile egal, ob sein nächster Job bei einem unabhängigen oder regierungsnahen Medium sein wird.

Blockierte Gewerkschaften

Yusuf, der bis zum vergangenen Jahr bei Turkuvaz Medya angestellt war, betonte den Zusammenhang zwischen der Abwesenheit von Gewerkschaften bei regierungsnahen Medien und dem großen Einfluss der Regierung bei eben diesen.

Die Auflösung von Gewerkschaften im Mediensektor ist nichts Neues. Aydın Doğan, bis Anfang 2018 Besitzer der Doğan Media Group, leitete bereits 1991 erste Schritte ein, um Gewerkschaften zu schwächen und bei der Arbeit zu behindern.

Ahmet Çalık, ein regierungsnaher Geschäftsmann, der zuvor noch nichts mit Medien zu tun hatte, kaufte 2008 die Sabah-ATV Gruppe. Çalık leitete auch dort sofort Maßnahmen ein, um eine Gewerkschaftsbildung zu verhindern. Die Sabah-ATV Gruppe wurde später an Turkuvaz Medya weitergegeben, welche sehr enge Beziehungen zur Regierung pflegt. Eines der Vorstandsmitglieder, Serhat Albayrak, ist der Bruder des Energieministers Berat Albayrak – Erdoğans Schwiegersohn.

Yusuf berichtete, dass der Angriff auf die Nachrichtenabteilung bei Turkuvaz Medya, das Entlassen von Mitarbeitern, die nicht die AKP unterstützten, sowie die starken Zensureingriffe bei Turkuvaz Medya im Jahre 2008 begonnen hätten.

Jedes Mal, wenn man irgendwo für einen Nachrichtenbeitrag hinreiste, sagten sie: 'Ah, du bist einer von unseren Männern.' (...) Die regierungstreuen Mitarbeiter sprechen sich alle miteinander ab." Yusuf, Journalist

Er erinnert sich daran, wie sich die Situation bei dem Medienunternehmen danach veränderte.

Jedes Mal, wenn man irgendwo für einen Nachrichtenbeitrag hinreiste, sagten sie: ‘Ah, du bist einer von unseren Männern.’ Nein, ich bin ein Journalist, mein Freund! Ich bin nicht automatisch auf deiner Seite. Aber die regierungstreuen Mitarbeiter sprechen sich alle miteinander ab. Sie sagen Dinge wie: ‘Es kommt eine Story über Kılıçdaroğlu. Wie sollen wir darüber berichten, welche Art von Schlagzeile wollen Sie?’ Wie kann ein Journalist nur so eine Frage stellen? Das ist eine Schande!“

Yusuf hat mittlerweile jede Hoffnung aufgegeben, weiterhin als Journalist arbeiten zu können. Stattdessen hat er nun ein neues Leben weit weg von Istanbul begonnen.

“Wenn das vorbei ist, werde ich mir die Augen ausheulen“

Deniz ist ein Journalist bei einer Zeitung, die von Erdoğan Demirören gekauft wurde, ebenfalls ein Geschäftsmann mit engen Verbindungen zur Regierung. Deniz akzeptiert die Zuschreibung “regierungsnah“ für seine Zeitung nicht. Er sagte auch, seine Zeitung verzerre die Nachrichtenbeiträge nicht zu Gunsten der Regierung.

Wie nahe Demirörens Medienkonzern aber Präsident Erdoğan steht, geht aus einem Telefongespräch der beiden Männer im Jahr 2014 hervor, das später geleakt wurde. In dem Telefonat fragte Demirören Präsident Erdoğan unter Tränen: “Haben wir Sie verärgert, Boss?“ Am Ende des Telefonats sagte Demirören bedrückt: “Wie bin ich nur in dieses Geschäft geraten? Für wen?”

Im April 2018 wurde die Doğan Group, Herausgeber der einflussreichen Zeitung “Hürriyet”, von Demirörens Konglomerat aufgekauft. Damit löste Demirören die Doğan Group als größten Medienkonzern der Türkei ab.

OZAN KOSE via Getty Images
Ein Zeitungskiosk in der Türkei.

Die Medien des Demirören-Konglomerats gelten als weniger offensichtlich voreingenommen als andere regierungsnahe Medien. Trotzdem tauchen in dessen Zeitungen “Milliyet” und “Vatan” die Äußerungen und Taten Erdoğans unverhältnismäßig öfter auf als die anderer Politiker.

So gibt es so gut wie keine Berichterstattung über die zweitgrößte Oppositionspartei der Türkei, die HDP (Demokratische Partei der Völker), Neuigkeiten über die sozialdemokratische CHP (Republikanische Volkspartei) tauchen nur auf den Innenseiten der Zeitung auf.

Deniz trat der übereinstimmenden Meinung über die Berichterstattung von Demirören entgegen. “Wenn Sie sich das genauer ansehen, dann werden Sie feststellen, dass wir nur Journalismus betrieben haben.” 

Er bestand darauf, dass seine Zeitung auch denen eine Stimme gebe, die unter Erdoğans Politik litten, und dass es journalistischer Feinfühligkeit bedürfe, um regierungskritische Nachrichtenbeiträge zu verfassen.

Trotzdem leugnete Deniz nicht, dass es Eingriffe der Regierung gab. “Ja, ich spüre es”, sagte er. “Es wird definitiv Druck ausgeübt, das kann man nicht leugnen.”

Um den Grad der Selbstzensur aufzuzeigen, erzählte er folgende Anekdote:

“In einer Ausgabe der Zeitung druckten wir einen langen Bericht über Umweltschäden. Am nächsten Tag wies das Umweltministerium die Behauptungen zurück. Ich weiß nicht genau, ob tatsächlich jemand von der Regierung einen Anruf bei uns gemacht hat, aber von da an achteten wir darauf, nie wieder etwas Ähnliches zu berichten.”

Wir druckten einen langen Bericht über Umweltschäden. Am nächsten Tag wies das Umweltministerium die Behauptungen zurück. Ich weiß nicht genau, ob tatsächlich jemand von der Regierung einen Anruf bei uns gemacht hat, aber von da an achteten wir darauf, nie wieder etwas Ähnliches zu berichten. Deniz, Journalist

Deniz hat schon oft erwogen, die Zeitung zu verlassen.

“Es gab viele Dinge, die ich einfach schlucken musste. Dinge, die ich einfach akzeptieren musste, um weitermachen zu können“, sagte er. “Morgen oder übermorgen, oder wann auch immer das hier alles vorbei ist, werde ich einfach aufstehen und mir die Augen ausheulen.”

Die Tagesordnung richtet sich nach dem Staat

Wir haben versucht, die jeweiligen Leiter der regierungsnahen Zeitungen “Sabah”, “Akşam” und “Vatan” zu erreichen, um sie nach ihrer Meinung zu fragen, erhielten aber keine Antwort.

“Milliyet”-Chefredakteur Mete Belovacıklı bestand darauf, dass die Regierung weder direkten noch indirekten Druck auf seine Zeitung ausübe.

Auf die Frage, warum sich die Schlagzeilen von “Milliyet” ständig um Erdoğan und seine Aussagen drehen, antwortete Belovacıklı: “In den letzten vier bis fünf Jahren kamen alle Aussagen, die Auswirkungen auf unsere Tagesordnung haben, von unserer politischen Verwaltung.“

“Immerhin habe ich nicht nur den Mund gehalten“

Laut Nazım Ali, einem weiteren Journalisten, der für die Demirören Media Group arbeitete, wurden Artikel, welche die Regierung verärgern könnten, oftmals ins Innere der Zeitung verbannt.

“Falls diese Artikel dann tatsächlich veröffentlicht werden, versteckt man sie auf den Innenseiten oder sie werden in einer Art formuliert, die es erschwert, das eigentliche Problem herauszulesen“, erklärte Ali. Er betonte,  dass dies eine gängige und akzeptierte Vorgehensweise bei dieser Zeitung sei.

Nach der Veröffentlichung von Beiträgen wurde er regelmäßig ins Büro des Redakteurs gebeten und ihm wurde gesagt, dass “uns diese Story Probleme machen wird”, oder dass “ich keinen Anruf aus der Abteilung des Bezirksbürgermeisters bekommen will”.

“Jedes Mal, wenn ich einen Nachrichtenbeitrag schrieb, fühlte ich mich so, als wäre ich ein Unruhestifter oder jemand, der die Zeitung in eine schwierige Lage bringt”, sagte Ali.

Jedes Mal, wenn ich einen Nachrichtenbeitrag schrieb, fühlte ich mich so als, wäre ich ein Unruhestifter oder jemand, der die Zeitung in eine schwierige Lage bringt." Nazım Ali, Journalist

“Die Lage bei unserer Zeitung ist nicht so schlimm wie bei ‘Akşam’ oder ‘Yeni Şafak’, aber auch hier ist es kein Zuckerschlecken, weil sie ständig probieren, dich zu kontrollieren”, fügte er hinzu.

“Es gab Zeiten, zu denen ich wirklich psychische Probleme hatte. Ich war sogar schon an dem Punkt, dass ich mir selbst sagte: ‘Ich halte das nicht mehr aus.’ Aber ich musste stark bleiben, ich musste weitermachen.”

Ali verließ die Zeitung bereits vor einiger Zeit. Er arbeitet derzeit an seinen Fähigkeiten, damit er wieder in seinen Beruf als Journalist zurückkehren kann, in einer stärkeren Verfassung.

In Anbetracht seiner Situation konnte er sich damit trösten, dass er nicht kampflos gegangen war.

“Am Ende tat ich mir einfach schwer mit all den Demoralisierungen umzugehen, das ganze Mobbing, und wenigstens habe ich nicht nur den Mund gehalten, immerhin habe ich den Mund aufgemacht.“

* Die Namen der Journalisten wurden geändert, um ihre Identität zu schützen.

Dieser Artikel erschien zuerst beim International Press Institute (IPI), einer Organisation, die sich weltweit für die Pressefreiheit einsetzt. Der Text ist Teil einer eigenen IPI-Serie zum Thema Pressefreiheit in der Türkei und den Schwierigkeiten, auf die Journalistnen in der Türkei heutezutage bei der Ausübung ihres Berufs treffen. Der vorliegende Text wurde aus dem Englischen  von Benedikt Stuck übersetzt.

(mf/sk)